Schuldenfalle: Schicksal eines Erzgebirgers

Am Montag beginnt eine bundesweite Aktionswoche. Eine Beraterin aus Marienberg spricht über ihren Alltag und einer sich schnell abwärts drehenden Spirale.

Marienberg.

Der Großvater verschweigt, dass seine Rente nicht mehr zum Leben reicht. Er macht Schulden, um Kindern und Enkeln Geschenke kaufen zu können. In Finanznot steckende Familien wechseln den Energieanbieter und fallen auf unseriöse Unternehmen herein. Kinder sind von der Überschuldung ihrer Eltern betroffen und werden ausgegrenzt. Solche Fälle schildert Jana Martin von der Schuldnerberatung der Diakonie Marienberg.

Wer zu ihr kommt, sitzt mitunter auf einem Schuldenberg von Tausenden Euro. Zufrieden ist Jana Martin, die bereits auf 13 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann, wenn sie jemandem aus finanzieller Not helfen konnte und dessen Leben danach wieder in geordneten Bahnen läuft. "Beziehungsprobleme, geringes Einkommen oder Arbeitslosigkeit, alleinerziehend oder alleinlebend - diese Fakten stehen oft am Anfang von Schuldnerschicksalen. Die Spirale dreht sich dann schnell bis zum Tiefpunkt", erklärt Jana Martin.


Wie das schlimme Los eines Mannes aus dem Erzgebirgskreis, der zunächst mit der Trennung von seiner Lebensgefährtin samt gemeinsamem Sohn nicht klar kam, dann arbeitslos wurde und später sein Arbeitslosengeld restlos aufgebraucht hatte. Das frustrierte den 31-Jährigen so sehr, dass er sich gar nicht mehr um Unterstützung vom Staat bemühte. Auch nicht, als er das hätte tun können. Laufende Kosten wie die Miete bediente der Mann nicht mehr, Mahnbriefe ließ er ungelesen - Vogel-Strauß-Mentalität: Den Kopf in den Sand stecken.

"Der Vermieter hat mir dann 2016 gekündigt. Eine Woche vor der Zwangsräumung habe ich ein paar Klamotten und Dokumente in einen Rucksack gepackt und bin raus", erzählt der 31-Jährige, der ab diesem Moment obdachlos war. "Unter der sprichwörtlichen Brücke habe ich aber nie geschlafen, sondern habe immer einen Unterschlupf bei Freunden, Bekannten oder jemandem aus der Familie gefunden", erklärt der Erzgebirger. Die Familie war es dann auch, die ihn bewegte, sich professionell helfen zu lassen. Da waren mittlerweile schon anderthalb Jahre vergangen.

Die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Marienberg halfen ihm zunächst dabei, Hartz IV zu beziehen und damit seine Grundversorgung sicherzustellen. Auch eine Wohnung fand sich. "Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich nach anderthalb Jahren wieder die eigene Tür hinter mir zumachen konnte", erinnert sich der Erzgebirger, dessen Schulden sich beim ehemaligen Vermieter, Stromanbieter und einer Krankenkasse auf insgesamt rund 32.000 Euro hochgeschaukelt hatten. In dieser Situation suchte er den Kontakt zur Schuldnerberatung, die ebenfalls unter dem Dach der Diakonie arbeitet, und kam mit Jana Martin in Kontakt, die ihn seither betreut. Durch die enge Zusammenarbeit der Beratungsstellen im "ehemaligen Waisenhaus" in Marienberg, in dem die Diakonie ihren Sitz hat, kann bedarfsgerechte Hilfe und Unterstützung gewährt werden.

Jährlich bearbeiten drei Berater im Bereich der sozialen Schuldnerberatung und der Insolvenzberatung rund 240 Fälle. Dies umfasst auch die Kontakte zu den jeweiligen Gläubigern. "Dazu kommen noch etwa 150 Personen, die sich einmalig oder auch mehrmals jährlich mit den unterschiedlichsten Fragen und Problemen an uns wenden, ohne eine längere Beratungsbeziehung zu uns aufzubauen. Zusätzlich stellen wir jährlich mehr als 100 Bescheinigungen für die Erhöhung des Freibetrages auf Konten aus", fasst Jana Martin zusammen.

Sie schätzt ein, dass der Bedarf an Beratung in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist. "Allerdings werden die Fälle komplexer, und es kommen mehr Menschen zu uns, die erwerbstätig sind. Viele warten auch zu lange. Sinnvoller ist es, sich bei Problemen mit Miete und Strom sofort mit den Beratern in Verbindung zu setzen", sagt Jana Martin, die weiß, dass die Schulden oft nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisberges sind. "Oft liegen viele Probleme im Verborgenen", so die Beraterin. Als ihre erste und wichtigste Maßnahme sieht sie, Vertrauen zu den Klienten aufzubauen. "Es ist für den Berater ganz wichtig, dass der Klient offen mit ihm spricht. Es wird niemand verurteilt, denn es kann wirklich jeden treffen", stellt Jana Martin fest.

Für den 31-Jährigen sieht sie Licht am Ende des Schuldentunnels, auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist. "Mit ihm bereiten wir gerade ein Verbraucherinsolvenzverfahren vor", blickt sie voraus. Der Mann hat mittlerweile wieder Arbeit gefunden und absolviert in einem Betrieb der Metallbranche eine Ausbildung, die er voraussichtlich im Juli kommenden Jahres abschließen wird. Die Zusage, dass er im Betrieb bleiben darf, hat er schon. "Wenn er weiter so zuverlässig ist und sich an die Regeln und Pflichten im Verbraucherinsolvenzverfahren hält, kann er 2025 schuldenfrei sein", blickt Jana Martin voraus.


Motto lautet Albtraum Miete

Die 20. bundesweite Aktionswoche Schuldnerberatung steht unter dem Titel "Albtraum Miete". Sie findet in diesem Jahr vom 3. bis zum 7. Juni statt.

Im Rahmen der Aktionswoche wird am Donnerstag, 6. Juni, an allen Beratungsstellen der Diakonie und der Caritas in der Zeit von 9 bis 11 Uhr ein offener Sprechtag angeboten. Dabei soll es vorwiegend um Probleme mit der Miete gehen.

Kontaktdaten: Die Schuldner- und Insolvenzberatung des Vereins Diakonisches Werk im Kirchenbezirk Marienberg befindet sich am Goethering 5 in 09496 Marienberg. Die Diakonie ist ebenfalls telefonisch und per E-Mail erreichbar. (faso)

Email: sb@diakonie-marienberg.de

www.diakonie-marienberg.de

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6Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    Nixnuzz
    02.06.2019

    @AchimAdams: Und wie wäre es mit einer "Bringeschuld" unseres Staates? Vielleicht von den untersten "Gewählten", die ihr Ohr nicht nur bei den besorgten KMU's haben sollten?

  • 7
    1
    AchimAdams
    02.06.2019

    Wenn Hilfen nicht in Anspruch genommen werden, oder in Anspruch genommen werden wollen: dann können auch keine Hilfen geleistet werden.
    Die zuständigen Stellen können es beim besten Willen nicht raten ob möglicherweise Hilfen benötigt werden.

  • 11
    10
    Nixnuzz
    02.06.2019

    @AchimAdams: Sie übersehen die Selbstachtung des Einzelnen. Wieviel "Sozialhilfen" wurden von Betroffenen (nicht) abgerufen? Wieviele können deswegen morgens in den Spiegel sehen und nicht an ihrer persönlichen Wertigkeit verzweifeln? Oft viele Jahre Leistung geliefert und dafür mehr oder weniger gut bezahlt und dafür anerkannt worden. ..oder auch nicht. Und: Welcher Abwehrmechanismus durch Bürokratie wurde vom Staat aufgebaut? Welche Sprachregelungen (wording) wurden da neu geschaffen? Es gäbe noch vieles zu ergänzen aber für heute muss es reichen..OK?

  • 16
    4
    AchimAdams
    02.06.2019

    @Nixnuzz: der Staat kann nur helfen, wenn man sich um Hilfe bemüht. Werden keine Anträge gestellt, woher soll der Staat dann wissen dass Hilfe benötigt wird?
    Der Staat hilft ja zwischenzeitlich auch, nachdem die Anträge gestellt wurden.

  • 7
    8
    Zeitungss
    02.06.2019

    @Nixnuzz: Wie wahr !!!!

  • 10
    9
    Nixnuzz
    02.06.2019

    Hochachtung für den Einsatz der Diakonie und anderer an dieser sozialen Front. Bittere Frage: Wo ist hier der Staat mit seiner Fürsorgepflicht. Wo ist das Wirtschaftsministerium, das zwar Steuern erheben läst aber den "Sozialgewinn" unter den Tisch fallen läst? Braucht es nicht auch einen hiesigen "Integrationsbeauftragten" mit Festanstellung und/oder eine "Gemeindeschwester" mit gleicher Sicherheit, die aus beruflicher Neugier ihre Nase in ihre Nachbarschaft steckt und für "soziale Ordnung" mit Befugnissen! sorgt.?? Die letzten Wahlergebnisse sind der Fluch der bösen Tat, als kurz nach der Wende alles "nichtproduktive" dem Orkus der DDR-Geschichte überlassen wurde. Ach ja - dafür haben wir ein Ministerium für Heimat oder so.... Äh!...



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