Senior-Rucksacktouristen zieht es in Richtung Osten

Interrail macht's möglich: Ein Wolkensteiner Rentner will per Zug unter anderem Polen, Ungarn und Estland erkunden.

WOLKENSTEIN.

Das Gepäck für seine lange Reise hat Norbert Braumüller noch nicht verstaut. Doch das geht schnell, denn mehr als einen Rucksack will er auf gar keinen Fall packen. Etwas Kosmetik, die analoge Kamera der Marke Leica aus den 1950er-Jahren und Wäsche für zwei Wochen müssen reichen. "Dann versuche ich mein Glück in einem Waschsalon oder wasche bei Freunden, die ich hoffentlich kennenlernen werde", berichtet der Wolkensteiner.

Für einen Monat sagt er dem Erzgebirge Adieu und erfüllt sich einen Jugendtraum. Mit der Bahn und einem Interrailpass für 30 Tage in der Tasche will er den nordöstlichen Teil Europas erkunden. "Ein wenig komme ich mir wie ein Rucksacktourist in den Semesterferien vor", gesteht der 66-Jährige und lacht.

Mangelnde Reisefreiheit war es nicht, die Norbert Braumüller als Teenager von seinen Reiseplänen abhielt. Im Gegenteil. Im nordfriesischen Bredstedt an der Grenze zu Dänemark aufgewachsen, kamen in seiner Jugendzeit Unternehmungen mit der Bahn groß in Mode. "Doch dafür fehlte mir damals das nötige Geld." Als der Kirchenangestellte im Jahr 1992 nach Sachsen übersiedelte und später seine Wahlheimat in Wolkenstein fand, ließ seine Tätigkeit als Bezirkskatechet keine Zeit für die extravagante Reiseidee. Im vergangenen Jahr trat Braumüller seinen Ruhestand an und wünschte sich als Abschiedsgeschenk Ticketgutscheine von seinen Kollegen. "Damit war mein Plan endgültig besiegelt."

Am 2. August steigt der Senior von Chemnitz aus in den Nachtzug über Hamburg nach Kopenhagen. Später soll es über Schweden, Norwegen und Finnland mit der Fähre nach Tallinn gehen. Bis dahin und auch weiter sei alles ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die Fährüberfahrt und ein Hotel in der Hauptstadt Estlands sind der einzige Fixpunkt seiner Reise. "Dort muss ich pünktlich sein." Über Riga und Vilnius soll es später nach Polen, durch die Slowakei und Ungarn bis auf den westlichen Balkan gehen. "Sofia kenne ich auch noch nicht, dort könnte meine Reise nach 28 Tagen enden", blickt Norbert Braumüller auf die Karte mit nationalen und internationalen Zugverbindungen, die dem Pass beigelegt war. Vornehmlich große Städte und Kulturzentren stehen auf seinem Besichtigungsprogramm. "Hauptbahnhöfe befinden sich bekanntlich in der Stadtmitte, da liegen urbane Erkundungen nahe", konstatiert er, kann sich jedoch auch einen Badetag am Schwarzen Meer gut vorstellen.

Wie lange die einzelnen Stationen zwischen den Bahnfahrten dauern, mag er jetzt noch nicht planen. "Das entscheide ich spontan. Gefällt mir eine Stadt, dann können es auch zwei oder drei Tagesaufenthalte sein, sofern es die Reisezeit erlaubt." Auch Übernachtungen sollen deshalb vor Ort per Smartphone oder mit freundlicher Unterstützung hoffentlich Englisch sprechender Einwohner geortet werden. An Pensionen, Hostels oder kleinen Hotels fehle es sicher auch in osteuropäischen Städten nicht. Zeit- und geldsparende, aber unbequemere Übernachtungen im Bahnabteil sollen die Ausnahme sein.

Sicher sind Unternehmungen dieser Art nicht jedermanns Sache, schon gar nicht, wenn der Jugendtraum 50 Jahre zurückliegt. Seine Frau konnte Norbert Braumüller für sein Bahnabenteuer nicht begeistern. "Martina arbeitet noch und müsste ihren ganzen Jahresurlaub opfern", erklärt er und fügt augenzwinkernd hinzu: "Außerdem ist ihr die Angelegenheit zu heikel und stressig." Dank einer aktuellen Rabattaktion und dem Seniorenpass bezahlt Norbert Braumüller akzeptable 488 Euro für seinen Interrailpass, der allerdings zu seinem Bedauern in den baltischen Ostseestaaten keine Gültigkeit hat. Grund dafür könnte ein schlecht ausgebautes Fernliniennetz aus Sowjetzeiten sein, das sich derzeit im Ausbau befindet. Dort muss er extra zahlen, sich durch die Fahrpläne kämpfen und dürfte dabei die eine oder andere Überraschung erleben. Der Senior-Rücksacktourist sieht es positiv: "Ein paar Abenteuer mehr auf meiner Jugendtraumreise."


Boni für Kinder, Jugendliche und Senioren

Interrail hat sich in Europa während der 1950er- und 1960er-Jahre mit dem Ziel etabliert, im Zuge des aufkommenden Rucksacktourismus jungen Leuten bis 21 Jahre eine preisgünstige Möglichkeit zu bieten, Europa kennenzulernen. Ab 1988 wurde das Alterslimit per "26+"-Tarif aufgehoben.

Die Zugfahrkarten für die erste oder zweite Klasse gibt es für einen Pauschalpreis. Damit können über einen bestimmten Zeitraum unbegrenzt viele Zugfahrten bei bestimmten europäischen Eisenbahngesellschaften genutzt werden. Die Zeitdauer erstreckt sich von fünf frei wählbaren Reisetagen innerhalb von 15 Tagen bis zu einem Reisemonat am Stück.

Der Pass gewährt Boni für Kinder, Jugendliche und Senioren, ist im eigenen Wohnsitzland allerdings nicht gültig. Laut dem Bahn-Magazin "DB Mobil" sind jedes Jahr mehr als 170.000 Reisende mit Interrail unterwegs. (mdeg)

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