Der Traum vom Hockenheimring

30 Jahre Mauerfall Die Formel 1 war für viele hiesige Motorsportfans einSehnsuchtsziel. Ein unerreichbares. In Lugau legten Klubmitglieder 1989 ihre Hoffnung in den erfolgreichen Motocross-Veteranen Wolfgang Prautzsch. Wie ist die Sache ausgegangen?

Lugau/Oelsnitz.

Wer so motorsportverrückt ist wie Wolfgang Prautzsch, von dem wird gern gesagt, er habe Benzin im Blut. Auf den stellvertretenden Oelsnitzer Bürgermeister trifft das in besonderer Weise zu. "Ich gehe seit 63 Jahren auf den Sachsenring. Kein Jahr habe ich ausgelassen", sagt der selbstständige Reiseunternehmer, der sich kürzlich in den Ruhestand verabschiedet hat. Doch eigentlich ist das nur eine - wenn auch bemerkenswerte - Randnotiz. Denn 20 Jahre ist Prautzsch zwischen 1965 und 1985 selbst erfolgreich Motorradrennen gefahren. Die Startnummer 66 prangt noch heute auf seiner 125er KTM, die der 71-Jährige bald abgeben möchte. Doch das ist eine andere Geschichte.

"Motorsport hat mein ganzes Leben geprägt", sagt Prautzsch. Und um Motorsport ging es auch am 9. November 1989. Denn für diesen Tag war zu einer Mitgliederwahlversammlung beim Motorsportclub Lugau eingeladen. Zum dritten Mal stand Wolfgang Prautzsch damals zur Wahl zum Vorsitzenden. "Eigentlich wollte ich das nur ein Jahr lang machen, schließlich war ich 1983 noch aktiv", erinnert sich Prautzsch. Doch daraus war nichts geworden.

Die Versammlung begann um 18Uhr. Der kleine Saal des Lugauer Kulturhauses war gut gefüllt. Niemand ahnte, dass draußen gerade Weltgeschichte geschrieben wurde. Daher war ein gegen Ende der Versammlung vorgetragener Wunsch - Prautzsch war mittlerweile erneut an die Spitze des Motorsportclubs gewählt worden - ziemlich ambitioniert: "Wolfgang, organisier' uns eine Fahrt zum Hockenheimring." Formel 1, die Königsklasse des Motorsports, war ein Sehnsuchtsziel - ein bis dahin unerreichbares. "Ganz abwegig war der Wunsch hingegen nicht", betont Prautzsch. "Schließlich hatte sich schon einiges gelockert, und Sportaustausch war möglich." Also versprach er, sich zu kümmern und in Berlin vorstellig zu werden.

"Ich habe dann mit der Leitung noch ein paar Bierchen getrunken", erinnert sich Prautzsch. Noch immer war die Nachricht vom Fall der Mauer nicht bis in den Versammlungssaal durchgedrungen. Nur einige Mitglieder aus Rodewisch waren schon auf dem Heimweg und hatten die frohe Kunde im Radio gehört. "Die sind direkt weiter nach Hof gefahren", berichtet Prautzsch. Er selbst sah später daheim die ersten Bilder im TV. "Ich wollte direkt zur Grenze fahren, doch dazu hatte ich schon zu viele Biere getrunken. Da hat die Vernunft gesiegt", sagt Prautzsch.

Aus der gemeinsamen Busfahrt zur Formel 1 ist nichts mehr geworden. "Es konnte ja nun jeder selbst hin", erinnert sich Prautzsch. Viele aus dem Club sind auf eigene Faust zum Hockenheimring gefahren. Und Prautzsch? Er verfolgte sein erstes Formel 1-Rennen in Italien live. In Imola.

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