Von der Kundenbetreuung in den Lokführerstand

Eine Seiffenerin wollte es mit 56 Jahren noch einmal wissen: Sie hat sich zur Triebfahrzeugführerin ausbilden lassen.

Seiffen/Chemnitz.

Bärbel Seifert aus Seiffen hat beruflich schon einige Stationen hinter sich. Gelernt hatte sie ursprünglich Facharbeiterin für Holzspielzeug, arbeitete später bei der DDR-Jugendorganisation FDJ und nach der Wende bei der Deutschen Bahn. Als sie dort im Jahr 2000 ihren Arbeitsplatz verlor, schulte sie um auf Berufskraftfahrerin, pflegte einige Jahre ihre Eltern und wurde schließlich Kundenbetreuerin bei der Chemnitzer Citybahn.

Als dieses Unternehmen 2018 dringend neue Triebfahrzeugführer suchte und dafür Seiteneinsteiger umschulen wollte, sei sie angesprochen worden, ob sie nicht auch Lust hätte, sich noch einmal beruflich zu verändern - mit mittlerweile 56 Jahren. "Das Leben ist Veränderung", sagt sie selbst dazu ganz pragmatisch. Als gelernte Lastwagen- und Busfahrerin sei ihr die Umstellung auf Schienentriebwagen sicher leichter gefallen als anderen Seiteneinsteigern, und zudem habe der neue Job einen großen Vorteil: "Ich kann jetzt zur 30-Stunden-Woche wechseln und verdiene das gleiche Geld wie bisher in 40 Stunden", erklärt Bärbel Seifert. Denn die Triebfahrzeugführer der Citybahn erhalten nach Unternehmensangaben jetzt schon 96 Prozent und sollen ab Juli dieses Jahres voll nach Bundes-Lokführertarif bezahlt werden. Für Bärbel Seifert, die täglich drei Stunden von und nach Seiffen im Auto unterwegs ist, sei die verkürzte Arbeitswoche ein großer Zeitgewinn, "auch wenn zu Hause nur der Hund wartet", so die jetzt 57-Jährige. Ihre Schichten als Triebfahrzeugführerin auf den Strecken des Chemnitzer Modells beginnen und enden immer entweder in Chemnitz, Stollberg oder Hainichen.

Am Dienstag nahm sie gemeinsam mit fünf weiteren Frauen und 33 Männern im Chemnitzer Archäologiemuseum das Zertifikat als frisch gebackene Triebfahrzeugführerin entgegen. Zu der einjährigen Ausbildung bei der Citybahn waren zwischen September 2018 und Januar 2019 insgesamt 46 Teilnehmer im Alter von Anfang 20 bis Mitte 50 gestartet, darunter auch viele mit völlig anderen Berufen. Alle mussten sich zunächst ein halbes Jahr lang mit der Theorie des Eisenbahnverkehrs vertraut machen, bevor sie unter Anleitung Fahrstunden in den Führerständen von Vario- und Citylink-Bahnen absolvieren durften - zunächst nur auf Bahngleisen. Für jene, die die Berechtigung für Eisenbahnstrecken geschafft hatten, schloss sich noch eine insgesamt zweimonatige Theorie- und Praxisausbildung für das Chemnitzer Straßenbahnnetz an. Von den insgesamt 46 Kursteilnehmern mussten fünf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, zwei scheiterten an Prüfungen.

Die Ausbildung von Seiteneinsteigern zu Triebfahrzeugführern war 2018 vom Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) als neuem Hauptgesellschafter der Citybahn angeschoben worden. Grund dafür waren zu wenig Bewerbungen von Schulabgängern um Ausbildungsplätze, wie VMS- und Citybahn-Geschäftsführer Harald Neuhaus erinnerte. Das hatte in den vergangenen Jahren immer wieder dazu geführt, dass bei Krankheit oder Urlaub mehrerer Triebfahrzeugführer Linien verkürzt werden oder Fahrten ausfallen mussten.

Für die 46 Ausbildungsplätze für Seiteneinsteiger habe es 120 Bewerbungen gegeben. In die Qualifizierung einschließlich dem Ausbildungsentgelt hat die Citybahn nach eigenen Angaben etwa eine Million Euro investiert. Die neuen Triebfahrzeugführer dürfen laut ihren Verträgen jetzt zwei Jahre lang nicht zu anderen Arbeitgebern wechseln. Obwohl die Gesamtzahl der Triebfahrzeugführer des Unternehmens mit ihnen auf 91 steigt, reicht das noch nicht aus, sagte Neuhaus. Im April soll daher der nächste Ausbildungslehrgang mit 20 Teilnehmern starten.

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