Von der Schulbank zur Tischtennisplatte

42 Jahre lang behielt Lothar Dickert als Lehrer und Schulleiter ein offenes Ohr für seine Schützlinge. Nun ist er in den Ruhestand getreten und erklärt, warum er seine Schüler verstehen kann und er nie Physiklehrer werden wollte.

Annaberg-Buchholz/Marienberg.

Wenn es darum geht, andere zu ehren, dann lässt Lothar Dickert Bildschirm und Tastatur links liegen und greift zu Zettel und Stift. In gemächlich verschlungenen Buchstaben schreibt er mit Bedacht seine Gedanken nieder, streicht, korrigiert, bessert nach. Das ist es ihm wert. 24 Lobreden auf scheidende Abiturienten sind auf diese Weise entstanden. Nun hat der Schulleiter des Annaberger Landkreisgymnasiums selbst die Tasche an den Nagel gehängt und zum Schuljahresende den Ruhestand angetreten.

Als gebürtiger Zwickauer und Sohn eines Wismut-Bergmanns wuchs Dickert in Westsachsen nahe Wilkau-Haßlau auf. Sein Wissensdurst erwachte früh und wurde im Elternhaus gefördert. "Ich habe immer zwei Bücher bekommen und die habe ich auch gelesen", erzählt er. Das eine habe er zu Weihnachten erhalten, das andere an seinem Geburtstag. Die Eltern achteten darauf, ihm mit geschichtlichen und geografischen Themen eine Freude zu machen. Das Interesse gerade an letzteren Themen blieb dem gebürtigen Westsachsen erhalten, er macht es später sogar zu seinem Beruf. Im Alter von 17 Jahren entschied sich Lothar Dickert für die Lehrerlaufbahn.

Warum? "Ich wusste eigentlich immer eher, was ich nicht machen wollte. Ich verspürte wenig Neigung zu einem technischen Beruf, und in der DDR suchte man Lehrer und Offiziere", erklärt der heute 65-Jährige. Zum Militär wollte er nicht. Der Berufswunsch stand also fest. Blieb nur noch die Wahl der Fächer. Geografie stand früh fest, und auch mit Mathe konnte sich der junge Student anfreunden. Nur mit dem Fach Physik, das man ihm ans Herz legte, haderte er. Wie er erzählt, war das Grund dafür sein damaliger Physiklehrer. Der muss Lothar Dickert wohl ordentlich auf dem Kieker gehabt und ihm das Fach so gründlich versauert haben. Heute kann der Schulleiter darüber lachen und sieht die Episode gleichzeitig als Lehrgeld an.

"Ich nahm dabei mit, dass Schüler ein sehr subjektives Verhältnis zu ihren Lehrern haben können", so Dickert. Das habe ihm später im Umgang mit seinen Schülern und Kollegen geholfen. Er studierte das Lehramt in Dresden und lernte dort auch seine heutige Frau kennen, die sich ebenfalls zur Lehrerin ausbilden ließ. Beide wurden nach dem Studium gemeinsam nach Schlettau versetzt. Lothar Dickert begann 1975 an der örtlichen Polytechnischen Oberschule Mathematik und Geografie zu unterrichten. Nach der Wende wurde die Oberschule zum Gymnasium und Lothar Dickert blieb, allerdings als Schulleiter. "Eigentlich war es ja nie mein Ziel, Lehrer für Lehrer zu sein", bekennt der langjährige Schulleiter. Doch das Kollegium stimmte ab, und er wollte der basisdemokratischen Entscheidung nicht widersprechen. Er bereut es nicht. "Damals konnten wir noch viel in Eigeninitiative umsetzen. Und wir alle haben wirklich gewollt!" Etwas von dem pädagogischen Kampfgeist der Nachwendejahre sitzt dem Schlettauer noch immer in den Gliedern, auch wenn ihm die zunehmende Bürokratisierung und Reglementierung zu schaffen macht. "Ich habe manchmal das Gefühl, die Schule ist für die Verwaltung da - und nicht umgekehrt", sagt Dickert. Dass er sich dabei auskennt, lässt sich aus seinem Lebenslauf lesen. Lothar Dickert durfte gleich mehrere Schulen leiten. Denn das Schlettauer Gymnasium fusionierte mit dem Annaberger Stadtgymnasium St. Annen. Dorthin verschlug es dann auch Lothar Dickert, der als Schulleiter das Steuer übernahm. Lange hielt es ihn nicht am neuen Standort, als das Gymnasium 2005 zum Landkreisgymnasium wurde, zog Lothar Dickert als Schulleiter weiter. "Das Gymnasium Marienberg gehört heute zu einer der angenehmsten Zeiten meines Lebens. Die Chemie hat einfach gestimmt", erinnert sich Dickert.

Mit vielen Kollegen aus der Bergstadt sei er noch heute befreundet, mit einigen fährt er in den Urlaub. Doch auch hier kam der Schlettauer nicht zur Ruhe. "Ich war furchtbar erschrocken, als nach drei Jahren der Chef der Bildungsagentur Annaberg anrief, um mich zurück nach Annaberg zu beordern." Nach kurzem Zögern und viel Abschiedsschmerz nahm Lothar Dickert die neue Herausforderung an. Denn als Leiter des Landkreisgymnasiums musste er nicht nur die Schule in der Kreisstadt, sondern unter anderem auch die Zweigstelle in Oberwiesenthal betreuen und dabei verschiedene Kollegenkreise unter einen Hut bringen. Das Hauptgebäude musste umgebaut werden. Auch das meisterte Lothar Dickert.

Mit dem Ruhestand winken nun neue Herausforderungen. Zum Beispiel Hobbys und seine beiden Enkel. Sobald die Übergabe flüssig vollzogen ist, will Dickert selbst die Schulbank drücken, zumindest im übertragenen Sinne. "Ich habe mich schon für einen Tischtennislehrgang angemeldet", erzählt er. Nach diesem möchte er sein Hobby an den Nachwuchs weitergeben. Angenehmer Nebeneffekt: So will er auch selbst fit bleiben. Ganz fertig ist Lothar Dickert übrigens mit der Arbeit noch nicht. Sein Vertrag läuft bis Ende Juli und bis dahin gilt es noch einige Akten zu ordnen, aufzuräumen und für eine saubere Übergabe zu sorgen.

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