Bergwerksunfall in Pöhla: Mann liegt seither im Koma

Seit Freitag kennt die Staatsanwaltschaft Details zu dem Arbeitsunfall vor acht Tagen. Doch der Verunglückte kann nicht befragt werden. Unklar ist auch, ob es Parallelen zu einem ähnlichen Ereignis im Dezember gibt.

Pöhla/Chemnitz.

Der Bergmann, der vor einer Woche nach einem nächtlichen Bergwerksunfall aus einem neu erschlossenen Schacht in Pöhla in einer aufwendigen Rettungsaktion geborgen wurde, liegt seither mit schwersten Kopfverletzungen im Klinikum Chemnitz im Koma. Er sei zu keiner Zeit ansprechbar gewesen und könne daher auch nicht zur Aufklärung des Geschehens beitragen. "Wir hoffen ganz sehr, dass er noch zu sich kommt. Aber wissen es nicht", sagte am Freitag der Chemnitzer Oberstaatsanwalt Bernd Vogel auf Anfrage.

Bei dem Verunglückten handelt es sich um einen 33 Jahre alten ausgebildeten Bergmann, der aus dem Braunkohlegebiet Lauchhammer kommt, ins Erzgebirge gezogen war und erst seit wenigen Wochen bei dem Unternehmen SME AG (Saxony Minerals and Exploration) Halsbrücke beschäftigt ist. Er sah im Erzgebirge offenbar eine neue berufliche Perspektive. Das Unternehmen SME treibt seit 2016 inzwischen im Drei-Schicht-Betrieb und in rollender Woche mit Hochdruck die Erschließung eines Erkundungsschachtes bis in 170 Meter Tiefe voran. Im Herbst 2019 soll in Pöhla im Luchsbachtal dann ein neues Bergwerk eröffnet und unter anderem der Rohstoff Wolfram gefördert werden - unweit der schon früher ausgebeuteten Lagerstätten, wo zuletzt die Wismut tätig war.

Seit Freitag liegt der Staatsanwaltschaft Chemnitz der vorläufige Untersuchungsbericht des Sächsischen Oberbergamtes Freiberg vor, das bei Bergunfällen die zuständige Ermittlungsbehörde ist. Daraus geht hervor, dass der junge Bergmann in der Nachtschicht zum 13. Juli von einem 800 Kilogramm schweren Förderkübel am Kopf getroffen wurde. Dieser war laut Oberbergamt mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde in der Schachtröhre unterwegs. Der Unfall ereignete sich in etwa 100 Meter Tiefe. Der Verunglückte selbst soll dem Maschinisten über Tage per Walkie-Talkie signalisiert haben, dass für den Kübel nach unten freie Fahrt besteht.

Der Kübel wird unter anderem genutzt, um das beim Sprengen anfallende Gestein durch die Schachtröhre nach über Tage zu transportieren. Die Männer in jener Nachtschicht hatten das Sprenggut von der vorangegangenen Schicht übernommen. Der Verunglückte befand sich auf einer Arbeitsbühne einige Meter über der tiefesten Sohle, wo wiederum zwei Kollegen zugange waren, mit denen er ebenfalls Kontakt hielt. In der Zwischenbühne befinde sich eine trichterförmige Öffnung, durch die der Kübel nach unten gleitet. Warum der Bergmann genau dort faktisch im Weg stand, bleibt unklar. "Unmittelbare Augenzeugen gibt es nicht und er kann uns nichts dazu sagen", so der Oberstaatsanwalt. Es seien auch noch nicht alle vier beteiligten Kollegen dieser Nachtschicht gehört worden, einer sei seither ebenfalls krank.

Nach Angaben von Rolf Staudenmaier von der Firma SME habe die Zwischenbühne vor allem die Funktion, die darunter liegenden Bergleute zu schützen, so vor Steinschlag oder herabfallendem Werkzeug. Der auf dieser Ebene tätige Bergmann könne den Kübel nach Sichtkontakt jederzeit stoppen, wenn er zum Beispiel pendeln sollte oder irgendwo anschlägt. Dieses Transportsystem sei so vom Oberbergamt empfohlen und genehmigt worden.

Staudenmaier, das Oberbergamt und die Staatsanwaltschaft bestätigten am Freitag Recherchen der "Freien Presse", wonach es bereits am 4. Dezember 2017 im selben Schacht einen ähnlich gelagerten Arbeitsunfall gab. Dabei hatte sich eine sogenannte Stockwinde von der Arbeitsbühne gelöst, war etwa neun Meter tief auf die Sohle gefallen und hatte dort einen Hauer getroffen. Er erlitt allerdings nur leichte Verletzungen. Während Augenzeugen vermuteten, der Mann sei mit einem privaten Pkw ins Krankenhaus gefahren worden, um den Unfall zu vertuschen, widersprach Oberstaatsanwalt Vogel dieser Darstellung. Das Oberbergamt habe damals Anzeige erstattet, deshalb sei auch ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet worden. Allerdings habe der Verletzte ausdrücklich keinen Strafantrag stellen wollen. "Weil es auch kein besonderes öffentliches Interesse gab, wurde das Verfahren letztlich eingestellt", so Bernd Vogel. Allerdings laufe noch ein Ordnungswidrigkeitsverfahren des Oberbergamtes. Die damalige zeitweise Einstellung der Teufarbeiten habe "originär andere Gründe" gehabt, betont die Bergbehörde.

Nach kurzer Unterbrechung wegen des jüngsten Unfalls wird in Pöhla seit Montag wieder gearbeitet. Nach Unternehmensangaben kommen die Bergleute pro Woche zwischen zwei und sechs Meter in die Tiefe voran - stets in Abhängigkeit vom Gestein, auf das sie treffen.

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