"Zeit für Investition so günstig wie nie"

Freie Presse:Sie haben sich äußerlich verändert und tragen Bart?

Arne Sigmund: Die Welt ist im Wandel. Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren, aber ich denke, es gibt viel Wichtigeres.

Freie Presse:Zum Beispiel der frühe Beschluss des neuen Doppelhaushalts 2021/22 in der dritten Januar-Woche. Das gelang in Zschopau bisher nur wenige Male.

Arne Sigmund: Das ist dem Engagement meiner Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung sowie der Kämmerin zu danken. Sie haben den Plan mit großer Umsicht und Sorgfalt zusammengestellt. Zumal dieser Haushalt ein besonderer ist. Wir mussten die Coronakrise und deren wirtschaftliche Folgen in die Planung einbeziehen. Auch das sächsische Finanzausgleichsgesetz wurde geändert. Die dem Etat zu Grunde liegenden Orientierungsdaten wie Schlüsselzuweisungen haben wir deshalb erst sehr spät erhalten.

Freie Presse:Trotzdem ist der Haushalt vollgepackt mit Projekten. Allein an Investitionen stecken in Summe 20 Millionen Euro in dem Zahlenwerk. Das sind 12,5 Millionen Euro mehr als im Doppelhaushalt 2019/20.

Arne Sigmund: Die Herausforderung sehe ich darin, die richtige Balance zwischen Pflicht- und freiwilligen Ausgaben zu finden, um die Entwicklung der Stadt nachhaltig zu fördern. Freiwillige Aufgaben sind da ebenso wichtig, damit das Leben in Zschopau lebenswert bleibt. Dazu gehört der Kindergarten genauso wie die umfassende Schulbildung. Dazu zählen Kultur, Sport und Kunst, ein aktives Vereinsleben und eine Umgebung, die Kindern wie Jugendlichen, Menschen im Beruf und Senioren Freude macht. Gerade in der Coronakrise erkennen wir, dass sich der Mensch als ein soziales Wesen nach gesellschaftlichem Leben sehnt. Nicht zuletzt besitzt Zschopau eine Umlandfunktion. Ich denke da zum Beispiel an unsere Stadtbibliothek, die Schwimmhalle, Sportplätze und Sportvereine, in denen auch Kinder aus Nachbargemeinden Mitglied sind.

Freie Presse:Das größte Projekt für die kommenden zwei Jahre ist der Bau des rund sechs Millionen Euro teuren Bürgersaals. Dafür möchte Zschopau sogar einen Kredit aufnehmen. Für welche freiwilligen Aufgaben gibt die Stadt denn noch Geld aus?

Arne Sigmund: Wir beteiligen uns am Bau der Herberge im alten Stadtcafé, werden zwei Wohngebiete und ein Gewerbegebiet sowie den Seminargarten entwickeln. Die ehrenamtliche Arbeit in unseren Vereinen bezuschussen wir mit jährlich jeweils rund 200.000 Euro. Nicht zu vergessen unser Freibad in Krumhermersdorf und die jährlichen Werterhaltungskosten von etwa 150.000 Euro für unsere Sportplätze. Trotzdem vernachlässigen wir nicht unsere Pflichtaufgaben. In den nächsten zwei Jahren nehmen wir viel Geld für die Unterhaltung von Kindertagesstätten, Schulen und kommunalen Straßen in die Hand. Das alles ist gut und nachhaltig investiertes Geld in die Lebensqualität unserer Stadt.

Freie Presse:Trotzdem gab es beim Haushaltsbeschluss aus den Fraktionen von Bund Freier Wähler und CDU Gegenstimmen - getragen von der Sorge, dass sich die Stadt in diesen finanziell unsicheren Zeiten mit dem Bürgersaal übernehmen könnte.

Arne Sigmund: Ich schätze die Meinungsvielfalt in unserem Stadtrat, doch in diesem Punkt vertrete ich eine andere Auffassung. Seit dem Abriss des alten Filmecks und der Schließung des Freibades in Zschopau wird in der Stadt engagiert über den Bau eines Naturbades oder eines Veranstaltungssaales diskutiert. Noch nie war der Zeitpunkt für so eine strategische Investition in die Entwicklung unserer Stadt so günstig wie jetzt. Zum einen haben wir inzwischen eine Pro-Kopf-Verschuldung von null Euro. Nach der geplanten Kreditaufnahme wird diese auf 154 Euro steigen, womit wir im Vergleich mit anderen Kommunen sehr gut dastehen. Auf der anderen Seite sollten wir in Niedrigzinszeiten, in denen man wie jetzt für Geldanlagen Strafzinsen zahlen muss, in die Zukunft investieren.

Freie Presse:Nicht unbedingt der Bau selbst, sondern der spätere Betrieb bereitet Kritikern Kopfschmerzen.

Arne Sigmund: Wir wollen pünktlich mit Auslaufen des Förderprogrammes mit dem Bau 2023 fertig sein. Da will ich nicht mehr in der Corona-Pandemie leben. Das gesellschaftliche Leben hat sich mit Sicherheit bis dahin normalisiert. Zudem haben wir das Nutzungskonzept öffentlich im Stadtrat vorgestellt und diskutiert.

Freie Presse:Wie sicher ist denn angesichts der ungewissen Steuerrückflüsse und Fördergeldzuweisungen ihr Planungsinstrument?

Arne Sigmund: Uns ist klar, dass wir erst Ende des Jahres wissen, ob es bei den prognostizierten Zuweisungen bleibt. Möglicherweise werden wir mit einem Nachtragshaushalt auf unvorhersehbare Gegebenheiten reagieren müssen. Das haben wir zur Beschlussfassung des Haushaltes auch eindeutig so gesagt.

Freie Presse:Für den Bürgersaal rechnen Sie mit einer 80-Prozent-Förderung. Wird es bei dieser Höhe bleiben?

Arne Sigmund: Ich gehe davon aus. Wir sind mit der Sächsischen Aufbaubank im Gespräch. Sollte es zu kleineren Abweichungen kommen, werden wir im Stadtrat darüber reden müssen.

Freie Presse:Themawechsel. Wie hat die Verwaltung die Corona-Krise gemeistert?

Arne Sigmund: Besser als viele andere, die sich zuvor noch nicht mit Homeoffice befasst haben. Wir hatten dazu schon vor der Pandemie eine Richtlinie erarbeitet und waren vorbereitet. Auch hinsichtlich der technischen Voraussetzungen. Die Kolleginnen und Kollegen konnten schon zum Lockdown im Frühjahr zuhause geschützt über eine sichere Verbindung auf unseren Server zugreifen. Ich weiß aber auch, dass gerade die aktuelle Situation die Beschäftigten belastet, zumal ein Teil parallel noch Kinder daheim betreut. Davor habe ich höchsten Respekt.

Freie Presse:Videokonferenzen können mitunter ganz schön nervenaufreibend sein - bei Ihnen nicht?

Arne Sigmund: Doch schon. Bei Beratungen über Videoplattformen gab es mitunter Bandbreitenprobleme in den Orten, in denen die Mitarbeiter wohnen. Oft war das Bild weg und nur der Ton da. Ärgerlich ist, dass Meetingplattformen im sicheren, kommunalen Datennetz des Freistaates Sachsen oft nicht freigegeben sind, sondern nur im Netz der Mobilfunkanbieter funktionieren. Auch die Corona-Warnapp läuft in dem Netzwerk des Freistaates nicht. Damit funktioniert die Warnapp nicht im Rathaus, wenn die Mobilteile auf W-Lan-Betrieb eingestellt sind. Das ist ein Unding, da hinken wir hinterher.

Freie Presse:Was nehmen Sie sich für die künftige Verwaltungsarbeit aus der Pandemie mit?

Arne Sigmund: Dass alle Kolleginnen und Kollegen auch unter außergewöhnlichen Umständen gute und praktikable Lösungen für unsere Stadt finden. Dafür an dieser Stelle meinen herzlichen Dank. Was das Homeoffice betrifft: Die meisten wollen wieder "live" auf Arbeit sein und wie früher kommunizieren. Homeoffice im Maße wie vor der Pandemie wird es natürlich weiter geben, um Familie und Beruf besser vereinen zu können.

Freie Presse:Worauf dürfen sich die Zschopauer in diesem Jahr freuen? Welche Feste werden (nach-)gefeiert?

Arne Sigmund: Als erstes planen wir den Männertag im kleinen Rahmen - mit Biker-Angrillen. Aber auch Parkfest, Schloss- und Schützenfest sowie das Weinfest wollen wir auf die Beine stellen. Wir planen wieder unseren normalen Vor-Corona-Veranstaltungskalender. Was wir letztlich realisieren können, wird uns die Realität der Pandemie aufzeigen. Fakt ist: Ohne Kultur wird es still.

Freie Presse:Worauf freuen Sie sich persönlich im neuen Jahr?

Arne Sigmund: Abgesehen davon, die Maßnahmen in unserem Haushalt umzusetzen - bei einem Fest in Zschopau wieder ein Bier ohne Maske trinken zu können und mit vielen Bürgern anzustoßen. Bis dahin hoffe ich, dass wir alle gesund bleiben.

Zur Person: Arne Sigmund (parteilos) wurde 2015 zum Oberbürgermeister gewählt. Davor war er bei der Ländlichen Erwachsenenbildung tätig. 2000/2001 war der Zschopauer Stadtmarketing-Beauftragter, auch im Schloss Wildeck arbeitete er für zwei Jahre. Bis 2010 leitete Arne Sigmund das Büro des Zschopauer Demografie-Projektes. Er hat Politikwissenschaft studiert und einen Magister-Abschluss. (mik)


Zur Person

Arne Sigmund (parteilos) wurde 2015 zum Oberbürgermeister gewählt. Davor war er bei der Ländlichen Erwachsenenbildung tätig. 2000/2001 war der Zschopauer Stadtmarketing-Beauftragter, auch im Schloss Wildeck arbeitete er für zwei Jahre. Bis 2010 leitete Arne Sigmund das Büro des Zschopauer Demografie-Projektes. Er hat Politikwissenschaft studiert und einen Magister-Abschluss. (mik)

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.