Stromtanken für Enthusiasten

Schluss mit kostenlos: Wer sein Elektrofahrzeug an einer Ladesäule der Stadtwerke Freiberg tanken will, muss nun zahlen. "Freie Presse" hat das Prozedere mit einer überzeugten E-Auto- Fahrerin getestet.

Freiberg.

Seit fünf Jahren fährt sie ein E-Auto, fünf Jahre lang hat sie dessen Akku an den Ladesäulen in Freiberg kostenfrei geladen. Jetzt muss Vanessa Lê, 25, aus Chemnitz zahlen. Seit vergangener Woche verlangen die Stadtwerke Freiberg AG für das Stromtanken an ihren Ladestationen Geld, weil die Kostenlos-Variante "aufgrund der stetig steigenden Nutzerzahlen nicht mehr finanzierbar" sei, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung. Die AG betreibt Ladestationen an drei Standorten: an der Bernhard-von-Cotta-Straße, am Hotel Alekto in Bahnhofsnähe sowie im Altstadt-Parkhaus Fischerstraße.

In ganz Mittelsachsen sind lediglich 210 Elektrofahrzeuge registriert. Auf Nachfrage, wie viele Nutzer diese Stationen anfahren, erklärt Tino Enzmann, Energieberater bei den Stadtwerken: "Bisher hatten wir keine Nutzerregistrierung und können somit auch keine Aussagen dazu treffen. An allen Ladepunkten zusammen wurden täglich ein bis zwölf Ladevorgänge vorgenommen. Wer dahintersteht, wissen wir natürlich nicht."

Das hat sich nun geändert: Wer an einer dieser Stationen Strom tanken will, muss sich die App "eCharge+" auf sein Smartphone laden und sich mit seinen persönlichen Daten registrieren, um dann per Kreditkarte oder über den Bezahldienstleister Paypal zahlen zu können. So die Theorie. Klingt simpel.

Die Praxis findet Vanessa Lê aber ziemlich umständlich. Mehrmals die Woche hat die Chemnitzerin in Freiberg zu tun; oft stellt sie ihr E-Auto im Altstadt-Parkhaus ab. Dort gibt es zwei Stellflächen, die speziell für E-Autos reserviert sind.

Mittig an der Wand befindet sich die Stromladestation; allerdings mit nur einem Ladepunkt. Zwei E-Autos dürfen nebeneinander parken, können aber nicht gleichzeitig geladen werden. Axel Schneegans, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke, erklärt: "Die Fahrer haben so die Möglichkeit zu wählen, wie sie am einfachsten an die Ladebox fahren, je nachdem, wo sich der Ladeanschluss am Fahrzeug befindet." Das allerdings könnten Fahrer auch wählen, wenn es - wie an den Stationen Cotta-Straße und Alekto - zwei Ladepunkte gäbe.

"Nervig ist, dass es im Parkhaus kein Internet gibt. Um die App herunterzuladen, musste ich erst rauslaufen", schildert sie. "Wenn ich in der App alles eingegeben habe, muss ich mit dem Smartphone wieder zum Auto laufen, um das Kabel anzustecken und den Ladevorgang zu starten. Ohne Internet kann ich zwar parken, aber nicht laden." Obwohl sie registriert ist und behände mit der App umgeht, hat das Prozedere von Auto abstellen, zahlen, anstecken, laden bis Parkhaus verlassen, locker zehn Minuten gedauert. "Der Hammer aber ist der Preis", kommentiert die 25-Jährige. 49 Cent zahlt sie, um eine Kilowattstunde Strom zu tanken. "Das ist schon teuer." Im Winter kommt sie mit ihrem BMW i3 und vollgeladenem Akku etwa 100 Kilometer weit, erzählt die junge Frau. Deshalb muss sie öfters zwischendurch laden. Einmal komplett Auftanken kostet sie etwa 8 Euro, dazu kommen Parkgebühren von 4 Euro.

Abweichend zu den zu zahlenden 49 Cent heißt es in der Pressemitteilung, dass "zum Preis ab 39 Cent/kWh abgerechnet" werde. Die Differenz von 10 Cent pro Kilowattstunde erklärt Stadtwerke-Chef Schneegans mit dem Service, dass man direkt per App zahlen kann. "Diese bequeme Bezahlvariante ist ohne jegliche vertragliche Bindung, ohne Grundgebühr und kostet 10Cent/kWh. Unser tatsächlicher Strompreis liegt bei 39 Cent/kWh. Unabhängig davon sind die Endpreise für E-Mobilitätsnutzer sehr variabel, da diese auch vom Anbieter und vom Fahrstromtarif abhängig sind."

Neben den Stadtwerken bieten andere Energieversorger wie Envia M und Eins Energie, Edeka an der Ehernen Schlange, Autohändler und -werkstätten, das Deutsche Brennstoffinstitut, aber auch Privatpersonen Lademöglichkeiten.

Auch, wenn sie jetzt in Freiberg zahlen muss: Vanessa Lê fährt E-Auto aus Überzeugung und "weil es zu Hause in unser Energiekonzept samt Blockheizkraftwerk passt. Ich lade mein Auto in der Garage. Der Haushaltsstrom ist wesentlich günstiger als an Ladestationen", sagt sie, während sie ihr Handy in die Tasche steckt. Alle Elektroauto-Fahrer, die sie kennt, haben deshalb ein solches Auto, weil sie es zu Hause laden können. Sie sagt aber auch: "Man muss seinen Tag und seine Wege genauer planen." Dass sie irgendwo stehen geblieben ist, weil der Akku leer war, das sei ihr bisher noch nie passiert.


In fünf Jahren 15.000 Euro in kostenlosen Strom gesteckt

2019 wurden an den fünf Ladepunkten der Stadtwerke Freiberg in Summe 16.957 kWh geladen. Das teilt Energieberater Tino Enzmann auf Nachfrage mit. Im Schnitt sind das 3391 kWh pro Ladepunkt und Jahr. Das entspricht rund 9,3 kWh am Tag. Zum Vergleich: Mit der Energie von einer Kilowattstunde Strom kann man eine Maschine Wäsche waschen, 15 Hemden Bügeln oder einen Hefekuchen backen.

Die meist genutzte Ladesäule in Freiberg ist die an der Bergakademie, Bernhard-von-Cotta-Straße, mit 515 Ladevorgängen und 6470 kWh in 2019. Seit ihrer Errichtung wurden an der Säule 2063 Ladevorgänge getätigt und 23.634 kWh geladen.

Fünf Jahre lang konnten E-Fahrzeug-Fahrer kostenfrei die Ladesäulen der Stadtwerke nutzen. In der Zeit zwischen 2015 und 2019 seien insgesamt 46.582 kWh kostenlos bereitgestellt worden, so Enzmann. Das entspreche etwa 15.000 Euro plus Kosten für die Errichtung der Ladesäulen. Nach der Umstellung auf den Bezahlmodus wurden sechs Ladevorgänge verzeichnet. (Stand 17.2.2020)

In Zukunft soll es eine Schnellladestation im Bereich Eherne Schlange/Hornstraße geben. Ein Fördermittelantrag sei gestellt, ein Bescheid liege aber noch nicht vor. Um Fahrradakkus von E-Bikes oder auch das Smartphone laden zu können, soll im Frühjahr in der Burgstraße am Rathaus eine öffentliche Akku-Lademöglichkeit angeboten werden.

In Mittelsachsen sind 210 E-Fahrzeuge zugelassen, davon 145 Autos. 2018 waren es 145 Fahrzeuge, davon 115 Autos. Zahlen für Freiberg konnte das Landratsamt nicht nennen. (cor)


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