Protestaktion: Bagger parkt OB zu

Dieser Tag auf dem Parkplatz der Annaberger Stadtverwaltung war kein gewöhnlicher: ein schwarz-gelber Koloss blockierte die Zufahrt. Ein Fahrer war weit und breit nicht in Sicht. Stattdessen ein höfliches Schreiben. Was steckte dahinter?

Annaberg-Buchholz.

Der Ausblick am Arbeitsplatz von Cemal Dinc ist für gewöhnlich eher dröge. Schaut der Inhaber des Dönerladens an der Oberen Schmiedegasse aus dem Fenster, sieht er vor allem eines: Kopfsteinpflaster und Autos - und den Rathausparkplatz nebenan. Nicht so am Mittwochmittag. Vor dem Fenster tauchte ein schwarz-gelber Koloss auf und versperrte Sicht und Einfahrt. Doch der Bagger tat nichts, was man von einer Baumaschine erwartet. Weder hub er ein Loch aus, noch transportierte er eine Last. Er stand einfach da. Im Führerhaus: keine Menschenseele. Dafür klebte an der Frontscheibe gut sichtbar ein höflich formuliertes, aber sehr bestimmtes Schreiben.

"Sehr geehrte Mitarbeiter des Rathauses unserer Großen Kreisstadt Annaberg-Buchholz, wir bitten Sie, die Unannehmlichkeiten durch das Parken dieses Gerätes auf Ihrem Parkplatz zu entschuldigen. Leider ist unsere Geduld erschöpft ..." Im weiteren Verlauf des Schreibens bringt der Unterzeichner, die Geschäftsführung einer Annaberger Firma, Unmut zum Ausdruck: Über die zu Wochenbeginn ausgeschilderte Umleitung auf der B 95 in Richtung Oberwiesenthal. Diese habe viele Kunden der Firma zu einer Vollsperrscheibe geführt. "Wir als guter Gewerbesteuerzahler", heißt es, sind "wieder einmal komplett von der Außenwelt abgeschnitten". Eine Bitte vom Montagmorgen bei der Stadtverwaltung, "die Umleitung sinnvoll zu verändern, wurde bis heute nicht umgesetzt". Man sei bereit, die Maschine zu entfernen, wenn "eine korrekte Umleitung" ausgewiesen sei. Der Brief schließt mit den Worten, dass man den Sachverhalt gerne per Mail mitgeteilt hätte. "Jedoch wurde heute im Zuge der Baumaßnahmen auf der Alten Poststraße ohne jegliche Vorankündigung die Telekomverbindung stillgelegt." Der Bagger in der Einfahrt - in Stahl manifestierter Protest. Eine Nutzerin des Parkplatzes, die mit ihrem Auto runter will, schüttelt mit dem Kopf. Sie ist genervt. "Klar gibt es viele Sperrungen und Umleitungen derzeit, aber so etwas ist keine Lösung." Oberbürgermeister Rolf Schmidt geht noch weiter. "Das ist Erpressung", zürnt er vor Ort in erster Reaktion. Verständnis für die Aktion hat er nicht. Der Parkplatz werde schließlich auch von einer Arztpraxis genutzt. Was, wenn es einen Notfall gibt? Außerdem habe er von dem zugrunde liegenden Problem nichts gewusst. Und die Stadt habe mit der Umleitung nichts zu tun, denn die Baumaßnahme auf der B 95 ist Sache des Freistaates.

Genau das ist einer der Punkte, die Katrin Hein ärgert. Sie ist Geschäftsführerin der Firma Hein Baumaschinen & Nutzfahrzeuge - jene Firma, die den Bagger abgestellt hat. "Wir sind keine Krawallmacher", sagt die 52-Jährige auf Anfrage von "Freie Presse". "Wir haben wirklich Verständnis für Baumaßnahmen, wir leben ja selber vom Bau."

Doch gleichzeitig Baustellen auf Alter Poststraße und B 95, immer wieder verärgerte Kunden und Lieferanten, die vor der Vollsperrscheibe stehen, die nach ihren Worten falsche Umleitung, die trotz Hinweis nicht zeitnah geändert wurde, und das tote Telefon: Am Mittwochmorgen lief das Fass einfach über. Im Hintergrund schwelt, dass man schon viele Jahre vergeblich um eine Straßenbeleuchtung kämpft. "Man ist sehr abgeschnitten hier draußen", sagt Katrin Hein, Chefin von rund 25 Mitarbeitern im Ortsteil Kleinrückerswalde. Doch was ändert daran ein blockierter Parkplatz? "Mit der Aktion wollten wir erreichen, dass die Stadt mal aufwacht", erklärt die 52-Jährige. Sie erwarte auch, dass die Behörden Baumaßnahmen besser koordinieren. Eine schiebe die Zuständigkeiten auf die andere. Viele Prozesse dauerten sehr lange. Fakt ist derweil, dass die Firma - wenn auch über einen großen und teils sehr huckeligen Umweg - erreichbar ist. Die Lkw müssen dafür derzeit offiziell über Geyersdorf, Königswalde und Morgensonne sowie weiter über B 95 und Alte Karlsbader Straße fahren. Eine entsprechende Mitteilung hatte die Kreisstadt am Dienstagnachmittag im Internet veröffentlicht.

Gegen 14 Uhr tuckerte am Mittwoch der schwarz-gelbe Bagger friedlich von dannen. Die Stadtverwaltung hatte zuvor die Firma aufgesucht. "Es ist kein bösartiges Gespräch gewesen", sagte ein Mitarbeiter. Es sei vereinbart worden, dass Vertreter der Firma Hein zu einem weiteren klärenden Gespräch eingeladen werden. Trotz dieser Bereitschaft findet die Stadtverwaltung die Bagger-Aktion alles andere als lustig. Der Firma droht nun eine Strafanzeige wegen Nötigung.

Die Konsequenzen nimmt Katrin Hein in Kauf. Nur die Sache mit dem blockierten Parkplatz der Arztpraxis tut ihr "furchtbar leid." Dieses Problem löste der Betriebshof bereits vor Ende der Blockade. Mitarbeiter entfernten ein Schild, sodass der Pkw passieren konnte. Jenes Schild weist auf den städtischen Parkplatz hin und zeigt einen Laster, der lässig einen widerrechtlich abgestellten Pkw abschleppt. Mit dem Bagger wäre das schwieriger geworden.

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