Wo Pferde sich durch Hindernisse denken

Auf einem Reiterhof in Waldkirchen wird ein in Sachsen einmaliger Parcours getestet. Dort ist Köpfchen gefragt - nicht nur bei den Reitern.

Waldkirchen.

Frieda wischt mit der Nase übers Holz. Dann setzt sie den Huf des rechten Vorderbeins kurz auf das erste Brett. "Sie nimmt Kontakt auf", erläutert Sindy Franke. Das sei normal und auch so gewollt. "Sie macht sich mit den Hindernis bekannt, bevor sie allein darüber geschickt wird", so die Vorsitzende des Vereins "Pferde(er)leben natürlich aktiv" weiter.

Heimstätte des Vereins ist Sindy Frankes Reiterhof in Waldkirchen. "Ein etwas anderer Reiterhof", wie die 29-Jährige selbst sagt. Statt um Siegerpokale gehe es den 26 Mitgliedern, die aus dem Erzgebirge sowie aus Chemnitz und Plauen kommen, um gemeinsamen Naturgenuss von Mensch und Pferd. Ein respekt- und vertrauensvoller Umgang von Mensch, Tier und Natur soll Lebensfreude wecken. Zur Aus- und Weiterbildung von Ross und Reiter werden alternative Formen angewandt.

Das "Alternative" beginnt auf dem Hof an der Dorfstraße bereits im Stall. Zwar gibt es Boxen für die Pferde, doch die Chefin setzt auf eine "offene, aktive Haltung". Das bedeute, so Sindy Franke, dass die Tiere zu jeder Zeit die Boxen verlassen und auf die Koppel können. "Fressen können sie auch, wann sie wollen. Vom Futter bis zum Wasser ist es ein Stück, so bleiben sie in Bewegung." Zum Auslauf stehen ungefähr zwei Hektar Weideland zur Verfügung.

Genauso groß ist das gut 300 Meter vom Hof entfernte Waldstück, in dem Frieda mittlerweile das erste Element von einem Hindernisparcours gemeistert hat. Allein. Na ja, fast. Vanessa Weiß hat der 16 Jahre alten Stute etwas Hilfestellung gegeben und sie an einem langen Seil über die Wippe geführt. ",Adapting the Trail' heißt diese Übung", erläutert die Reiterin aus dem erzgebirgischen Auerbach. "Durch das alleinige Überwinden werden die natürlichen Reflexe und Sinnesleistungen des Pferdes nicht unnötig gestört, und man schult gleichzeitig Vertrauen und Gehorsam."

Der auch "Extreme Trial" genannte Parcours besteht aus 24 verschiedenen Sektionen. In dieser Größe und Form sei die Bahn in Sachsen einmalig, sagt Jennifer Ullmann. Zum Testen der Anlage seien deshalb auch schon Reiter aus der Leipziger Ecke und aus Thüringen nach Waldkirchen gekommen. "Sie waren begeistert", so die zweite Vorsitzende des Vereins weiter.

"Es geht steil bergauf und bergab, es gibt enge Kehren, Stein- und Holzstufen, Stege, Wippen, Baumstämme, Gräben, Brücken, Schluchten und Felsen", beschreibt Jennifer Ullmann die natürlichen oder von Vereinsmitgliedern in etlichen Arbeitseinsätzen nachgebauten Hindernisse. Um Geländeschwierigkeiten zu simulieren, wurden zudem Gruben mit Sand aufgefüllt und sogar alte Matratzen als sumpfähnlicher Untergrund vergraben. "Der Schwerpunkt des Überwindens liegt auf der Art und Weise, wie sich das Pferd hindurch denkt. Das Augenmerk wird dabei auf exakte Bewegungen und später präzises Reiten gelenkt", verweist die 27-jährige Bürokauffrau aus Chemnitz auch auf den therapeutischen Aspekt der Übungen.

Wie Vanessa Weiß kommt auch Cella-Marie Frassek ohne Kommandos aus, wenn Lacost eine Sektion meistern soll. Allerdings sitzt die Chemnitzerin dabei im Sattel des ehemaligen Sportpferdes. Denn Lacost ist bereits eine Stufe weiter als Frieda und muss nicht mehr "an Hand" über den Kurs geführt werden. Die Einwirkung des Reiters soll sich auf Schenkel- und Gewichtshilfen beschränken. "Die Zügel bleiben locker. Lediglich etwas Geduld und manchmal auch gutes Zureden sind erforderlich", sagt die Reiterin, als Lacost vor dem "Schwebebalken" steht, ihn vorm Überqueren beschnuppert und mit dem Huf darauf scharrt. Dass sich das Pferd anschließend mit der Zunge die Lippen leckt, wertet sie als gutes Zeichen: "Er ist stolz auf seine Leistung."

Mächtig stolz sind auch die Mitglieder des erst im März gegründeten Vereins. Der gänzlich in Eigenleistung entstandene Parcours, der sich aus ihrer Sicht zu einem "echten Highlight für die Region" entwickeln könnte, wurde vom Leader-Verein zur Entwicklung der Erzgebirgsregion Flöha- und Zschopautal mit einem Preis bedacht. Das Geld soll in neue Hindernisse gesteckt werden. Sandy Franke: "Wir wollen eine Hängebrücke bauen."

Der Verein "Pferde(er)leben natürlich aktiv" lädt für den 19. Oktober, 15 Uhr, zum Stammtisch nach Johanngeorgenstadt, Ungergut 1, ein.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...