Wenn Rollsplitt zum Verhängnis wird

Immer wieder ereignen sich im Erzgebirge Unfälle, bei denen Motorradfahrer auf den kleinen Steinen wegrutschen. Schwere Stürze sind die Folge. Die Gefahr wird unterschätzt.

Pockau-Lengefeld.

Es sind Schreckensmeldungen wie diese: "Motorradfahrer verletzt sich schwer." Immer wieder ereignen sich auch in der Region Unfälle, bei denen Rollsplitt den Fahrern zum Verhängnis wurde. Doch wie gefährlich ist das Material, mit dem sich Straßen kostengünstig ausbessern lassen?

Der Honda-Fahrer war vor einer Woche auf der Staatsstraße 224 zwischen Rittersberg und Pockau unterwegs, als er in einer Linkskurve von der Fahrbahn abkam. Nachdem der 46-Jährige einen Felsvorsprung streifte, stürzte er und zog sich schwere Verletzungen zu. Der Unfall ereignete sich auf einer mit Rollsplitt geflickten Straße. Ob der Mann zu schnell fuhr und inwiefern er die Gefahr unterschätzte, ist unklar. Dies sei Teil der laufenden Ermittlungen, teilt Polizeisprecherin Daniela Koenig mit.

Auffällig ist: Derartige Unfälle ereignen sich immer wieder, mal mit schlimmen Folgen, mal kommen die Motorradfahrer mit dem Schrecken davon. Zwischen Waldkirchen und Zschopau kam erst vor wenigen Tagen ein Mopedfahrer beinahe zu Sturz. In einer Kurve sei das Vorderrad weggerutscht. Unfreiwilligen Bodenkontakt habe er verhindern können, berichtet der Mann. Auch dort war auf einem Abschnitt der kurvenreichen Straße Splitt aufgebracht worden. Mitte Juli ereigneten sich bei Eibenstock zwei Motorradunfälle. Die Ursache: Rollsplitt. Die Folge: schwere Verletzungen. 2015 traf es einen Motorradfahrer bei Pockau-Lengefeld. Er blieb unverletzt. Auch Autofahrer sind betroffen. 2014 starb eine 48-Jährige bei Dittersbach, als sie in einer Linkskurve auf Rollsplitt von der Fahrbahn abkam. Wenige Monate zuvor verletzte sich ein 48-Jähriger bei Olbernhau schwer. Die Frage, wie viele Unfälle dieser Art die Polizei im Erzgebirge erfasst hat, kann die Polizeisprecherin nicht beantworten: Diese würden nicht statistisch erfasst.

Damit ist das genaue Ausmaß des Problems unbekannt. Fakt ist: Die Reparaturmethode mit Splitt erfreute sich in den vergangenen Jahren großer Beliebtheit. Mehrere Hundert Tonnen davon werden jährlich allein von den Straßenmeistereien ausgebracht. Auch Kommunen greifen gern auf die Methode zurück. Eine Emulsion kommt zum Einsatz. Steine werden aufgebracht. Autofahrer fahren sie ein, das senkt die Kosten. Die Haltbarkeit der Straßendecken verlängert sich. Andernfalls müssten sie abgefräst und neu aufgezogen werden.

Die großen deutschen Automobilclubs halten den Einsatz des Verfahrens für vertretbar. Straßen ließen sich damit zügig reparieren, betont Thomas Kubin, zuständig beim Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) für Umwelt, Verkehr und Technik. Sind die Steinchen erst einmal eingefahren, könnten sie dazu betragen, dass Motorräder weniger schnell wegrutschen. Ganz anders sehe die Situation aus, solange diese lose auf der Fahrbahn liegen. Thomas Kubin: "Die Sturzgefahr bei Kurvenfahrten, beim Bremsen und bei Ausweichmanövern ist wesentlich höher als auf Straßen ohne Rollsplitt." Er rät: langsam, vorsichtig und vorausschauend fahren. Ähnlich äußert sich Herbert Engelmohr, Sprecher des Automobilclub von Deutschland (AvD): "Wir fordern von Behörden und ausführenden Firmen, die Fahrbahnen in jedem Fall abzukehren, nachdem die Oberfläche getrocknet ist."

Peter Ludwig, beim Erzgebirgskreis für das Referat Straßen und Verkehr zuständig, verweist darauf, dass die Steine spätestens nach einer oder zwei Wochen abgekehrt werden. Auf der Staatsstraße 224, auf der der Honda-Fahrer stürzte, soll es in wenigen Tagen soweit sein. In dem betreffenden Bereich sei im Zuge der Arbeiten eine Warnleuchte aufgestellt worden. Zudem wurde laut Ludwig die erlaubte Geschwindigkeit auf 50 Stundenkilometer reduziert. Er betont, dass dies nicht vorgeschrieben ist. Die Verkehrsteilnehmer seien in der Verantwortung: "Sie müssen bei Rollsplitt eine Geschwindigkeit wählen, die es ihnen erlaubt, die Straße gefahrlos zu befahren." Tempo 50 sei nur die erlaubte Höchstgeschwindigkeit - keinesfalls eine Richtgeschwindigkeit. Oft sei Tempo 50 noch zu schnell.

Doch warum sollen überhaupt Autos den Splitt einfahren? Warum wird er nicht einfach von den beauftragten Baubetrieben eingewalzt? Das Verfahren gebe das nicht her, sagt Ludwig. Der Splitt müsse über mehrere Tage hinweg konstant eingefahren werden. Dafür komme nur der Verkehr infrage. (mit hd)


Kommentar: Überfälliger Schritt

Auch im Erzgebirge wird gern Rollsplitt genutzt, um Straßenschäden auszubessern. Kein Wunder: Schließlich ist die Methode effizient und vor allem preiswert. Doch das Verfahren hat einen wesentlichen Nachteil: Fahren Motorrad- oder Autofahrer zu schnell über die kleinen Steine, kann ihnen der Splitt genauso schnell zum Verhängnis werden. Viele unterschätzen die Gefahr. Dazu tragen mitunter die an sich gut gemeinten Tempolimits bei. Sind 50 Stundenkilometer auf den geflickten Bereichen erlaubt, werden diese häufig auch gefahren - was in vielen Fällen deutlich zu schnell ist. Der Erzgebirgskreis will nun prüfen, ob besser lediglich 30 Stundenkilometer erlaubt werden sollten. Angesichts der schweren Unfälle der vergangenen Jahre ist dies ein überfälliger Schritt.

Bewertung des Artikels: Ø 2.7 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare
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  • 1
    0
    Tauchsieder
    02.08.2018

    Nach dieser Lesart von "Zeitu....." haben die Einen nur Senkrecht, dafür die Anderen Waagrecht. Behördlich wäre da alles möglich, privat nichts.

  • 1
    0
    kartracer
    02.08.2018

    Ich kann hier nur auf meinen Komm. vom 16.07. "Schon wieder auf der B283 weiterer Biker gestürzt und verletzt"
    "Klar sollte Eines sein, wenn das nicht explizit durch Warnschild angekündigt wurde, betrachte ich das als einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr.
    Es ist hinreichend bekannt, daß auf dieser Strecke viele Motorradfahrer unterwegs sind, wenn auch unbeliebt.
    Wer das nicht so sieht, sollte auch akzeptieren, daß ausgelaufenes Oel auf Fahrbahnen nicht beseitigt werden muß, denn die Wirkung ist fast die gleiche, zumindest bei Motorrädern, und auch bei zulässiger Geschwindigkeit."
    Sollte hier die Straßenmeisterei tatsächlich davon ausgenommen sein, ich glaube das nicht? Wenn doch macht sich hier eine Änderung der gesetzlichen Regelung dringend erforderlich, denn selbst Tempo 30 birgt die Gefahr eines Sturzes für Biker!

  • 2
    3
    Zeitungss
    02.08.2018

    @Tauchsieder: Ja, so ist es. Der § 315b gilt halt nur für den privaten Bereich, Straßenmeistereien sind davon ausgeschlossen, was mit Sicherheit auch gerichtsfest ist.

  • 3
    4
    Tauchsieder
    02.08.2018

    § 315b
    Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr
    .(1) Wer die Sicherheit des Straßenverkehrs dadurch beeinträchtigt, daß er
    1. Anlagen oder Fahrzeuge zerstört, beschädigt oder beseitigt,
    2. Hindernisse bereitet oder
    3. einen ähnlichen, ebenso gefährlichen Eingriff vornimmt,
    und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Der Versuch ist strafbar.
    (3) Handelt der Täter unter den Voraussetzungen des § 315 Abs. 3, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
    (4) Wer in den Fällen des Absatzes 1 die Gefahr fahrlässig verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (5) Wer in den Fällen des Absatzes 1 fahrlässig handelt und die Gefahr fahrlässig verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.



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