Trotz steigender Kosten und sinkender Nutzerzahlen: Warum Städte im Erzgebirge an ihren Bibliotheken festhalten

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Werden in der Region angesichts steigender Kosten und eines wachsenden Online-Angebots noch Bibliotheken als klassischer Bücherverleih benötigt? Eine Frage, die in Pockau-Lengefeld für Diskussion sorgte. Doch die Städte positionieren sich eindeutig.

Marienberg.

Die Digitalisierung hat auch das Leseverhalten der Menschen verändert. Neben dem klassischen Buch genügen mittlerweile wenige Mausklicks, und Leseratten erhalten Zugang zu zahlreichen elektronischen Medien. Allein an der "Onleihe Sächsischer Raum" beteiligen sich mehr als 50 Kommunen mit ihren Bibliotheken und ermöglichen Zugriff auf Zehntausende digitale Bücher, Hörbücher, Zeitschriften und Tageszeitungen, die mit dem E-Book-Reader, Tablet oder Smartphone abgerufen werden können. Sind öffentliche Bibliotheken also überhaupt noch zeitgemäß?

Das zumindest zweifelt Pockau-Lengefelds Stadtrat Jens Ruhland von den Freien Wählern an. Vor der von den Volksvertretern beschlossenen Erhöhung der Nutzungsgebühren für die Stadtbibliothek stellte er in Frage, ob sich die Stadt den Service einer klassischen Bücherei überhaupt noch leisten soll, zumal dieser nur noch von einer Minderheit genutzt werde. Doch belegen das auch die Zahlen? Ein Überblick:

Während die Stadtbibliothek Pockau-Lengefeld eine weitestgehend konstante Entwicklung vorweisen kann, sind in Marienberg die registrierten Nutzer innerhalb von zwölf Jahren von 2719 auf 1050 geschrumpft. Die Besucherzahlen wiederum haben sich bis vor Corona nahezu halbiert. Auch in Zschopau gibt es nur noch halb so viele Nutzer wie 2010. Die Besuche in der Stadtbibliothek sanken ebenfalls um eine fünfstellige Zahl. Lediglich in Olbernhau stiegen die Besucherzahlen zwischen 2010 und 2019 sogar leicht. Entgegen der stetig weniger werdenden Nutzer registriert Olbernhau aber wieder mehr Kinder, was auf pädagogische Angebote zurückzuführen sei, sagt Hauptamtsleiter Benjamin Flor.

Dem gegenüber wächst der finanzielle Aufwand für die Unterhaltung der Stadtbibliotheken. Beispiel Marienberg: Innerhalb eines Jahrzehnts stiegen die Kosten um rund 20.000 Euro auf zuletzt fast 82.000 Euro für das Jahr 2021, die mit Eigenmitteln und Fördergeld gedeckt werden. Als Gründe nennt die Stadt die Preis- und Lohnsteigerungen sowie jüngst auch Hygieneauflagen wegen der Coronapandemie.

Die Städte bekennen sich trotzdem klar zu ihren Einrichtungen. Das Angebot werde nicht eingeschränkt, da in der Bibliothek auch eine Bildungsaufgabe erfüllt wird, teilt die Stadtverwaltung Marienberg mit. Zschopaus Stadtsprecherin Lisa Pechmann verweist ebenfalls auf den pädagogischen Auftrag der Bücherei, wobei im vergangenen Jahr allerdings die Nutzungsgebühr angepasst wurde. In Olbernhau wiederum sieht die Verwaltung derzeit keine konkreten Ansätze zur Kostenreduzierung. Auch in Pockau-Lengefeld wird Jens Ruhlands Vorstoß abgelehnt. "Die Stadtbibliothek sollte erhalten bleiben - besonders für Kinder und sozial schwächere Familien", sagt CDU-Rätin Elke Schmieder. Die Antwort aus dem Rathaus ist ebenso eindeutig: "Derzeit wird kein Potenzial für weitere Einsparung von Kosten gesehen."

Kommentar: Mehr als ein Verleih

Kommunen würden an der vollkommen falschen Stelle sparen, wenn sie Öffnungszeiten kürzen, Angebote streichen oder Bücher nur noch online zum Verleih anbieten. Öffentliche Bibliotheken sind weit mehr als nur eine Bücherei. Sie sind ein Ort der Begegnung, ein Treffpunkt des Austauschs und Lernens. Doch noch viel wichtiger ist der pädagogische Auftrag. Lesen bedeutet Zugang zu Bildung. Als Kultur- und Bildungseinrichtungen sind Bibliotheken unverzichtbar, allen voran bei Kindern die Leselust zu wecken . Einfach ausgedrückt: Sie bereichern das gesellschaftliche Leben.

Angebot, Kosten, Nutzer: Vier Stadtbibliotheken im Überblick:

Stadtbibliothek Marienberg

Medien: 44.945 (inklusive Kreisergänzungsbibliothek); digital: 10.000

Online-Angebot: Web-Opac und Onleihe im Verbund bibo-on

Jahresgebühr: Erwachsene zahlen 6 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre kostenlos

Registrierte Nutzer: aktuell 1050, 2010 waren es 2719

Besucherzahlen: 2019 waren es 28.000; 2010 waren es 45.000 (Coronajahre wegen Schließzeiten nicht berücksichtigt)

 

Stadtbibliothek Zschopau

Medien: 38.293; digital: 47.652 über Onleihe

Online-Angebot: Onleihe, Filmstreamingdienst filmfriend, Web-Opac

Jahresgebühr: Kinder zahlen 5, Erwachsene 12 Euro; die Familienkarte kostet 18 Euro

Registrierte Nutzer: aktuell 1276, 2010 waren es 2673

Besucherzahlen: 2019 waren es 45.435; 2010 waren es 56.692

 

Stadtbibliothek Olbernhau

Medien: 16.457; digital: 47.652 über Onleihe

Online-Angebot: Onleihe, filmfriend, Web-Opac

Jahresgebühr: 5 Euro, für Erstklässler kostenlos

Registrierte Nutzer: aktuell 626, 2010 waren es 751

Besucherzahlen: 2019 waren es 12.862, 2010 waren es 11.446

 

Bibliothek Pockau-Lengefeld

Medien: 20.039; digital: rund 10.000

Online-Angebot: Onleihe im Verbund bibo-on

Jahresgebühr: Einzelausweis kostet 8, Familienkarte 10 Euro.

Registrierte Nutzer: 2021 waren es 523, 2010 waren es 551

Besucherzahlen: 2019 waren es 4888, 2010 waren es 5055

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