Warum Menschen Urlaub bei Umweltaktivisten im Erzgebirge machen

Auf dem Erzgebirgskamm pflegen Umweltaktivisten seit Jahren auf traditionelle Art Bergwiesen, damit diese arm an Nährstoffen und reich an seltenen Arten bleiben. Inzwischen bekommt der Verein Hilfe von Urlaubern, die "was Gescheites" tun wollen.

Marienberg.

In halb kreisender Bewegung dreht Andreas Plank Hüfte und Schultern um seine Vertikalachse hin und her. Wie ein verlängerter Arm folgt die Sense der Bewegung. Das hohe Gras fällt. "Wenn die Haltung nicht stimmt, ist das nicht gut für den Rücken", sagt er. Allerdings ist die Bewegung besser als die unzähligen Stunden, die der promovierte Biologe sonst im Sessel vorm Computer in Berlin verbringt. Derzeit macht der 42-Jährige, der gebürtig aus Karl-Marx-Stadt stammt, eine Woche Urlaub auf dem Erzgebirgskamm im Marienberger Ortsteil Rübenau: "Schön, die Hektik der Großstadt mal hinter sich zu lassen. Aber am Strand liegen ist nicht so meins."

Andreas Plank trug sich für den Arbeitseinsatz beim Verein Natura Miriquidi ein. Der pflegt am Erzgebirgskamm in traditioneller Bewirtschaftung anderthalb Hektar an Bergwiesen. "Hier läuft die Zeit anders", sagt Plank. Auch wenn es mit dem Takt der Sensenschwünge nicht immer klappe, "Bodenwellen erkennen, nicht zu quer zu den Halmen ziehen, sonst legt man alles nur um, statt es abzuschneiden", das hat er inzwischen gelernt. "Dickes Gras ist schwierig, zum Glück gibt es auch Stellen, da geht die Sense zsschschschd durch", freut sich der naturaffine Städter.


"Fürs nächste Jahr planen wir einen Sensenlehrgang", überlegt Kay Meister, der für den Verein das geförderte Projekt koordiniert. Mit Ein-Euro-Jobbern fing alles an. "Jetzt sind schon zum dritten Mal Urlauber über die Plattform Regiocrowd im Netz zu uns gekommen", sagt der 43-Jährige. Die freiwilligen Helfer sind im Haus der Kammbegegnungen oberhalb Rübenaus untergebracht. "Mit zehn Leuten ging es los. Jetzt sind über 30 da. Einige kommen für einen Tag, manche bleiben die ganze Woche von Samstag bis Freitag", berichtet Meister. Vormittags und nachmittags gibt es Arbeitseinsätze: sensen, das Mähgut zum Trocknen mit dem Rechen wenden und es schließlich auf breiten Planen von der Wiese ziehen. Kost und Logis sind frei. Abends gibt es Programm: mal eine Kräuterwanderung, eine Exkursion zum Rauchquarzsuchen oder einfach gesellige Runden am Lagerfeuer.

Einen Großteil der sieben zu pflegenden Wiesen versuche man in den Ferien-Aktionswochen zu schaffen. Manchmal macht das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Sensen lässt es sich nach anhaltendem Regen, der dem Gras die Spannkraft nimmt, eben schlecht. Und nasses Mähgut kann man auch nicht einbringen. "Je nach Witterung muss das Heu bis zu einer Woche liegen", sagt Meister. Konkreter, es muss ständig gewendet werden, was eine Bauernregel auf den Punkt bringt: Das Heu trocknet nicht auf der Wiese, sondern auf dem Rechen!

Vom Heu profitieren nicht nur Schafe, Ziegen und Kaninchen, die der Verein hält. Ein Teil geht in den Verkauf, da die Förderung nicht alle Kosten decke, sagt Meister. Auch die Gäste haben etwas von ihrer Ernte. "Wir sind eine Naturherberge, da schlafen die Besucher auf Heu", sagt Meister. Besonders geeignet sei die Zittergrassegge. Gepresst in einen Sack aus Tuch, lasse sich daraus "eine wunderbare Matratze formen, die sich nicht nach wenigen Tage plattgelegen hat", schwärmt er. Die Grasart zerkrümele nicht wie andere, die in Matratzenform eben schnell bretthart würden. "Und sie hat keine Pollen, ist deshalb auch für Allergiker kein Problem", weiß Meister.

Begeistert stopfen die achtjährige Lena aus Geyer und der siebenjährige Lorenz aus Leipzig den nächsten Sack voll. Ihre Matratzen testen sie gleich vor den pyramidenförmigen Rundzelten, in denen die meisten Urlauber schlafen. "Na stopp' 'rin", kommentiert Gabi Horster, Lorenz' Oma, den Eifer des Enkels. "Wir schlafen im Haus auf einer richtigen Matratze", verrät sie. Manchmal hat Naturverbundenheit Grenzen. "Aber wir machen was Gescheites, fühlen uns dabei wohl und Lorenz macht es sichtlich Spaß." Sie selbst genieße die Abwechslung - und die Aha-Erlebnisse, die sie auch mit 60 Jahren hat, verrät sie. "Was die Kinder alles aus dem Teich gefischt haben - Lurche, Libellenlarven und ein Insekt, das Rückenschwimmer heißt." Ihren Namen hat die Wanzenart durch die Eigenart, im Wasser, von der Oberflächenspannung getragen, rücklings zu paddeln. Die Kräuterwanderung habe sie begeistert, sagt Gabi Horster. Vieles, das als Unkraut gilt, sei nützlich - oder lecker. "Wir hatten zum Frühstück Bärwurz-Quark. Herrlich, da muss ich mir was im Garten ansiedeln, um den selbst machen zu können."

Aber nicht nur Rezeptideen nehmen die Teilnehmer mit heim. Da ist auch die Erkenntnis, was Artenvielfalt bedeutet und wie man sie erhält. Als Grünen-Stadtrat in Marienberg hat Kay Meister einen Wandel in der Mentalität ganz normaler Bürger ausgemacht, die sich nicht zu Umweltaktivisten zählen. "Früher gab es Beschwerden, wenn die Stadt eine Grünfläche zu selten mähte. Jetzt kommen oft welche, dass zu häufig gemäht wird." Ein Schritt nach vorn, findet er, weil es der Stadt helfe, naturnahe Flächen und Wildwuchs zu erlauben. "Wenn man gar nicht mäht, verbuscht eine Fläche bald", erklärt der Experte. Ein solches, nur im Winter zurückgeschnittenes Areal lässt der Verein entlang der Einsiedler Straße sprießen. Ein Dickicht aus Grüntönen und ein Meer aus Blütenformen und Farben: rosa Moschusmalven, zerfledderte fliederfarbene Blüten der Prachtnelke, meterhoch ragende gelbe Königskerzen. Es surrt und summt vor Bienen und Hummeln.

"Aber konkurrenzschwache Arten haben auf ungemähten Flächen kaum eine Chance. Sie werden von anderen Arten verdängt", sagt Kay Meister. Deshalb gelte es beim Bergwiesenprojekt, durch die Mahd magere Böden zu erhalten. Beweidung sei keine Alternative, "weil Kühe ja nur zehn Prozent der Biomasse wegschaffen. Der Rest landet als Dung wieder auf der Fläche", sagt er. "Hier mähen wir die Wiesen mit der Sense stückweise. Klar beraubt man auch damit Lebewesen ihres Lebensraums. Aber bei einem Rotationsgerät wie einem Rasenmäher sind hinterher 99 Prozent aller Insekten tot", vergleicht Kay Meister. Aus dem gesensten Mähgut können viele Tiere vorm Einbringen flüchten. Und dass die Pflanzen vor der Mahd ausblühen und ihre Samen verteilen dürfen, ehe sie geschoren werden, sorge für weitere Generationen.

Im Tal auf einer Wiese neben der Natzschung, dem Grenzflüsschen, das Deutschland von Tschechien trennt, wenden Helfer das Heu. Kay Meister pflückt einige Pflanzen. Der Klappertopf ist da, der anderen Pflanzen und damit dem Boden, wie erwünscht, Nährstoffe entzieht und die Wiese wieder "mager" macht. Die Alantdistel gibt es, und das Berg-Johanniskraut. "In den Jahren unsere Pflege kam auch der Wiesenknopf wieder", sagt Meister. Die zapfenartigen roten Blüten der Pflanze dienen den Arten des selten gewordenen Wiesenknopf-Ameisenbläulings zur Ablage seiner Eier. "Noch haben wir hier keinen Wiesenknopfbläuling gesehen, aber wir hoffen darauf", sagt Kay Meister.

www.regiocrowd.com


Alantdistel (Cirsium heterophyllum)

Sie wird auch als Verschiedenblättrige Kratzdistel bezeichnet, kann über einen Meter aufsprießen und bildet rosa Blüten aus. Selbst in verwelktem Zustand ist der auffallend große Blütenstand durch bizarre Form ansehnlich - und, so scheint es, wohnlich. Auf Beute wird die Spinne nach Ablauf der Blütezeit und wegen fehlender Bestäubungsinsekten wohl vergeblich warten, dennoch hat sie den Blütenstand noch nicht verlassen. Die Alantdistel wächst bevorzugt auf feuchten Bergwiesen und kommt regional im Erzgebirge, im Vogtland und im Thüringer Wald vor.


Berg-Johanniskraut (Hypericum montanum)

Eine Heilpflanze, die auch auf der Magerwiese am Grenzflüsschen Natzschung wächst. Sie verfügt wie das herkömmliche (echte) Johanniskraut (Hypericum perforatum) über den Inhaltsstoff Hypericin, der antiviral, beruhigend, aber auch stimmungsaufhellend wirkt und daher als Antidepressivum genutzt wird. Zerdrückt man die Blütenbasis, färben sich die Finger unter dem Farbstoff des Wirkstoffs braunrot. Das Hypericin erhöht die Lichtempfindlichkeit der Haut, was in Deutschland allerdings, außer bei einer Überdosierung, zu vernachlässigen ist.


Klappertopf (Rhinanthus)

Ihren volkstümlichen Namen verdankt die Gattung der Klappertopfarten dem rasselnden Geräusch ihrer Samen, die in welken Fruchtkörpern "klappern". Auf sogenannte Magerwiesen wirken sie positiv, da sie dem Boden viele Nährstoffe entziehen. Allerdings nicht nur diesem. Sie leben zum Teil parasitär, besitzen selbst nur ein verkümmertes Wurzelgeflecht und pfropfen sich mit einer saugenden Warze auf Wurzeln anderer nebenstehender Pflanzen auf. Im Volksmund gibt es auch die Bezeichnung Milchdieb, weil im Umfeld des Klappertopfes Futterpflanzen schlecht gedeihen.

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