Schulschwänzer sind häufiger ein Fall für das Gericht

Allein im vorigen Jahr hat es im Erzgebirgskreis 285 Anzeigen wegen des Verstoßes gegen die Schulpflicht gegeben. Betroffene müssen mit Bußgeldern oder Arbeitsstunden rechnen. Mitunter wird sogar Jugendarrest verhängt.

Marienberg.

Gleich zwei Verhandlungen innerhalb weniger Tage: Am Amtsgericht Marienberg mussten sich Ende vergangener und Anfang dieser Woche Familien wegen des Verstoßes gegen die in Deutschland geltende Schulpflicht verantworten. Dabei handelte es sich keineswegs um Einzelfälle. Die Gerichte sind zunehmend gefordert.

Deutlich wird das vor allem an den Anzeigen der Schulen, die beim Referat Schule und Sport des Landkreises eingehen. 2018 wurden im Erzgebirge 285 Fälle gemeldet. Die eigentliche Anzahl der Schulverweigerer ist deutlich höher. Denn häufig wird schon in der Schule mit den Betroffenen über das Problem gesprochen, um weitere Schritte zu vermeiden.


Es zeigt sich: Die Anzahl der Anzeigen nimmt zu. Vor einigen Jahren waren es noch deutlich weniger. 2015: 179. Und 2014: 162. Vor allem in Oberschulen, in berufsbildenden Schulen und in Förderschulen werde der Unterricht geschwänzt, ordnete Landkreissprecherin Katja Peter ein. Grundschulen und Gymnasien seien weniger betroffen.

Die Ursachen für das Schwänzen sind ihren Worten zufolge ganz unterschiedlich: "Sie reichen von 'keine Lust auf Schule', über Mobbing in der Schule, Schulangst, andere psychische Probleme bis hin zu familiären Problemen", so Katja Peter. Es werde versucht, auf die Familien einzuwirken. Zeigt dies keinen Erfolg, leitet das Amt Ordnungswidrigkeitsverfahren ein, an deren Ende ein Bußgeld stehen kann. Im Jahr 2018 kam es zu 234 entsprechenden Verfahren. 2015: 89. 2014: 79.

Wird gegen den Bußgeldbescheid Einspruch eingelegt, kommt der Fall vor Gericht. So geschehen jüngst am Marienberger Amtsgericht. Mutter und Sohn sollten je 200 Euro zahlen, weil der 17-jährige schulpflichtige Jugendliche aufgrund einer Behandlung wegen psychischer Probleme dem Unterricht fern blieb. Die Familie versäumte es, beim Landkreis Bescheinigungen einzureichen und holte das erst später nach. "Im Grunde genommen handelte es sich um eine Lappalie", sagte nach der Verhandlung der Richter, der das Verfahren wegen geringer Schuld einstellte. Der Fall zeige aber, dass mitunter familiäre Probleme ausschlaggebend sein können.

Dies wurde auch während einer anderen Verhandlung deutlich. Eine 18-Jährige musste sich verantworten, weil sie als Minderjährige 72 Tage an der Berufsschule fehlte. Während der Vater auf Jobsuche ging, kümmerte sich die Tochter um ihre Geschwister. Denn die Mutter leidet seit dem Verlust eines ungeborenen Kindes an Depressionen. Die Jugendliche gab an, dass sie zudem in der Schule gemobbt werde. Auch deswegen habe die Familie entschieden, dass sie zuhause bleibe. 1440 Euro Bußgeld standen im Raum. Das Gericht sah wegen der besonderen Umstände von der Geldbuße ab.

Viele Schulschwänzer kommen weniger glimpflich davon. Ist der Bescheid rechtskräftig und liegt kein Einspruch vor, steht die Vollstreckung an. Am Amtsgericht dafür zuständig ist Joachim Hermann. Um die 30 entsprechende Fälle bearbeitet der Richter im Jahr. "Noch vor fünf Jahren gab es so gut wie keine", sagt er zur steigenden Anzahl. Haben die Jugendlichen keine finanziellen Mittel, können sie die Geldbuße etwa in einem Tierheim abarbeiteten. Weigern sie sich, verhängt Joachim Hermann eine Woche Jugendarrest. Sieben bis acht Mal im Jahr greife er zu diesem Mittel - immerhin bei jedem vierten Fall.


"Jugendlichen geht es zu gut"

Uwe Klaffenbach leitet die Oberschule Olbernhau. Georg Müller fragte, warum es mehr Schulverweigerer gibt und was dagegen getan werden kann.

Freie Presse: 550 Jugendliche besuchen derzeit die Oberschule Olbernhau. Inwiefern gibt es unter ihnen Schulverweigerer?

Uwe Klaffenbach: Wir haben derzeit drei bis vier. Gemessen an der Gesamtschülerzahl handelt es sich um Ausnahmen. Nichtsdestotrotz haben wir festgestellt, dass die Anzahl zunimmt.

Worauf führen Sie das zurück?

Es gibt mitunter bei den Jugendlichen eine Null-Bock-Stimmung. Sie sind überbehütet. Es geht ihnen zu gut. Wofür sich also noch anstrengen? Die bestehenden Gesetze müssen jedoch konsequent durchgesetzt werden.

Sind die Eltern in der Pflicht?

Ja, sie müssen sicherstellen, dass ihr Kind der Schulpflicht nachkommt und den Unterricht besucht. Gerade für berufstätige Eltern ist das oft schwierig. Sie benötigen deutlich mehr Unterstützung von staatlichen Stellen wie dem Jugendamt.

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