Olbernhauer Schnaps erfährt Neuauflage

Ein Wahl-Olbernhauer lässt die lange nicht mehr produzierte Spirituose wieder aufleben. Fachliche Hilfe kommt dabei aus Lauterbach.

Olbernhau.

Früher sollen es die Vögel von der Mauer gezwitschert haben, dass man den echten Olbernhauer trinken soll - glaubt man einem Werbespruch. Der bezog sich auf einen aromatisierten Trinkbranntwein, hergestellt von der Firma A. F. Reichel - bis 1959. In jenem Jahr wurde das Unternehmen halbstaatlich und durfte fortan keinen Schnaps mehr herstellen.

Jetzt, 60 Jahre später, gibt es wieder einen echten. Der Wahl-Olbernhauer Guido Kolberg hat den Schnaps herstellen lassen. Die Idee dazu kam ihm allerdings nicht spontan. "Als ich 1994 die Gebäude der ehemaligen Stadtbrauerei an der Zöblitzer Straße gekauft habe, kannte ich die Geschichte dahinter nicht wirklich", so Kolberg. Dort gründete August Friedrich Reichel 1838 ein Unternehmen, welches unter dem Namen 'A. F. Reichel' Dampf- und Branntweine sowie Schnaps und Likör hergestellte. Nachdem die Firma 1945 unter Zollaufsicht der sowjetischen Besatzungsbehörden gestellt wurde, entstand dort auch der als "Bergmannsfusel" bezeichnete Schnaps. Außerdem wurden Weine aus Ungarn und Bulgarien in Flaschen abgefüllt. 1959 war dann auch damit Schluss. Später wurden nur noch alkoholfreie Erfrischungsgetränke hergestellt.

Nach der Verstaatlichung 1972, der Eingliederung als Betriebsteil 4 in den VEB Stadtbrauerei Olbernhau und der Auflösung des Betriebes 1991 standen die Gebäude leer. "Im Laufe der Jahre bekam ich dann immer mehr Informationen zur Geschichte der Firma Reichel", so Guido Kolberg. Auch ehemals verwendete Etiketten, Unterlagen, Prospekte und Flaschen, allesamt leer, trug er zusammen. Nur eines blieb ungewiss: Wie hat der echte Olbernhauer geschmeckt? "Im Laufe der Firmengeschichte gab es mehrere Geschmacksrichtungen und vermutlich auch Rezepturen", weiß Guido Kolberg. 2018 dann kam er mit einer Expertin auf diesem Gebiet ins Gespräch: Kathleen Ullmann-Sieber, die Chefin des Lauterbacher Spirituosenherstellers. Dabei entstand die Idee, den echten Olbernhauer wieder aufzulegen. "Das eigene Brennen in Olbernhau schied dabei von vornherein aus", sagt Kolberg und spricht damit sowohl die technischen als auch die rechtlichen Voraussetzungen an. Aus allen verfügbaren Informationen zur Zusammensetzung des Schnapses kreierte Kathleen Ullmann-Sieber zwei Proben. Diese wurden dann von rund 30 Testern verkostet und ein eindeutiger Favorit ermittelt. "Wenn A. F. Reichel heute einen Schnaps machen würde, dann wahrscheinlich so", ist sich Guido Kolberg sicher und verrät noch ein Kuriosum: Im Zuge der Verkostung hat er einen Mann kennengelernt, der noch eine original verschlossene Flasche des echten Olbernhauers sein Eigen nennt. Diese will er im kommenden Jahr, aus Anlass seines 80. Geburtstages, öffnen und verkosten. Dann wäre ein Vergleich möglich.

Zunächst hat Guido Kolberg 100 Liter der jetzt 34-prozentigen Spirituose, die eine milde Kümmelnote hat, herstellen lassen. Für die Flaschen in der 0,7-Liter-Abfüllung sucht er regionale Vertriebspartner. "Als ersten Verkaufspunkt konnte ich die Olbernhauer Touristinformation gewinnen", sagt Guido Kolberg. Mit dem Verkauf verfolgt der Geschäftsmann einen besonderen Zweck: "Derzeit befindet sich in Olbernhau eine Bürgerstiftung in Gründung. Der Gewinn aus dem Verkauf des Schnapses kommt ihr zugute."

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