Soldaten lassen in der Kaserne die Reifen quietschen

Die Marienberger Jäger absolvieren bis Freitag ein Fahrsicherheitstraining. Sie lernen, sich richtig in Gefahrensituationen zu verhalten. Denn wie schnell der Ernstfall eintreten kann, hat jüngst ein Vorfall bewiesen.

Marienberg.

Von weitem sieht es aus wie ein ganz normales Auto. Ein Opel Astra, grau metallic. Doch der zweite Blick verrät: Es fehlen beide Räder auf der Hinterachse. Ersetzt wurden sie durch kleine Teewagenrollen, die alles andere als ein wissenschaftliches System vermuten lassen. Doch genau das steckt hinter der Konstruktion, mit deren Hilfe die Soldaten in der Kaserne in Marienberg derzeit ein Fahrsicherheitstraining absolvieren.

Fahrlehrer Klaus-Dieter Willführ schult die Jäger, wie sie sich in Gefahrensituationen im Straßenverkehr richtig verhalten. "Das Fahrzeug ist aufgrund des Systems komplett instabil. Es gleicht dem Fahren auf Glatteis", erklärt der Ausbilder. Aufgrund der flexibel schwenkbaren Rollen fehlt dem Wagen die Seitenführungsfunktion. Nur mit gefühlvollem Gasgeben und einem guten Zusammenspiel aus Lenken, Gegenlenken und Beschleunigen manövrieren die Soldaten das Auto korrekt um die Kegel. Der Fahrzeugtyp sei dabei völlig egal. "Hier geht es um Physik und Gesetzmäßigkeiten", so Willführ.

"Wir wollen lernen, unser Handeln in Extremsituationen zu verbessern", sagt einer der Teilnehmer. Denn erst ein Vorfall jüngst beim Tag der offenen Tür in der Erzgebirgskaserne hat auch Oberleutnant Sebastian Grünberg vor Augen geführt, wie wichtig die Weiterbildung der Kraftfahrer ist. Anfang Juli war bei einer Vorführung ein Geländewagen "Wolf" mit drei Insassen umgekippt. Ein Soldat musste verletzt mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden. Bei seinen beiden Mitfahrern, Gäste des Aktionstages, wurde noch vor Ort Entwarnung gegeben.

Der Unfall sei jedoch nicht der Grund, weshalb nun die Kraftfahrer extra geschult werden, betont Sebastian Grünberg: "Wir veranlassen regelmäßig Gefahrentraining, mindestens einmal im Jahr." Das externe Ausbildungsteam um Klaus-Dieter Willführ ist nun schon das achte Jahr in Folge vor Ort in Marienberg. Der Mann aus Nordhausen in Thüringen zählt Soldaten aus zahlreichen weiteren Bundeswehrkasernen zu seinen Schülern.

Selbst kennengelernt hat er das Programm vor 15 Jahren bei einer Weiterbildung in Most in der Tschechischen Republik. Seitdem nutzt er selbst das System, um Gefahren- situationen mit dem Fahrdyna- miktraining besser erläutern zu können.

Diesmal sind Willführ und zwei weitere speziell ausgebildete Fahrlehrer noch bis einschließlich Freitag in der Erzgebirgskaserne im Einsatz. 22 Soldaten lernen, die Pkw, 22 weitere die Lkw besser zu beherrschen. "Dabei sind Fahrzeuge vom Zwei- bis zum Zehntonner", sagt Grünberg. Die müssen die Teilnehmer an einer weiteren Station des Trainings auf einer nassen Gleitfläche möglichst schnell und genau mit einer Gefahrenbremsung zum Stillstand bringen - quietschende Reifen inklusive. Dabei betont der Ausbilder gegenüber den Soldaten mehrfach seine hohen Ambitionen: "Bei der Weiterbildung geht es vor allem um eins: Wir lernen, den tödlichen Unfall zu verhindern."


"Lernen die Grenzen der Physik kennen"

Frank Scholz ist Projektleiter der Weiterbildung. Im Interview mit Patrick Herrl erklärt der Oberleutnant, warum sie so wichtig ist.

"Freie Presse": Was gehört zu Ihren Aufgaben in der Kaserne?

Frank Scholz: Seit meiner Ankunft im Bataillon vor vier Monaten bin ich für das Kraftverkehrswesen zuständig. Dazu zählt auch dieses Projekt.

Warum ist das so wichtig?

Die Soldaten sollen lernen, die verschiedenen Fahrzeugtypen besser zu beherrschen - die militärischen und die zivilen.

Was heißt das genau?

Unsere Fahrer werden zwar ohnehin in jedem Fahrzeug eingewiesen und geprüft. Bei der Weiterbildung verbessern die Teilnehmer jedoch besonders ihre Handlung in Extremsituationen. Mithilfe der Ausbilder lernen sie die Grenzen der Physik kennen.

Wie häufig passieren Dienstunfälle im öffentlichen Verkehr?

Natürlich kommt es vor, dass unsere Fahrer die Situation falsch einschätzen. Vorzugsweise im Winter.

Was ist mit dem Unfall zum Tag der offenen Tür?

Glücklicherweise geht es dem Soldaten wieder gut. Und das Fahrertraining hätte geholfen, den Unfall zu verhindern.

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