Raub entpuppt sich als Befreiungsaktion

Drei junge Leute aus Aue sollen einen türkischen Mitbürger überfallen haben. Im Prozess gab es eine dramatische Wende.

Aue.

Es klang nach der klassischen Honigfalle. Ein hübsches Mädchen (damals 18, heute 20) besucht einen Mann (40) in seiner Wohnung. Sie sagt, dass sie mal auf die Toilette muss. Dabei öffnet sie die Tür im Flur, ihre Komplizen (27, 28) dringen in die Wohnung ein, verprügeln den Mann und rauben ihn aus. Die Beute soll aus einem Fernseher und drei Handys bestanden haben.

Der Geschädigte kannte die jungen Leute aus seinem Dönerimbiss. Man habe ein gutes Verhältnis gehabt, sagte der 40-Jährige am Landgericht Chemnitz, wo sich die Angreifer wegen schweren Raubs, gefährlicher Körperverletzung und - im Fall des Mädchens - wegen Beihilfe zum Raub verantworten mussten. Die Vorwürfe wogen so schwer, dass das Amtsgericht Aue den Fall abgegeben hatte, weil das mögliche Urteil die Strafmaßbefugnis der Amtsrichter überstieg. Fünf bis 15Jahre Haft drohten den Räubern. "Der eine hat mir ein Messer an den Hals gehalten", sagte der Imbissbesitzer. Seine Angaben zur Klingenlänge gingen mit Gesten einher, mit denen ein Angler seinen Fang beschreiben würde. "Ich konnte es nicht richtig sehen ... Es war ein großes Messer ... Ich hatte noch nie so ein großes Messer gesehen."

Ein Messer sei gar nicht im Spiel gewesen, sagte der Hauptangeklagte. Er war der Bruder des Mädchens und schilderte den Vorfall, der sich Ende Januar 2017 in der Wettinerstraße von Aue zugetragen hatte, so: "Ich bekam einen Anruf von meiner Schwester. Sie sagte, dass sie bei ihm sei und dass er sie nicht aus der Wohnung lassen will. Da bin ich hingerannt." Unterwegs traf er einen Kumpel, forderte ihn auf, als Verstärkung mitzukommen. "Ich bin da rein, sehe alle möglichen Drogen auf dem Tisch liegen und bin durchgedreht. Ich habe ihn vermöbelt. Das war dumm, aber ich hab's getan. Es ging um meine Schwester." Gestohlen hätten sie jedoch nichts.

Die Schwester bestätigte die Aussagen. Unklar blieb, was die junge Frau in der Wohnung des 40-Jährigen wollte. "Wir hatten so einen Draht", sagte sie. Später im Prozess konnte sie "es nicht mehr sagen".

Der Türke erklärte über seinen Dolmetscher, sie habe Geld gewollt. Dann wieder waren es Drogen. Seine Aussagen wurden immer widersprüchlicher. So präsentierte er dem Gericht eine Narbe am Hals, die von dem Messer stammen sollte. Bei der Polizei hatte er gesagt, das Messer habe ihn nicht verletzt. Ein Arzt hatte auch nichts dergleichen festgestellt.

Am Ende hielt das Gericht die Version der jungen Leute für glaubhaft: Einen Raub hat es nicht gegeben, nur die Befreiung eines Mädchens. Dabei gingen die Angeklagten aber zu weit. Der Bruder wurde daher wegen Körperverletzung zu zehn Monaten Haft verurteilt, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Schwester muss wegen Beihilfe zur Körperverletzung 50 Arbeitsstunden leisten. Der Kumpel wurde freigesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...