Vom weiblichen Pink zum Zuchthaus-Grau

Frische Farben im Stollberger Ex-Frauenknast Hoheneck? Bob Dylan, Bikini, Riviera? Das mit Spannung erwartete Rahmenkonzept für die Gedenkstätten-Dauerausstellung steht - es wagt sich mutig an das ernste Thema. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Zielgruppe vor allem jung ist.

Stollberg.

In der Werbung gibt es einen Grundsatz: Wem biete ich mein Produkt an - und wie erreiche ich, dass der Kunde das Produkt will? Im Fachjargon: Eine Zielgruppe definieren - und sie aufschließen.

Aufschließen sagt auch Jan Wünsche. Er gehört zur Leipziger Agentur Kocmoc, die im Auftrag der Stadt für 15.000 Euro das Vorkonzept für die Dauerausstellung im Ex-Frauenzuchthaus Hoheneck erstellt hat - die Schau soll das Herz der Gedenkstätte für die Tausenden politischen DDR-Inhaftierten werden. "Wir wollen vor allem Schüler sowie Familien mit Kindern ab zwölf Jahre erreichen, auch Studenten", so Wünsche. Es gehe um Demokratie, Menschenwürde, Freiheit. Und um Diktatur. Doch wie schließt man die Twitter-Generation auf, die die DDR nur aus Geschichtsbüchern kennt?

"Wir beginnen die Schau nicht mit den Opfern, sondern mit den Frauen. Wir wollen ihre Träume zeigen - um dann Diktatur erfassbarer zu machen", so Wünsche. Es ist der gewollte Bruch der Erwartungshaltung an eine eher düstere Ausstellung. Das Ziel: Interesse wecken, um dann Inhalte zu vermitteln.

Daher steht am Anfang der Raum der Träume, in lebensfrohen Farben, pink oder orange, mit handgeschriebenen Sätzen. Bob Dylan live erleben, mit einem tollen Auto gen Italien fahren - aber auch Forderungen nach Meinungsfreiheit oder einfach das Verlassen des DDR-Staates. Ergänzt werden die Träume durch konkrete Geschichten von Zeitzeuginnen und möglichst Fotos von den Frauen vor ihrer Inhaftierung. Erst danach wechselt die Schau ins eigentliche Thema - und erst danach dominiert die Farbe Grau.

Einstieg: Mit einer Art Prolog - etwa mit dem Animadok-Film "Kaputt" soll ein emotionaler, künstlerischer Einstieg gefunden werden. Kocmoc ist sich sicher: Trotz der Kraft des Kurzfilms ist er nicht überwältigend im Sinne des im Gedenkstätten-Kontextes so häufig verwendeten Begriffes des "Überwältigungsverbotes" - also der zu vermeidenden Überforderung des Besuchers. Der Film greife aber viele Themen auf - Zwangsarbeit, Isolation, Essen, Unterbringung - die in der Schau mit Fotos, Texten, Aussagen von Zeitzeuginnen und Exponaten wieder aufgegriffen werden.

Die DDR-Zeit: Hauptinformationen zum Alleinstellungsmerkmal Ex-Frauenzuchthaus mit vielen Exponaten - von Kriegsende bis zur Wende wird die Geschichte der Haftanstalt im Kontext der Geschichte der DDR beleuchtet. Jan Wünsche: "Der sehr lange Raum wird chronologisch bespielt." Er schlägt vor, eine Strukturierung des Raumes nicht nach Jahrzehnten vorzunehmen, sondern anhand von politischen Zäsuren, die das Leben der Menschen in der DDR geprägt und die Haftgründe und Haftbedingungen nachhaltig beeinflusst haben: etwa der Volksaufstand, der Bau der Mauer, die KSZE-Konferenz in Helsinki. Der gesamte Knast: Untersuchung der spezifischen Frauen-Haft-Themen in Verbindung mit der Geschichte des Gefängnisses Hoheneck von 1862 bis 2001 - also auch als Männer-Zuchthaus und als Gefängnis des Freistaates Sachsen.

Der historische Ort: Leerer und zum Gedenken einladender Raum mit Blick in den Zellentrakt. Hier soll Diktatur spürbar werden. Wichtig: eine intelligente Ausleuchtung des Traktes. Bei Führungen wird dann auch der Südflügel mit den originalen Zellen erlebbar sein.

Die Täter: Hier werden in einzelnen kleineren Räumen die Täter und ihre Arbeit gezeigt - von den berüchtigten Wächterinnen, den Wachteln, bis hin zur Überwachung, dem medizinischen Dienst, den Repressionen gegenüber den Insassinnen.

Und was sagt die Stadt als Auftraggeber? Sprecher Reiner Kunz: Nun müsse das Rahmenkonzept mit inhaltlichen Details, Exponaten gefüllt werden. "Aber das Vorkonzept steht." Auf die Frage, was die gesamte Ausstellung kosten würde, sagte Kunz: "Das ist schwer zu sagen. Ganz grob: irgendwo um den mittleren sechsstelligen Bereich herum. Dazu muss nun Geld gesammelt werden, über Sponsoren und Fördermittel." Sicher ist nur: In etwa einem Jahr muss alles fertig sein.

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