Schnelle Hilfe rettet Olbernhauer

Siegfried Reuter hat allen Grund zum Feiern. Das schnelle Eingreifen seiner beiden Nachbarinnen rettete ihm nach einem lebensgefährlichem Kammerflimmern beim Schneeschippen das Leben - ein prägendes Erlebnis auch für die beiden Frauen, obwohl sie Krankenschwestern sind.

Olbernhau.

Siegfried Reuter und seine Frau Eva-Maria Sailer-Reuter haben am 12. April allen Grund zum feiern. Dann werden sie mit Kindern und Verwandten nicht nur ihren 29. Hochzeitstag begehen, sondern auch den 85. Geburtstag des Olbernhauers. Der ist nicht nur des hohen Alters wegen ein besonderer, sondern weil Siegfried Reuter sein Leben seit dem 3. Februar vor allem seinen couragierten Nachbarn verdankt.

Knut Böttger kann sich noch Wochen später an den Vorfall Anfang Februar genau erinnern: "Ich habe mit unserer Enkeltochter eine Schneehöhle gebaut, Herr Reuter beräumte gegenüber mit der Schneefräse den etwa 25 Zentimeter hohen Schnee vom Fußweg vor seinem Haus. Wir hatten gerade noch gescherzt, als ich plötzlich sah, wie er mit aufgerissenen Augen neben der Fräse lag. Unsere Enkelin hat sofort meine Frau geholt, ich bei der Nachbarin geklingelt. Unsere Tochter hat die 112 angerufen. Dort wurden Fragen zum Zustand des Patienten gestellt."

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Silke Böttger und Ute Kaden - beide sind Krankenschwestern - haben sofort mit der Herzdruckmassage begonnen und damit nicht aufgehört. Diesem Einsatz verdankt der Olbernhauer sein Leben. "Unser Nachbar war bewusstlos und hat nicht mehr geatmet, da habe ich gleich mit der Herzdruckmassage begonnen und mich mit Ute Kaden abgewechselt, bis der Rettungsdienst kam. Die Rettungsassistenten haben dann mit einem Defibrillator den Herzrhythmus wieder hergestellt. Das war ganz schön anstrengend. Ich war zwar schon bei Reanimationen dabei, hatte aber noch nie selbst eine Herzdruckmassage an einem Menschen ausgeführt", erinnert sich Silke Böttger, die bis 2011 als Schwester im Krankenhaus gearbeitet hat und nun als Arzthelferin in Sayda tätig ist. "Ich habe nur gedacht: Hoffentlich mache ich alles richtig. Aber ich wusste: Du musst überhaupt was tun", sagt die 46-Jährige.

Ihre Nachbarin Ute Kaden, die nach dem Nachtdienst als Schwester im Olbernhauer Krankenhaus zuhause geschlafen hatte und gerade aufgestanden war, hat Ähnliches empfunden: "Wir haben einfach gemacht. Als der anfangs noch fliehende Puls ganz weg war, haben wir sofort mit der Massage begonnen." Geholfen habe ihr dabei das Wissen aus einer Weiterbildungsveranstaltung: "Daher wusste ich: Nicht damit aufhören. Solange drücken, bis Hilfe kommt."

Obwohl Wiederbelebungen zu ihrem Arbeitsalltag in der Notaufnahme gehören, hat die 53-Jährige diese Situation dennoch mit gehöriger Anspannung bewältigt: "Bei der Arbeit ist immer noch ein Arzt dabei. Wenn man jemanden so daliegen sieht und ist erst mal auf sich allein gestellt, ist das schon noch einmal etwas anders. Ich war voll mit Adrenalin und bin froh, dass wir zu zweit waren. Und ehrlich: Das war echte Knochenarbeit."

Das hat auch Knut Böttger, der zum ersten Mal bei einer Wiederbelebung dabei war und sich in diesen Minuten wie in einem Film vorkam, so empfunden. Er ist voller Achtung vor der Leistung der beiden Frauen: "So eine Herzdruckmassage ist richtig harte Arbeit."

Obwohl der Notarzt aufgrund des massiven Schneefalls an diesem Tag bei einem Einsatz in der Marienberger Region feststeckte, war dennoch schnell Hilfe da: von der Rettungsleitstelle, die sich in nur wenigen Minuten Entfernung befindet, und mit Dr. Tilo Huster, in dessen Saydaer Allgemeinarztpraxis Silke Böttger als Schwester arbeitet. Er sei bei ihrem Anruf von der Kaffeetafel aufgesprungen, in wenigen Minuten vor Ort gewesen und habe den Patienten im Rettungswagen ins Olbernhauer Krankenhaus begleitet.

Dort wurde Siegfried Reuter von Dietmar Barthel empfangen. "Die Helfer haben alles richtig gemacht. Ohne ihre Laienanimation ohne Hilfsmittel wäre Siegfried Reuter wahrscheinlich gestorben", sagt der Leitende Oberarzt der Inneren Abteilung. Er veranlasste, dass der Patient umgehend in eine kardiologische Fachabteilung ins Chemnitzer Küchwaldklinikum gebracht wurde: "Weil der Hubschrauber aufgrund des Wetters nicht landen konnte, war das Krankenauto mit ihm drei Stunden unterwegs."

Nach mehreren Wochen Krankenhausaufenthalt, davon vier Wochen auf der Intensivstation, und in der Rehaklinik am Tharandter Wald ist Siegfried Reuter froh, seit Mittwoch wieder zuhause zu sein. Wie sehr sein Leben am seidenen Faden hang - daran kann sich der inzwischen wieder agile Mann nicht erinnern: "Ich weiß nur noch, dass ich in einem Krankenhaus wieder zu mir gekommen bin." Schon da war für ihn die Freude groß, als es Stück für Stück aufwärts ging: er seine Beine wieder koordinieren konnte und die Sprache wieder funktionierte. Ein bei ihm implantierter Defibrillator wird nun dafür sorgen, dass ihm so ein lebensgefährliches Missgeschick nicht noch einmal passiert.

Dass er seinen 85. Geburtstag am 24. Februar im Krankenhaus mit einem dicken Kuss seiner Frau und einem Glas Schwarzbier erleben durfte, ist für ihn rückblickend ein eher glücklicher Umstand. Eva-Maria Sailer-Reuter ist froh, die "schlimmsten Wochen ihres Lebens" überstanden und ihren Mann wieder an ihrer Seite zu haben: "Er freut sich schon lange auf gutes Essen."


Richtiges Verhalten im Notfall

Was tun, wenn jemand zusammenbricht oder bewusstlos aufgefunden wird? "Als erstes die Person in eine stabile Seitenlage bringen, Puls und Atmung prüfen. Wenn der Mensch nicht atmet, auf alle Fälle versuchen, die Atemwege frei zu bekommen. Je nachdem, wie gut der Helfer geschult ist und er sich das traut, den Mund öffnen und möglicherweise Erbrochenes entfernen", rät Dietmar Barthel, Leitender Oberarzt der Inneren Abteilung am Olbernhauer Krankenhaus.

Der Puls sollte am Hals gemessen werden. "Wenn kein Herzschlag wahrgenommen wird, die Person auf den Rücken drehen und mit der Herzdruckmassage beginnen", so der Mediziner. Mit dem Handballen auf die Mitte der Brust in Intervallen rund sechs Zentimeter tief drücken - etwa 100 Mal in der Minute, am besten nach dem Rhythmus des Bee-Gees-Hits "Staying alive".

Noch besser: Massage und Beatmen. Nach 30 mal Drücken die Nase des Bewusstlosen mit den Fingern verschließen, zweimal Luft in seinen Mund blasen, bis sich der Brustkorb hebt. Das Ganze fortsetzen, bis der Patient wieder atmet oder Hilfe kommt.

Ganz wichtig: Von einem anderen Helfer über die Notrufnummer 112 Hilfe anfordern lassen. Wenn niemand sonst anwesend ist, zuerst selbst anrufen. (mb)

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