Abenteurer riskieren nicht nur ihr eigenes Leben

Schwarzbefahrer nennen die Fachleute der Wismut jene Männer, die in alte Grubenbaue einsteigen. Das Ganze hat sich zu einem zweifelhaften Hobby entwickelt. Der jüngste Untertage-Unfall nahe Antonsthal wirft dazu viele Fragen auf.

Antonsthal.

"Er hat mehr als nur einen Schutzengel gehabt", sagt Tino Zupp, Oberführer der Grubenwehr der Wismut. Damit meint der Schwarzenberger jenen 40-Jährigen, der am 24. März beim Betreten einer alten Schachtanlage zwischen Erla und Antonsthal gut 20 Meter in die Tiefe stürzte.

Dass er noch lebt und nur mit Brüchen und Blessuren davonkam, das hat er einer soliden Portion Glück, aber vor allem den zahlreichen, unerschrockenen Rettern zu verdanken. Allen voran Tino Zupp. Er war es nämlich, der sich in die Tiefe abgeseilt hatte, um den Verunglückten zu suchen. "Er steckte fest, verkeilt zwischen alten Balken und Gestein. Er war kaum zu sehen. Aus eigener Kraft wäre er da nie rausgekommen", sagt Zupp. Der 54-Jährige löste sogar die Eigensicherung, um den Mann zu fixieren. "Die Kollegen oben haben gezogen, das Seil über Fels, das war riskant. Immer wieder kam Gestein von oben geflogen." Am Ende haben sie es geschafft.

Christoph Ulrich

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"Eine Stunde länger hätte er wohl kaum durchgehalten", vermutet Zupp. "Da unten schluckst du ja auch große Mengen Radon. Passiert war es etwa 14 Uhr. Dann hatte sich sein Kumpel auf dem Weg nach draußen noch verirrt." Erst elf Stunden später war der Mann gerettet.

Zupp weiß, was in den alten Bergwerken passiert. "Das ist irre", sagt er. Es seien gut organisierte Trupps, die in alte Stollen gehen. Und es sind nicht etwa nur Mineraliensammler. Mittlerweile habe sich das zu einem zweifelhaften Abenteuer-Hobby entwickelt. Was ihn zu dieser Annahme bringt, sind die zahllosen Überbleibsel und Spuren, die die Männer der Grubenwehr und des Oberbergamts unter Tage entdecken. "Das alte Magazin lag voller Bierbüchsen, Einweg-Grills und Konservendosen", so Zupp. "Die steigen freitags ein mit Schlafsäcken und bleiben das ganze Wochenende. Die bohren und sprengen sogar. Wie gefährlich das ist, ist denen nicht klar", ist sich der Profi sicher. "Das gab es auch schon zu DDR-Zeiten, aber nicht so intensiv", sagt er.

Im jüngsten Fall sei einiges schief gegangen. "Da waren plötzlich Leute mit im Berg, da wusste selbst ich nicht, wo die plötzlich herkamen. Ein Arzt im Neoprenanzug, komplett mit Gurtzeug. So professionell ausgerüstet kommt doch kein Notarzt und geht schon gar nicht so tief mit rein", berichtet Zupp. Er vermutet, dass die Gruppe erst über eigene Kontakte versucht hat, die Rettung zu stemmen. Damit nichts rauskommt. Doch dafür sei der Einsatz einfach eine Nummer zu groß gewesen. "Es war der erste Einsatz dieser Größenordnung seit 20 Jahren", so Andy Tauber, Chef der Grubenwehr.

"Altbergbau ist extrem gefährlich. Und denen fehlt der Respekt vorm Berg", sagt Zupp. Das Netz aus noch ungesicherten Stollen und Schächten ähnelt einem riesigen Labyrinth. Ein falscher Schritt und man könne Hunderte Meter nach unten durchbrechen. Zupp spricht von einer neuen "Goldgräberstimmung" im Erzgebirge. Diese sogenannten Schwarzbefahrer habe es schon immer gegeben. Aber erst seit 2012 bestünde laut Sächsischer Hohlraumverordnung kein offizielles Verbot mehr, solche alten, offenen Stollen zu begehen, hatte Oberberghauptmann Bernd Cramer am Tag nach dem Unglück erklärt. Das gelte auch für die Suche nach Mineralien. Somit gehen auch die Kosten für den Rettungseinsatz zu Lasten des Steuerzahlers. Und ungesicherte Stollen und Schürfe gibt es hierzulande noch sehr zahlreich.

"Kein Verbot - das klingt wie eine Einladung zu solchen hoch riskanten Unternehmungen", ärgert sich der Mann von der Grubenwehr und spricht dabei für alle seine Kollegen. Die haben wie er Familie. "Und mal ehrlich, ich weiß nicht, wie lange sie noch bereit sind, für solche Experten ihr Leben zu riskieren." Zupp will auf alle Fälle mit dem Verunglückten nach dessen Genesung reden. Er weiß, wo er ihn findet.

Zur Mineralienbörse am Sonntag in Aue wurden laut Einladung auch "neuere Funde aus der Region Antonsthal" angeboten. War das der Grund für das heikle Unternehmen? Angeboten wurden die Mineralien zu Preisen bis maximal 70 Euro.


Das sagen Mineraliensammler


Jörg Baumannaus Beierfeld, Vorsitzender des Vereins Gottes Geschick Vereinigt Feld: "Ich bin selbst bei der Wismut. Der Ehrencodex lautet: Wissen, wie weit man gehen kann. Man findet nicht mehr viel. Für manche ist es der Kick des Unbekannten. Das macht es gefährlich."


Stefan Herrmann aus Albernau: "Wir sammeln an den wenigen Orten, die noch zugänglich sind. In Antonsthal ist es speziell die Rückgewinnung von Bergbauhalden. Dabei kann man noch Mineralien finden. Man sollte sich anmelden, wenn man sammeln geht, um auf der sicheren Seite zu sein."


Matthias Och aus Schneeberg ist Sammler und Händler: "Früher habe ich selbst Steine gesammelt und war fast ausschließlich regional unterwegs. Aber die Fundmöglichkeiten sind in den letzten Jahren weniger geworden."


Stefan Schnorr aus Bad Schlema: "Meine Mineralien sind alles Eigenfunde. Sie stammen von alten Wismut-Halden aus Schneeberg, Schlema und Antonsthal. Mit Metall-Detektor geht man auf die Suche, weil es meist Erzstufen sind. Ich sammle auf Halden und auf Baustellen der Bergsicherung. In Hohlräume gehe ich nicht, das ist zu riskant, das sind die Steine nicht wert." (wend)

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