Schule schwänzen nimmt massiv zu

Die Anzahl der Schulverweigerer im Erzgebirgskreis hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Im aktuellen Schuljahr fehlte ein Schüler bis Anfang dieses Monats 105 Tage. Einen Masterplan, dem gegenzusteuern, gibt es nicht.

Annaberg-Buchholz.

Unterricht ist für ihn Rumsitzen gewesen. Er fand das einfach langweilig. Deshalb entwickelte sich Tom Zacharias* zum Störenfried in seiner Klasse. Dann blieb er sitzen, hatte damit jüngere Mitschüler um sich herum. Mit denen kam er nicht klar. Also beschloss er, mal einen Tag einfach nicht in die Schule zu gehen. Dann schwänzte er mal zwei Tage. "Anschließend bin ich noch einmal gegangen, habe das Thema Schule dann aber für mich komplett abgehakt", erzählt Tom. Begonnen habe das in der sechsten Klasse.

Tom ist bei weitem kein Einzelfall - im Gegenteil. Die Anzahl der Schulschwänzer ist den vergangenen fünf Jahren dramatisch in die Höhe geschossen, hat sich fast verdoppelt. Registrierte das Landratsamt 2012 noch 142 Anzeigen wegen Schulverweigerung, so waren es 2016 bereits 257. Für dieses Jahr sind für den Zeitraum 1. Januar bis 5. Mai - die Statistiken zu Schulpflichtverletzungen werden nicht pro Schuljahr, sondern pro Kalenderjahr erstellt - schon wieder 105 Fälle aufgelaufen. Den Negativ-Rekord in der Statistik hat für das zu Ende gehende Schuljahr 2016/17 ein Oberschüler inne, der bislang 105 Tage unentschuldigt gefehlt hat. Laut Jutta Leonhardt, Sprecherin des Landratsamtes, sei bei jenem Schüler Schulangst festgestellt worden, die dringend behandelt werden muss. Nachdem die eingeleitete Behandlung aber abgebrochen wurde, habe man ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Unentschuldigtes Fehlen beziehungsweise Schulpflichtverletzungen, wie es im Behördendeutsch heißt, müssen von den Schulen ab dem fünften Tag dem Landratsamt gemeldet werden. Nach Auskunft der Behörde sind Schulschwänzer in Grund-, Ober- und Förderschulen sowie berufsbildenden Schulen zu finden. Von den Gymnasien habe es bisher noch keine Meldung gegeben. Als Gründe für eine Schulverweigerung würden von den betroffenen Familien verschiedene Gründe angegeben. Sie reichten von "keine Lust auf Schule", über Mobbing und Schulangst bis hin zu familiären Problemen.

Letzteres bestätigt Gert Töpfer, Leiter der Oberschule im Bildungszentrum "Adam Ries" Annaberg. Seiner Erfahrung nach kommen viele der Schulverweigerer aus sogenannten zerrütteten Elternhäusern. Insofern habe die Schule oftmals keine Chance, über die Eltern Einfluss auf das Verhalten der Schüler zu nehmen, was immer als erstes versucht werde. "Da steht die Schule auf verlorenem Posten", so Töpfer. Das Schwänzen beginne meist in Klasse 7. Relativ zügig werde es regelmäßig. Manchmal komme noch eine Entschuldigung von den Eltern, die eine solche für die Zeit von bis zu drei Tagen selbst schreiben dürften. Danach sei zwingend ein ärztliches Attest vorzulegen. Aktuell habe das Bildungszentrum im Bereich der Oberschule mit fünf Schulverweigerern zu tun.

Drei Schulverweigerer mit unentschuldigten Tagen im zweistelligen Bereich gibt es aktuell auch an der Oberschule Aue-Zelle, sagt Leiterin Heike Dietze. Bei Gesprächen mit den Eltern spüre sie oftmals deren Ohnmacht beziehungsweise, dass diese mit der Situation überfordert sind.

Sind die Betroffenen uneinsichtig, werden auf Empfehlung des Referates Jugendhilfe Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die sorgeberechtigten Eltern und/oder den Schüler (ab 14 Jahre) eingeleitet, erläutert Landratsamtssprecherin Jutta Leonhardt das weitere Vorgehen. Bußgelder, die im Zuge des Verfahrens gegen Schüler festgesetzt werden, würden auf Antrag der Eltern per Beschluss des Amtsgerichtes in Arbeitsauflagen umgewandelt.

Das Bildungszentrum "Adam Ries" beschreitet noch einen weiteren Weg. Es schickt mit Hilfe einer Kooperation mit dem Christlichen Jugenddorfwerk (CJD) Schulverweigerer in ein Projekt, indem praktische Arbeit im Vordergrund steht. "Die Betroffenen haben bei uns nicht den Eindruck, dass sie zur Schule gehen, die für viele von ihnen ein rotes Tuch darstellt", sagt Martin Nieher, Fachteamleiter berufliche Bildung beim CJD.

Ziel des Projektes sei es, die Jugendlichen so fit zu machen, dass sie wieder in den normalen Schulalltag eingegliedert werden können und damit die Chance auf einen Schulabschluss haben. Und: komischerweise wird von den Teilnehmern dieses Projekts selten geschwänzt, sagt Martin Nieher. Tom Zacharias jedenfalls hat diese Chance für sich genutzt.

*Name von Red. geändert

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