Wolkensteiner Wehr kann keinen Bereitschaftsdienst mehr leisten

Die Ortsfeuerwehr ist katastrophal unterbesetzt. Ihr Leiter richtete nun einen dramatischen Appell an die Einwohner der Bergstadt.

Wolkenstein.

Es sind deutliche Worte gewesen, die Ortswehrleiter Christian Zießler bei der Einwohnerversammlung an das Publikum im Wolkensteiner Ratskellersaal richtete. "Alle erwarten, wenn sie den Notruf wählen, dass die Feuerwehr sofort kommt. In Wolkenstein können wir das ab dem 1. Februar nicht mehr gewährleisten", sagte er. Der personelle Engpass habe sich immer mehr zugespitzt, bis die freiwillige Feuerwehr der Rettungsleitstelle melden musste, dass sie keinen Bereitschaftsdienst mehr leisten kann. "Ich schäme mich dafür nicht", so Zießler. "Wir haben bisher gute Arbeit geleistet, aber es wird immer schwieriger, Leute ins Gerätehaus zu locken."

So ernst wie in Wolkenstein scheint die Lage im Erzgebirge sonst noch nicht zu sein - eine weitere Kommune sei ihm nicht bekannt, so Gunnar Ullmann, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Erzgebirge. "Vereinzelt gibt es tagsüber personelle Engpässe - je nachdem wie viele Gewerbe im Ort angesiedelt sind", erklärte er. Wenn die Minimalbesetzung nicht mehr gewährleistet werden könne, müsse eine Feuerwehr aber die Konsequenzen ziehen.

Christoph Ulrich

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Die Ortsfeuerwehr Wolkenstein hat aktuell 23 Mitglieder "auf dem Papier", erklärte Christian Zießler im Gespräch mit der "Freien Presse". Viele davon seien aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen nicht verfügbar. Nur rund ein Drittel habe Zeit, die geforderte Mindestausbildung zu absolvieren. "Wir bräuchten mindestens 30 Aktive, vor allem Atemschutzgeräteträger", so Zießler.

Die Folge des Personalmangels: Im Einsatzfall wird die Wolkensteiner Feuerwehr weiter automatisch alarmiert, vorwiegend aber die anderen Wehren ringsum, erläuterte Zießler. "Die Wege zum Einsatzort verlängern sich entsprechend." Um diese Situation zu verhindern, hatte die Ortsfeuerwehr im Dezember eine Notiz in alle Briefkästen geworfen. "Wir haben einen offenen Brief verfasst, dass es bei uns brennt und zu einer Info-Veranstaltung am 4. Januar eingeladen", erzählte er. Die Resonanz sei ernüchternd gewesen. "Wer hat denn heutzutage noch Zeit?", fragt der Wehrleiter. Viele hätten auch falsche Vorstellungen: Bei Festen für Verpflegung zu sorgen sei Aufgabe des Feuerwehrfördervereins, nicht der Feuerwehr.

René Bruchhold, Ortswehrleiter in Hilmersdorf, kennt die Problemlage. Mit 20 Kameraden sei auch seine Mannschaft knapp besetzt, vor allem tagsüber: "Es arbeiten ja alle auswärts. Das geht aber allen Feuerwehren so." 2018 hätten noch alle Einsätze in Vollbesetzung stattfinden können. Jan Wagner, Ortswehrleiter von Falkenbach, bestätigt: "Alle Feuerwehren haben Probleme, tagsüber genügend Leute zusammenzubringen." Laut Ausrückeordnung würden aber immer zwei Feuerwehren alarmiert.

Beide Ortswehrleiter waren bei Zießlers Ankündigung zugegen, denn Bürgermeister Wolfram Liebing (parteilos) hatte die Einwohnerversammlung genutzt, um sich bei den Ortsfeuerwehren für die gute Zusammenarbeit zu bedanken. Als Anerkennung der Stadt erhielten die Wehrleiter je 100 Euro. Laut Liebing seien Disziplin und auch der Wille zur Ausbildung für den Dienst bei der Feuerwehr nötig. "Es ist eine Menge Arbeit, aber auch eine gute Gemeinschaft", so der Bürgermeister. Stadtrat Peter Siedersleben (SPD) ergänzte, es habe 2009 schon Hinweise gegeben, dass Probleme auftauchen, wenn Sachsen die Ehrenamtler nicht entsprechend würdigt. "Wir stehen dafür ein, dass Feuerwehrleute einen Rentenbonus erhalten sollen", sagte er.

Ortswehrleiter Zießler hatte die Auszeichnung "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" angenommen. Tatsächlich sei die Ausstattung der Feuerwehr nicht schlecht, der Stadt und den Stadträten sei kein Vorwurf zu machen. "Der Mitgliedermangel ist ein allgemeines Problem, das nicht nur uns betrifft", sagte er im Gespräch. "Manche reden nicht darüber. Ich finde aber: Das gehört in die Öffentlichkeit."

Auch Zießler richtete auf der Einwohnerversammlung einen Appell an die Wolkensteiner. "Kommen Sie zur Feuerwehr", warb er, "Egal ob Mann oder Frau - die Feuerwehr ist schon längst keine Männerdomäne mehr." Es dürfe nicht geschehen, dass die hiesige Feuerwehr, die zwei Kriege überstanden, unzählige Brände gelöscht und Leben gerettet habe, nun ausstirbt. "Denken Sie daran: Es könnte ihre Frau sein, die im Auto nach einem Unfall eingeklemmt ist", sagte er, "Jede Minute kostet Leben."

Der Kreisfeuerwehrverband könne nur als Moderator und mit Öffentlichkeitsarbeit helfen, erklärte Gunnar Ullmann. Der Verbandsvorsitzende kündigte an, sich in Wolkenstein schlau zu machen. Die Kameraden hätten die Fühler noch nicht ausgestreckt. "Ich hoffe, dass die Wolkensteiner in sich gehen - da steht viel auf dem Spiel."

Die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Wolkenstein treffen sich alle zwei Wochen montags, 18 Uhr, am Gerätehaus, das nächste Mal am 11. Februar. Kontakt zum Ortswehrleiter unter Telefon 0174 7843527.

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