Trucker, Dreck und Ekel-Alarm: Die Müllkippe am Grenzübergang

Überall Abfall, beißender Gestank - die Parkflächen in Reitzenhain gleichen einer Kloake. Behörden ist die Lage bekannt. Doch: Statt zu verbessern, verschlimmert sich der Zustand. Lösungen gibt es. Aber auch immer noch viel Klärungsbedarf.

Reitzenhain.

Willkommen in Deutschland, in Sachsen, im Erzgebirge. Reizend und einladend fällt die Begrüßung am Grenzübergang Reitzenhain aber schon lange nicht mehr aus. "Wenn mich Bekannte aus Österreich besuchen, schütteln die nur mit dem Kopf. Solche Zustände gibt es dort nicht", beklagt sich Herfried Neuwirther. Der Mann aus Annaberg-Buchholz überquert selbst beruflich regelmäßig die deutsch-tschechische Grenze. Der Anblick dort widert ihn an. Denn die vor allem von Lkw-Fahrern genutzten Parkflächen verkommen immer mehr zur Müllkippe.

Ekel und Wut verspüren deshalb auch die Bewohner in dem kleinen Ortsteil von Marienberg. "Unmengen jeglichen Abfalls, mit Urin gefüllte Plastikflaschen - ganz zu schweigen von anderen menschlichen Ausscheidungen - sind das Erste, was man sieht, wenn man die Stadt Marienberg, das Erzgebirge, das Land Sachsen, die Bundesrepublik Deutschland erreicht", ärgert sich Dagmar Drechsel - umso mehr, weil das Problem keineswegs neu ist. Seit Jahren setzen sich die Zollbeamtin, ihr Mann Karsten, Stadtrat René Timmel und weitere Reitzenhainer für einen besseren, sauberen Zustand ein. Doch genauso lange streiten sich auch die Behörden, wer dafür verantwortlich ist, den umherliegenden Müll zu beseitigen.


Für den unmittelbaren Straßenbereich der B 174 am ehemaligen Grenzübergang sei der Landkreis zuständig, erklärt Landratsamts-Sprecherin Jutta Leonhardt. Für die Parkplätze, das alte Zollgebäude und die angrenzenden Grünflächen hingegen die Stadt Marienberg als Eigentümer. Der Landkreis habe trotzdem freiwillig Müllkübel und Dixi-Klos aufgestellt und lasse sie regelmäßig zum Teil mehrmals wöchentlich leeren, ergänzt Leonhardt. Doch gebracht hat das nichts, betont Dagmar Drechsel. Im Gegenteil. Der Zustand verschlimmert sich. Besonders hinsichtlich Hygiene. René Timmel ist Ekelerregenderes zu Ohren gekommen, als Brummifahrer, die in Plastikflaschen pinkeln.

"Es wäre endlich an der Zeit, die Ursache abzustellen, ohne weiter die Verantwortlichkeiten hin und her zu schieben", fordert Dagmar Drechsel. Die Ursache steht für Marienbergs Oberbürgermeister André Heinrich schon fest: der Transitverkehr. Würden Lkw-Fahrer dort nicht parken, wären die Flächen sauber, betont Stadtsprecherin Gisela Clausnitzer. Seit Tschechiens Beitritt zum Schengener Abkommen 2007 dürfen Lkw den Grenzübergang uneingeschränkt passieren. Seitdem steigt der Verkehr auf der B 174. Vergangenes Jahr waren es am Grenzübergang bereits im Durchschnitt täglich 5792 Fahrzeuge, davon wiederum 1500 Brummis. Schwerlastanteil: 26 Prozent. Und die Fahrer müssen gesetzliche Lenk- und Ruhezeiten einhalten. Doch zwischen Chemnitz und Reitzenhain mangelt es an geeigneten Parkflächen.

"Es herrschen autobahnähnliche Verhältnisse. Die Plätze - auch der in Großolbersdorf - müssen hergerichtet werden", fordert Wolkensteins Bürgermeister Wolfram Liebing Bund und Land zum Handeln auf. Sein Amtskollege in Marienberg sieht ebenfalls die Ministerien in der Pflicht. Da bislang aber keine Reinigung des Schandflecks an der Grenze durch den Bund erfolgt, wollte Heinrich die Parkflächen für Lkw bereits sperren lassen. Doch es kam anders.

Jahrelang hat das Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr keinen Bedarf für einen Lkw-Rastplatz mit WC-Gebäude an der B 174 gesehen. Auch, weil kein deutlich höheres Verkehrsaufkommen erwartet wurde. Ein Irrtum. Nun - Jahre später - soll den Forderungen der Bürgermeister nachgekommen werden. Rastmöglichkeiten für Lkw seien notwendig.

Entstehen könnten sie an der Anschlussstelle zur B 180 bei Gornau und in Reitzenhain. Der aktuell von Brummifahrern genutzte Rastplatz der Freundschaft in Großolbersdorf soll hingegen geschlossen werden. Doch bis tatsächlich vom Bund genehmigte Rastanlagen mit WCs gebaut werden, können noch Jahre vergehen. Eine Lösung gibt es eher mittel- bis langfristig, stellt Isabel Siebert, Pressesprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv), klar.

So lange kann und will Dagmar Drechsel die Zustände in Reitzenhain nicht mehr ertragen: "Entweder der Platz wird geschlossen oder in Ordnung gebracht." Das sieht Oberbürgermeister Heinrich genauso. Sollte das Reinigen der Flächen nicht kurzfristig geklärt werden, plant die Stadt die Vollsperrung der Parkflächen für Lkw. Und das Lasuv? Es prüft. Sprecherin Siebert: Die Fachabteilung prüft gegenwärtig rechtlich, ob anteilig Bundesmittel für den Reinigungsaufwand eingesetzt werden dürften."


Kommentar: Zu spät eingelenkt

Die Wut der Reitzenhainer ist absolut nachvollziehbar. Jahrelang wurden ihre Sorgen von der großen Politik ignoriert oder kleingeredet: Nein, mit der Grenzöffnung steigt der Transitverkehr nicht wesentlich an. Und nein, die Brummifahrer, die gesetzlich zur Pause verpflichtet sind, brauchen keine ausgebauten Parkflächen zwischen Grenze und Chemnitz. Ein Irrtum, die Zahlen und Probleme belegen es. Dass nun das Ministerium einlenkt, ist für Trucker und Einwohner gleichermaßen ein schwacher Trost. Der dringend benötigte Rastplatz mit Sanitärtrakt ist noch lange nicht in Sicht. Und selbst dann ist das Müllproblem nicht automatisch gelöst. Das Ziel muss eine bewirtschaftete Raststätte sein. Mit einem Pächter, der Parkplatz und WCs in Schuss hält. Dass sich das nicht lohnen würde, ist angesichts der täglich zahlreich haltenden Trucker nur schwer vorstellbar.

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