"Zustand ist Bürgern nicht mehr zuzumuten"

Seiffens Bürgermeister Martin Wittig über die Zukunft des Spielzeugwinkels und verhärtete Fronten

Seiffen.

Martin Wittig (CDU) reißt allmählich der Geduldsfaden. Seit Jahren drängt der Bürgermeister auf eine Sanierung der Seiffener Hauptstraße. Nun plant er eine Demonstration. Im Gespräch mit Patrick Herrl erklärt er auch, dass er nachvollziehen kann, dass sich Deutschneudorf Olbernhau anschließen will.

"Freie Presse": Deutschneudorfs Bürgermeisterin Claudia Kluge wirft Ihnen und der Seiffener Verwaltung vor, dass sie dem Nachbarort den Geldhahn zudrehen würden, um eine Zwangseingemeindung zu erwirken. Stimmt das?


Martin Wittig: Natürlich nicht. Eine Einheitsgemeinde im Spielzeugwinkel wäre mein Wunsch und eigentlich auch der nächst logische Schritt, schließlich bilden Seiffen, Deutschneudorf und Heidersdorf bereits eine Verwaltungsgemeinschaft. Aber es ist überhaupt kein Druck da, unbedingt zu fusionieren.

Trotzdem befinden Sie sich mit Kluge im Dauerclinch. Aktuell streiten sie über die Umlage, die Deutschneudorf als Mitglied der Gemeinschaft anteilmäßig für die gemeinsame Verwaltung zahlen muss. Was sagen Sie zu dem Thema?

Fakt ist: Die Fronten sind verhärtet. Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass ein Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft gar keine Umlage zahlen will. Ich komme hier mit Argumenten nicht weiter, deshalb werde ich mich dazu auch nicht äußern, zumal der Fall aktuell von der Rechtsaufsicht geprüft wird und es sich um ein laufendes Verfahren handelt.

Fakt ist auch, dass Kluge der Verwaltung in Seiffen Fehler nachweisen will, um einen Grund zu finden, aus der Verwaltungsgemeinschaft austreten und sich Olbernhau anschließen zu können. Macht Ihnen das keine Sorge?

Ganz ehrlich: Ich kann nachvollziehen, dass sich Deutschneudorf Olbernhau anschließen will. Doch das lässt die Rechtslage momentan schlichtweg nicht zu. Außerdem finde ich die Methoden von Claudia Kluge nicht in Ordnung, wie sie den Austritt forciert. Für Seiffen jedenfalls steht fest: Wir wollen nicht nach Olbernhau.

Warum nicht?

Die Gemeinde will selbstständig bleiben. Das ist der Wille der Einwohner, und den werde ich umsetzen. Es gibt gar keine Veranlassung, etwas zu ändern. Der Gemeinderat arbeitet hart daran, dass der Ort eigenständig bleiben kann. Dafür wurden auch unbequeme Entscheidungen getroffen, um die finanzielle Situation zu verbessern - wie die Erhöhung von Elternbeiträgen, Parkgebühren und der Gästetaxe.

Und was ist mit einer möglichen Schwartenberg-Gemeinde?

Ein Zusammenschluss mit Neuhausen über die Kreisgrenze hinweg ist rechtlich nicht möglich. Aber wir arbeiten bereits zusammen, um Kräfte zu bündeln. Zum Beispiel im Tourismusbereich. In diesem Jahr wollen wir ein gemeinsames Wanderwegenetz mit Neuhausen, Sayda, Dorfchemnitz, Mulda und Rechenberg-Bienenmühle umsetzen.

Seiffen lebt ja bekanntlich vom Tourismus. Was hat sich hier im vergangenen Jahr getan?

Gemeinsam mit dem tschechischen Bergclub Lesná und dem Projekt "Gemeinsame Geschichte und Traditionen im Erzgebirge - aktiv erleben" treiben wir im Kurort die Tourismusentwicklung voran. 2018 wurde die komplette Beschilderung des Bergbausteigs dreisprachig und die Runde durch die Knappschaft neu gestaltet. Zudem erfolgte im vergangenen Jahr der Start für das Dorfentwicklungskonzept.

Um was geht es dabei genau?

Die Schwerpunkte lauten demografische Entwicklung und Tourismus. Weniger Handwerker bedeuten für Touristen ein unattraktiveres Seiffen. Das Konzept soll den aktuellen Zustand festhalten und Handlungsvorschläge beinhalten.

Und wie steht es aktuell um das Konzept?

Die Verwaltung bereitet eine Ausschreibung vor. Wir wollen eine Firma finden, die sich mit Entwicklungskonzepten auskennt. Wichtig ist auch die Bürgerbeteiligung. Es sollen weitere Versammlungen folgen und anschließend mehrere Arbeitsgruppen gebildet werden. Die haben sich bei der Entwicklung des Weihnachtsmarktes schon bewährt.

Apropos Weihnachtsmarkt: Im vergangenen Jahr wurde die Sperrung der Hauptstraße kritisiert. Wird das 2019 berücksichtigt?

Es wird keine Änderung der Hauptverkehrsführung geben. Es bleibt bei individuellen Lösungen für Anwohner und einem großen, kostenlosen Parkplatz vor der Sperrzone. Schon aus Sicherheitsgründen für die Besucher. So wird verhindert, dass Autos durch die Massen fahren. Mit der Hauptstraße habe ich ein ganz anderes Problem.

Und das wäre?

Der schlechte Zustand. Mir reißt langsam der Geduldsfaden. Wir werden Jahr für Jahr vom Freistaat hinsichtlich einer Erneuerung vertröstet. Ich habe Verständnis für das Verfahren, aber nicht dafür, dass nun Baurecht besteht, aber anscheinend kein Geld für den Bau da ist. Ich stimme aktuell mit dem Gemeinderat einen Brief ab, der ans Landesamt, den Wirtschaftsminister und an den Landestourismusverband geht. Der Zustand der Hauptstraße ist Bürgern und Touristen nicht mehr zuzumuten. Es ist fast unmöglich, den Schlaglöchern auszuweichen. Und an der Infrastruktur hängt auch der Tourismus. Deshalb kann ich mir demnächst sogar eine Demonstration vorstellen.

Über welches Thema ärgern Sie sich noch?

Darüber, dass die Gemeinde noch immer nicht das Regenrückhaltebecken sanieren lassen konnte. Immer wieder kamen neue Forderungen und Auflagen. Nun liegt endlich die wasserrechtliche Genehmigung vor. Das Projekt muss wegen der Bindung von Fördermitteln unbedingt in diesem Jahr abgeschlossen werden.

Welche Vorhaben sind noch in diesem Jahr geplant?

Die Gemeinde wird mit Hilfe von 400.000 Euro Fördermitteln in die Schule investieren. Der gesamte Fußbodenbelag wird erneuert. Zudem werden Sanitärbereich und Umkleiden in der Turnhalle saniert. Bleibt noch Geld übrig, fließt es in die Dämmung der Turnhalle. Weiteres wichtiges Projekt: der Bau eines neuen Gerätehauses und der Kauf eines neuen Fahrzeugs für die Feuerwehr. Das Vorhaben wird die Gemeinde bis 2020 beschäftigen. Die Projekte stehen unter Vorbehalt. Noch muss der Haushalt genehmigt werden.

Erwarten Sie dabei Probleme? Schließlich ist die Höhe der Umlage von Deutschneudorf und Heidersdorf als großer Posten im Haushalt noch nicht geklärt.

Ich halte den Haushalt trotz der Unklarheit für genehmigungsfähig. Ich gehe davon aus, dass es hinsichtlich der Höhe der Umlage keine gravierenden Abweichungen geben wird. Der Haushalt liegt aktuell aus. Nun steht er im Gemeinderat zum Beschluss.

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