Venezolanerin möchte ihrem Kind in Lugau ein Leben aufbauen

Eine junge Südamerikanerin hat viel auf sich genommen, um das Leben ihrer kleinen Tochter zu retten. Beide leben jetzt in Lugau. Dort möchte Paola Alvarez gern bleiben. Und sie möchte zurückgeben, was sie hier fern der Heimat an Liebe und Hilfe erfahren hat. Aber ob das möglich ist, ist ungewiss.

Lugau.

Isabella ist ein kleiner Wirbelwind. Die Zweieinhalbjährige steigt auf ihr rosa Schaukelpferd, im nächsten Moment drückt sie der Besucherin Zettel und Stift in die Hand, möchte etwas gemalt haben. Kaum zu glauben, welch schweren Start ins Leben das Mädchen hatte. Dass es ihr so gut geht, verdankt Isabella unter anderem einem Ärzteteam in Chemnitz. Dass sie aber überhaupt in die Obhut dieser Mediziner kam, dafür hat ihre Mutter gesorgt, Paola Alvarez. Denn die hat sich mit ihrem damals fünf Monate alten Baby ganz allein von Venezuela nach Deutschland aufgemacht.

Von Anfang an: Isabella kam im September 2016 im südamerikanischen Venezuela zur Welt - und war krank. Grund waren wohl Krankenhauskeime, der Säugling hatte ständig Durchfall und magerte von 3800Gramm Geburtsgewicht auf 2400 Gramm ab. Eine Freundin riet ihr, mit Isabella nach Deutschland zu gehen. Sie selbst hatte ihr an einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte leidendes Kind erfolgreich dort operieren lassen. Das war nun also auch Paolas Ziel: irgendwie dafür sorgen, dass ihr sterbenskrankes Mädchen im fernen Deutschland geheilt wird.

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Der Weg ist ein Abenteuer. Eine entfernte Verwandte, die in Spanien lebt, gibt ihr das Geld fürs Flugticket. Man erzählt ihr, sie benötige in Deutschland 1000 Euro für die ersten Monate und eine Bescheinigung von jemandem, bei dem sie wohnen kann. Beides hat sie nicht. Mit einer Reisetasche, sechs Dollar Bargeld und dem unter der Jacke versteckten Säugling steigt sie am 14.Februar 2017 in Frankfurt aus dem Flieger. Sie geht zur Polizei - und findet sich letztlich im Chemnitzer Erstaufnahmelager für Asylbewerber wieder. Später kommt sie nach Annaberg, seit einem Jahr lebt sie nun mit ihrer Tochter in einer kleinen Wohnung in Lugau.

Isabella wurde inzwischen in mehreren Krankenhäusern behandelt, zuletzt - nachdem auch noch ein Problem an der Niere entdeckt wurde - in Chemnitz operiert. "Jetzt ist alles super", sagt Paola Alvarez und strahlt übers ganze Gesicht. Die 31-Jährige hat ihr Ziel erreicht - Isabella ist gesund. Aber nun hat sie gerade deshalb Angst, Deutschland wieder verlassen zu müssen. Denn aller sechs Monate soll Isabella zur Kontrolle, in ein paar Jahren ist vielleicht eine weitere OP nötig, habe der Arzt gesagt. "Wissen Sie, was in Venezuela los ist?", fragt die Mutter. Unmöglich, dass das dort gemacht werde. "Es gibt ja nicht einmal Antibiotika." In dem ölreichen Land herrscht aktuell ein regelrechter Ausnahmezustand, es gibt Versorgungsengpässe und Hungersnot. Präsident Nicolás Maduro befindet sich im erbitterten Machtkampf mit Parlamentspräsident Juan Guaidó, der sich selbst zum Interimspräsidenten ernannt hat.

In Paola Alvarez' Wohnzimmer hängt ein großer Rahmen mit Fotos, Erinnerungen an die Familie in der alten Heimat. Sie zeigt auf zwei Aufnahmen: "Und das ist meine deutsche Familie. My best friends." Ihre besten Freundinnen - das sind zwei Lugauerinnen. Eine von ihnen ist Heike Neef. Sie hat die Venezolanerin vor einem Jahr über ihre älteste Tochter kennengelernt, die ehrenamtlich Asylbewerbern half. Anfangs sei sie schon skeptisch gewesen, habe Vorurteile gehabt, gibt Neef zu. Aber dann habe sie Paola öfter getroffen, ihre Geschichte erfahren und sei sehr berührt gewesen. "Ich bewundere Paola, wie sie das alles so meistert. Das ist Wahnsinn", sagt die Lugauerin. Die Verbindung sei immer intensiver geworden, mittlerweile sehe man sich mindestens einmal in der Woche. Die zweite Lugauerin, die Paola zu ihren besten Freundinnen zählt, hat sie regelrecht in ihre Familie aufgenommen. "Wir mögen Paola alle, sie ist uns wie ein Familienmitglied", sagt die Frau, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. Isabellas zweiten Geburtstag haben sie in ihrem Garten gefeiert, auch die Ostereiersuche fand gemeinsam statt.

Paola Alvarez ist glücklich, in Lugau leben zu dürfen, ihre Tochter gesund und in Sicherheit zu wissen. Die Menschen seien nett zu ihr, man könne hier gut radfahren, es gebe viele Familien mit Kindern. Sie möchte aber auch gern zurückgeben, was sie in Deutschland an Hilfe und Liebe erfahren hat, möchte ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, sagt sie. So einfach ist das aber nicht. Eigentlich sei sie Ingenieurin für Mechanik, aber hier habe sie in dem Beruf keine Chance, sagt sie. Sie habe in ein deutsches Lehrbuch geschaut, das Niveau sei viel höher. Aber sie will niemandem auf der Tasche liegen, will arbeiten. Im Moment wartet sie darauf, ihre Sprachprüfung B1 ablegen zu können, bis es soweit ist, will sie ein Praktikum in der Altenpflege machen. Vorgesprochen habe sie schon, es sehe gut aus. Und danach möchte sie sich zum Altenpfleger ausbilden lassen.

Etwas beschäftigt die Venezolanerin sehr: dass viele Deutsche so unzufrieden sind. "In Venezuela gibt es eine einfache Regel: Gehst du nicht arbeiten, hast du nichts zu essen. Hier wissen die Leute gar nicht, was sie hier haben", sagt sie. Sie habe mal auf einem Amt einen Mann getroffen, der sehr unglücklich und unzufrieden war. "Ich habe ihm von meinem Leben erzählt, von Venezuela und von Isabella", erinnert sich die 31-Jährige. Der Mann habe zugehört und dann nach einer Wei- le gesagt: "Eigentlich geht es mir gut."

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