Bergleute heben Schatz in Schlema - und der Ortschef erfährt nichts

Bei der Erkundung eines Einbruchs sind Bergleute auf ein 500 Jahre altes Kehrrad gestoßen. Jetzt wurde die Antriebswelle mit einem Kran geborgen. Der Bürgermeister spricht von einem Sensationsfund, der ihn aber nicht nur glücklich macht.

Bad Schlema.

Am Rande des Kurparks in Bad Schlema, etwa 15 Meter unter dem Erdboden versteckt, sind Forscher im Herbst 2016 zufällig auf etwas gestoßen, das sie eine Sensation nennen: ein viele Jahrhunderte altes und noch erhaltenes Kehrrad. Dabei handelt es sich um eine Bauform eines Wasserrads, das in zwei Richtungen bewegt werden kann.

Holzfragment um Holzfragment haben Archäologen in den vergangenen Monaten freigelegt. Jetzt ist ein großes Teil des Rades in einer aufwendigen Bergungsaktion gehoben worden: die vier Tonnen schwere und rund acht Meter lange Antriebswelle. Sechs Stunden dauerte es, bis Bergleute das hölzerne Stück mit einem Schwerlastkran durch den engen Schacht aus 20Metern Tiefe an die Oberfläche bugsiert hatten. "Mit der Bergung von so einem Riesenteil hatte ja niemand Erfahrung", sagt Christoph Heiermann. Er ist Sprecher beim Landesamt für Archäologie, das die Aktion am vergangenen Mittwoch begleitete. Millimeterarbeit sei gefragt gewesen und Geduld. Am Ende glückte die beispiellose Rettung.

Gut verpackt brachte ein Sattelschlepper die Welle am gleichen Tag in eine Lagerhalle nach Groitzsch-Großstolpen (Landkreis Leipzig). Dort wird nun ein großes Becken aufgebaut und der Fund in einer speziellen Flüssigkeit konserviert, einem Kunstwachs namens Polyethylenglycol. "Dieser Prozess wird Jahre dauern", sagt Heiermann. "Wenn die Welle austrocknet, würde sie sofort zu Staub zerfallen."

Laut der Archäologen ist die Entdeckung im Erzgebirge, die auf etwa 1500 datiert ist, das bislang älteste Kehrrad und eine der größten Maschinen dieser Zeit, die jemals in Europa entdeckt wurden. Arbeiter nutzten sie im 15. und 16. Jahrhundert in den Silberbergwerken zum Heben von Wasser und zur Materialförderung. Der Durchmesser des Rades wird auf 11,5 Meter geschätzt.

Den Fund machten Bergleute eher zufällig, als sie in dem Ort einer Absenkung auf die Spur gingen. Während der Suche in der Tiefe stießen sie schließlich neun Meter unter der Erde auf erste Teile. Michael Kühn vom Sächsischen Oberbergamt beschrieb die Entdeckung zuletzt als "Pech und Glück" in einem. "Wir haben jetzt mehr Arbeit und Kosten. Aber so etwas zu finden, ist einmalig", sagte er.

Etwa die Hälfte des Rades steckt noch in den lockeren Gesteinsmassen fest. Heiermann schätzt, dass die Arbeiten voraussichtlich ein weiteres Jahr dauern. Mehrere hundert Fragmente sind bisher geborgen worden. Was damit einmal passiert, ist offen. Laut Heiermann wäre eine Rekonstruktion denkbar.

In die Nachricht von der Bergungsaktion mischt sich für den Bad Schlemaer Bürgermeister Jens Müller neben Freude auch Frust. "Es ist ein Sensationsfund, der die Anfänge des Altbergbaus in der Region zeigt", sagt er, erklärt aber auch: "Es hätte sich gehört, uns darüber zu informieren." Denn laut Müller ist die Gemeinde bis heute nicht offiziell über den Fund informiert worden. Er habe nur über "Seitenkanäle" davon gehört. Auch zum Termin am Mittwoch war er nicht eingeladen. "Das finde ich mysteriös." Ebenfalls kritisch äußert sich Ortschronist Oliver Titzmann: Das Kehrrad sei vermutlich bei einer Hochflut im Jahr 1573 von Erdmassen verschüttet worden. Dass es nun wieder zu Tage befördert wird, "hätten sich viele Leute gern angeschaut."

Laut Heiermann steckt hinter der Geheimniskrämerei am Mittwoch eine gewisse Absicht. "Die Bergung war eine haarige Sache." Diese hätte scheitern können, sagt er. Man habe deshalb möglichst wenig Besucher dabei haben wollen. Er verspricht aber: Unsere Befunde geben wir ab jetzt an die Gemeinde weiter.

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