Wenn der Verstand der Menschen den Emotionen den Vortritt lässt

Fast zwei Jahrzehnte lang hat Matthias Löffler alles versucht, um als Friedensrichter zwischen meist verhärteten Fronten zu vermitteln. Einige Fälle brachten ihn und seine Frau zum Schmunzeln, andere machten traurig.

Zschopau.

Was im Oktober 1999 an einem Maschendrahtzaun im vogtländischen Auerbach geschah, wusste schon bald das ganze Land. Dabei ging es dort nur um einen wuchernden Knallerbsenstrauch. Dieser Nachbarschaftsstreit, dem Entertainer und Musiker Stefan Raab zu riesiger Bekanntheit verhalf, war für Matthias Löffler der Anstoß. "Es kann nicht sein, dass jemand wegen so einem Pillepalle-Fall berühmt wird. Da muss es Abhilfe geben", sagte sich der Zschopauer damals. Also ergriff er die Initiative und bewarb sich als Friedensrichter. Kein halbes Jahr später fand sich der Disponent der Erzgebirgsbahn in diesem Ehrenamt wieder - zunächst als Stellvertreter, ab 2005 dann in voller Verantwortung.

Es musste ja auch noch einfachere und vor allem logischere Wege geben, einen solchen Konflikt unter Nachbarn zu lösen. "Damals war ich noch so naiv, daran zu glauben", sagt Matthias Löffler heute. Inzwischen hat er ähnliche Fälle erlebt und weiß die Sturheit der Menschen anders einzuschätzen. "In unseren Augen waren viele Probleme leicht zu lösen. Aber die emotionalen Schranken waren so aufgebaut, dass mitunter nichts zu machen war", sagt auch Heidi Löffler, die ihren Mann ab 2005 unterstützte. Sie wurde seine Stellvertreterin, weil es keinen anderen Kandidaten gab, aber auch aufgrund ihrer Arbeit. Als Sachbearbeiterin in der Kämmerei, Sachgebiet Steuern, hat sich schon so mancher Bürger bei ihr beschwert. Doch die Zschopauerin blieb immer sachlich. Statt sich aufzuregen, half sie, wo sie nur konnte - so wie sie es auch als Friedensrichterin tat.


In all den Jahren erlebte das Paar 83 Streitigkeiten oder Inanspruchnahmen, wie es offiziell heißt. "Die meisten davon waren Tür- und Angelfälle", sagt Heidi Löffler. Dabei reichten mitunter schon wenige Worte, um die Gemüter zu beruhigen. Doch selbst am Tatort Gartenzaun, wo zum Beispiel Überwuchs oder Komposthaufen für Unmut sorgen, kann es richtig brodeln. "Oft hat sich über Jahre hinweg etwas angestaut, das dann durch einen kleinen Auslöser herausbricht", sagt Matthias Löffler. Ein zu nah an der Grundstücksgrenze errichtetes Gewächshaus oder eine morgens 4 Uhr eingeschaltete Gerätschaft: So mancher Stein des Anstoßes brachte einen Konflikt ins Rollen, der bis hin zu einer Schlichtungsverhandlung führte - von den Löfflers stets abgehalten im Zschopauer Rathaus, einem betont neutralen Ort.

Als echte Richter treten sie dort nicht auf, wie die Friedensrichter betonen: "Wir sind zwar die unterste Ebene des Rechtsstaates, treffen aber keine rechtlichen Entscheidungen." Es ist reine Mediation - eine Vermittlung und der Versuch, die Beteiligten doch noch auf den Pfad der Vernunft zu führen und den gesunden Menschenverstand wieder einzuschalten. Der Einführungsphase, in der jeder seine Argumente vorbringen darf, folgt dabei die nicht immer ganz leise Streitphase und zum Schluss die Einigungsphase, die nicht immer Früchte trägt.

"Die Erfolgsquote liegt bei etwa 50 Prozent", schätzt Matthias Löffler, dem es vor allem immer um eines ging: Neutralität zu bewahren. Wirklich genau konnte er die Ausgänge aber nicht immer einschätzen. "Es gab auch jemanden, der die ganze Zeit geschwiegen hat", berichtet der 57-Jährige. Genauso kam ihm aber auch hinterher zu Ohr, dass ein vermeintlicher Streithahn sich beim anderen mit Blumen entschuldigte. Obwohl ein Happy End dieser Art immer Genugtuung und auch etwas Stolz bei den Löfflers weckten, verabschieden sie sich nun aus dem Ehrenamt.

Wirklich gebraucht wurden sie zuletzt kaum noch. Nur einen Tür- und Angelfall gab es 2019, was aber nicht unbedingt für weniger Konflikte sprechen mus. "Die Leute streiten und informieren sich heute anders", sagt Matthias Löffler. Nicht selten werden Dispute über digitale Medien ausgetragen, zudem sind kommerzielle Schlichter im Kommen. Friedensrichter gibt es aber weiterhin. Im Bereich Zschopau wird Maik Grammdorf aus Dittmannsdorf als Nachfolger von Matthias Löffler fungieren.

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