Studie: Crystal steigert Risiko ungewollter Schwangerschaften

Die synthetische Droge ist im Erzgebirge nach wie vor ein Problem - mit Folgen für mehrere Generationen.

Marienberg.

Seit Jahren bildet Methamphetamin ein Problem in Sachsen, besonders aber im Erzgebirge. Vor allem für junge Frauen stelle die Droge ein Risiko dar, wie eine Studie nun bekräftigte. Aus der im April veröffentlichten Statistik der Sächsischen Landesstelle für Suchtgefahren (SLS) geht hervor, dass im zurückliegenden Jahr im Erzgebirgskreis insgesamt 502 Personen eine Suchtberatungs- und -behandlungsstelle wegen einer Crystalabhängigkeit aufsuchten - so viele wie in keinem anderen sächsischen Landkreis.

Die hohe Anzahl an Crystal-Konsumenten im Erzgebirge habe unlängst gesellschaftliche Folgen, die mitunter generationsübergreifend sind. Die Anzahl der Neugeborenen, die mit Entzugssymptomen auf die Welt kommen, begann bereits vor etwa zehn Jahren zu steigen. Wie aus einer Großen Anfrage der Grünen im sächsischen Landtag hervor geht, wurden 2010im gesamten Freistaat 37 Kinder mit Suchtsymptomen geboren, sechs Jahre später bereits 185. Seither stagniert die Anzahl auf diesem hohen Niveau. Auch im Landratsamt des Erzgebirges ist diese Tendenz bekannt. Konkrete Zahlen aus der Region liegen allerdings nicht vor. "Die Behörde führt dazu keine Statistik", erklärt Kreissprecher Stefan Pechfelder.


In einer mehrjährigen Studie haben Wissenschaftler der TU Dresden die Zusammenhänge und Folgen des Crystal-Konsums junger Frauen untersucht. Nun liegt das Ergebnis der Studie vor. Crystal-Konsumentinnen zeigen demnach eine erhöhte sexuelle Aktivität. Dadurch steige das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft. "Wir konnten aufzeigen, dass Crystal-Konsumentinnen signifikant jünger schwanger werden, oft ohne festen Partner leben, selten einem Beruf nachgehen und meist eine geringe berufliche Qualifikation besitzen", fasst der Autor der Studie, Dr. Uwe Schmidt, die Ergebnisse zusammen. Zudem würden die Schwangerschaft später festgestellt und Vorsorgeuntersuchungen einschließlich Ultraschall seltener in Anspruch genommen, ergänzt Co-Autorin Dr. Katharina Nitzsche.

Der Weg aus der Abhängigkeit stellt für Mütter mit Neugeborenen oder jungen Kindern eine besondere Herausforderung dar. Er umfasst mehrere Stufen, von denen eine Beratung nur der erste Schritt sei, erklärt Uwe Wicha, Geschäftsführer der Fachklinik für Abhängigkeitskranke in Großrückerswalde. Die Einrichtung in der alten Flugschule bietet eine zusätzliche Therapie für werdende Mütter, Alleinerziehende und junge Familie an. Die Klienten der Fachklinik stammen aus dem gesamten Erzgebirge und Mitteldeutschland.

Doch bevor eine Entwöhnungstherapie überhaupt möglich ist, sei zunächst eine Entgiftung notwendig. Die Fachklinik kooperiert deshalb mit dem Zschopauer Krankenhaus. Sollte das Neugeborene Entzugssymptome zeigen, wird auch das Kind zunächst im Krankenhaus medizinisch betreut. Anschließend kommen Mutter und Kind gemeinsam in die Fachklinik. Während die Mutter die Entwöhnungstherapie absolviert, kann das Kind eine Kita in der unmittelbaren Umgebung besuchen.

68 Therapieplätze zählt die Einrichtung in Großrückerswalde. Davon sind aktuell 60 belegt. Für werdende Mütter oder Frauen mit jungen Kindern biete die Einrichtung stets eine Therapiemöglichkeit, sagt Uwe Wicha: "Das hat bei uns Priorität." Jährlich suchen etwa vier Frauen mit Kind die Einrichtung in der alten Flugschule auf; die Therapie sei fast immer erfolgreich.

Den abschließenden Schritt bildet die Nachsorge. Dafür arbeitet die Großrückerswalder Fachklinik mit einer Leipziger Nachsorgeeinrichtung zusammen. Für die Klienten besteht dort die Möglichkeit, in einem der mehr als 100 kooperierenden Betriebe ein Praktikum zur Wiedereingliederung in das Arbeitsleben zu absolvieren.


Methamphetamin

Crystal oder Crystal Meth sind Szenenamen für Methamphetamin. Das ist eine vollsynthetische Droge, die 1934 entwickelt und als Medikament unter dem Handelsnamen Pervitin bis in die 1980er-Jahre vertrieben wurde.

Weil bereits frühzeitig Fälle von Pervitin-Abhängigkeit beschrieben wurden, fällt das Stimulatium seit 1941 unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Methamphetamin ist chemisch eng verwandt mit Amphetamin (szenesprachlich Speed genannt). Der stimulierende Effekt und das Suchtpotenzial von Methamphetamin sind jedoch deutlich höher. (jwen)

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