Tanzkarriere im Rollstuhl - die Möglichkeiten der Inklusion

Ein Seminar soll Schülern des Olbernhauer Gymnasiums das Thema näher bringen. Dabei wird schnell klar: Teilhabe ist mehr als Barrierefreiheit und kann auch etwas mit Blondinen zu tun haben.

Olbernhau.

Es war nur eine kühne Annahme gleich zu Beginn einer besonderen Veranstaltung im Olbernhauer Gymnasium, doch sie sorgte unter den anwesenden Schülern für Aufregung: Auf die Frage der beiden eingeladenen Referenten Kübra Sekin und Christian Loß, was die Gäste wohl am liebsten in ihrer Freizeit machen, antwortete ein Schüler: "Motorradfahren."

Doch weshalb sorgte genau diese Antwort für Aufregung? Kübra Sekin ist 29 Jahre alt. In ihrem vierten Lebensjahr wurde bei ihr die sogenannte Glasknochenkrankheit diagnostiziert. Seit sie sechs Jahre alt ist, sitzt sie im Rollstuhl. Sie, die Rollstuhlfahrerin, auf dem Motorrad? Das erschien vielen Schülern zunächst absurd. Doch ganz abwegig ist es nicht, wie im Laufe der Veranstaltung klar werden sollte. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Loß von der Initiative Aktion Mensch besuchte Kübra Sekin die Olbernhauer Schule, um mit den rund 100 Schülern der Klassenstufen 7 und 8 sowie den Klassensprechern des Gymnasiums über ein Leben mit Behinderung zu sprechen.

Dabei wurde schnell deutlich: Die Barrieren im Alltag für Menschen mit Behinderung sind zahlreich. Aber nicht alle Hindernisse sind so deutlich erkennbar, wie die fehlende Rampe für Rollstuhlfahrer oder der nicht vorhandene Untertitel im Kino. "Einige Barrieren bestehen nur im Kopf", erklärte Christian Loß. Was er damit genau meinte, zeigte ein kleines Experiment: Die Schüler sollten einen von ihm angefangenen Satz spontan beenden. Auf die Vorgabe "Blondinen sind ... ", war die spontane Antwort einiger Schüler: "... dumm". Wie schnell sich dieses Vorurteil widerlegen ließ, zeigte ein zweites Experiment. Nun sollten sich die Schüler melden, bei Zuschreibungen, mit denen sie sich identifizieren - nicht wenige Schüler meldeten sich bei "schlau" und "blond".

Damit wiesen die beiden Referenten Kübra Sekin und Christian Loß auf das Wesentliche hin, das die Veranstaltung vermitteln sollte: "Wenn ihr euch heute eine Sache merkt, dann bitte die: Achtet darauf, eure Mitmenschen nicht mit Vorurteilen zu verletzten." Und Kübra Sekin ergänzte: "Bezüglich Menschen mit Behinderung kann das auch übersteigerte Aufmerksamkeit sein. Nehmt uns einfach an, wie wir sind."

Dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderung weniger an den Barrieren des Alltags, sondern auch an den Einstellungen der Menschen liegt, zeigte die anschließende Fragerunde. "Mit meinen ersten Rollstuhl bin ich einmal 200 Meter vor meiner Wohnung liegen geblieben, weil der Akku leer war", antwortete Kübra Sekin auf die Frage einer Schülerin. Eine Freundin habe sie dann mitsamt dem 180 Kilo schweren Rollstuhl geschoben. Überraschungen hatte die junge Frau ebenso parat: "Wenn auch keine Motorrad-Karriere, so absolviere ich aktuell eine Weiterbildung zur Tänzerin", so Kübra Sekin. Auch das wollten die Schüler genauer wissen, und die 29-Jährige ergänzte: "Einige Tänze lassen sich adaptieren, ich tanze aber auch viel auf dem Boden."

Die Abbildung, wie breit der Begriff "Inklusion" zu verstehen ist, sei das Ziel gewesen, sagte Religionslehrerin Juliane Seifert nach der Veranstaltung. Zusammen mit ihrer Kollegin, Ethiklehrerin Sandi Binnewerg, hatte sie das Seminar organisiert. Die Schüler sollen nun ihr Wissen anderen Jugendlichen weitervermitteln, und "damit helfen, Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen", so Juliane Seifert.


Inklusionsarbeit der Aktion Mensch

Die Aktion Mensch ist eine soziale Lotterie. Mit dem Erlös setzt sich die Initiative dafür ein, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen lernen, wohnen, arbeiten und leben.

Die Initiative bietet unter anderem Lehrgänge an Schulen, im Sportverein und im Job an, die Menschen mit Behinderung stark machen und zur gesellschaftlichen Teilhabe ermutigen sollen. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, mit Kampagnen und Berichten aufzuzeigen, wie Barrieren abgebaut werden können.

Außerdem unterstützt die Aktion Mensch Gruppen und Einzelpersonen mit finanziellen Mitteln, wenn diese Inklusionsarbeit leisten. So werden zum Beispiel Wohn- und Freizeitprojekte gefördert, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben. (jwen)

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