Paul möchte mal wieder ins Stadion

Christina Nitzsche aus Aue und ihr Sohn sitzen in der Klemme: Das Auto, mit dem Pauls Rollstuhl transportiert werden kann, ist nur noch Schrott, ein neues viel zu teuer. "Leser helfen" will die Familie unterstützen.

Aue-Bad Schlema.

Bei seinem ersten Besuch im Erzgebirgsstadion war Paul (heute 16) noch ein Baby, ungeboren im Mutterleib. Hat er von der Begeisterung der Zuschauermenge etwas mitbekommen? Jubelschreie, die sich als Vibrationen übertragen haben? Die Glücksgefühle seiner Mutter, wenn der FC Erzgebirge ein Tor geschossen hat?

Christina Nitzsche (40) ist Fan des FCE, so lange sie zurückdenken kann. "Mein Opa hatte mich zum Fußball mitgeschleppt", erzählt sie. "Später haben mein Ex-Mann und ich versucht, zu jedem Spiel zu gehen, auch auswärts." Ab einem Alter von drei Jahren war Paul regelmäßig dabei. Auswärtsspiele wurden zu anstrengend, aber daheim im Lößnitzgrund gehörte er zu den Kindern, die man ständig von dem Zaun herunterholen musste, der die Zuschauerplätze von der Tartanbahn trennte. "Man konnte ihn kaum bändigen", sagt Christina Nitzsche.

Während sie ihre Geschichte erzählt, streicht sie ihrem Sohn über den Arm. Paul trägt Lilaweiß, seinen Lieblingspullover. "Kumpelverein" steht auf der Brust, hinten die Rückennummer 04, sein Geburtsjahr. Aber es ist ein anderer Junge als der, der damals am liebsten über den Zaun geklettert und aufs Spielfeld gestürmt wäre. "Aue", sagt er. Wahrscheinlich würde er gerne weiterreden, aber es kommt nichts mehr.

Vor neun Jahren, kurz nach der Einschulung, wurde Paul schwer krank. In der einen Woche Zuckertütenfreude, in der nächsten Fieber und Erbrechen. Es stellte sich heraus, dass Paul sich bei einem Hausbewohner angesteckt hatte, der unter Tuberkulose litt, einem Dauerhuster, der nie zum Arzt gegangen sei, berichtet die Erzgebirgerin.

Die Tuberkulose-Bakterien lösten bei Paul eine Hirnhautentzündung aus - tuberkulöse Meningitis. Für den Jungen kam die Hilfe fast zu spät. Seine Mutter erinnert sich, dass Untersuchung auf Untersuchung folgte, Klinik auf Klinik. Überdruck in Pauls Kopf, eine Dränage, um Hirnwasser abzulassen, Intensivstation, künstliches Koma. "Ich habe geweint", sagt Christina Nitzsche. "Der Chefarzt meinte, Pauls Organe könnten immer noch versagen. Dann wäre er heute nicht mehr da. Aber er hat gekämpft. Als klar war, dass er leben würde, habe ich wieder geweint, diesmal vor Freude."

Nach einem Vierteljahr kam Paul zur Reha, doch er hatte sich verändert. "Er konnte nicht laufen, nicht reden, nicht essen. Er musste alles von vorne lernen, wie ein Säugling", erzählt Christina Nitzsche. Heute sitzt ihr Sohn im Rollstuhl und isst wieder allein, wenn auch unter Aufsicht. Er besucht die Brünlasberg-schule in Aue, eine Förderschule für geistig behinderte Menschen.

Im vorigen Januar dann ein kleines Wunder: Nachdem er fast neun Jahre kein Wort gesprochen hatte, fing Paul zu reden an. "Als hätte man einen Schalter umgelegt", freut sich Christina Nitzsche. "Er kann jetzt von allem etwas, aber noch nichts richtig. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages vielleicht vollständig zurückkommt."

Auch im Stadion beim FC Erzgebirge war Paul wieder. Was er da gemacht hat? "Anfeuern!", ruft er. Seine Aussprache ist undeutlich, aber sein Lächeln verrät, was er meint.

Wie viel vom Geschehen auf dem Platz er mitbekommt, ist unsicher. Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus war Pauls Sehvermögen stark beeinträchtigt, vor mehr als einem Jahr folgte die Diagnose: Der Junge ist blind. Trotzdem sei er glücklich, wenn es im Stadion rundgeht, sagt seine Mutter. "Er freut sich, wenn die Zuschauer jubeln. Die Fußball-Atmosphäre, die spürt auch er. Man sieht es ihm an."

Seit einer Weile sind der Familie keine Stadionbesuche mehr möglich. Christina Nitzsches Auto, ein 22 Jahre alter Renault Espace - groß genug, damit Pauls Rollstuhl hineinpasst - kommt nicht durch den Tüv. "In der Werkstatt haben sie festgestellt, dass die Lenkachse angerostet ist. Die Bremsen müssten erneuert und der Unterboden komplett ausgetauscht werden", berichtet sie.

Zuletzt hatte sie 800 Euro in eine Lichtmaschine, eine Zündspule und neue Federn gesteckt. Für weitere Ausgaben fehlt der Hartz-IV-Empfängerin das Geld. "Den Weihnachtsbesuch bei Bekannten in der Lausitz haben wir bereits abgesagt", sagt Christina Nitzsche.

Mit einem kleinen Auto ist es nicht getan. Sie benötigt ein Fahrzeug, in dem sie Pauls Rollstuhl und vielleicht sogar seinen Therapiestuhl transportieren kann, was ihnen auch längere Ausflüge ermöglichen würde. Doch diese Fahrzeugklasse ist viele Nummern zu groß für den Geldbeutel der Nitzsches. "Leser helfen", die Spendenaktion der "Freien Presse", will die Familie aus dem Erzgebirge daher unterstützen.

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