E-Auto - reizvoll, aber nicht ungefährlich

Eine Woche unterwegs mit einem Auto, das nachts an die Steckdose muss. Ein Praxistest zwischen Fahrspaß, ernüchternden Tatsachen und einem Bonus-Spiel, das nur im Gebirge funktioniert.

Schwarzenberg.

Alle Energieversorger im Erzgebirge haben mittlerweile eins: ein Elektro-Auto. So auch die Stadtwerke Schwarzenberg. Und dieses Unternehmen stellt anderen Firmen oder gewerblichen Kunden den kleinen VW e-up auch gern mal für einen Praxistest zur Verfügung. "Freie Presse" nutzte dieses Angebot, und so sattelte ich für eine Woche um - auf einen "Stromer".

Nach fast 40 Jahren Fahrpraxis mit diversen Benzin- und Dieselmotoren und klassischem Schaltgetriebe forderte zunächst die Umstellung auf Automatik ein gewisses Plus an Konzentration. Doch gut so, denn auch die Schnelligkeit, mit der das kleine Ding (81 PS) startet und an der Ampel anzieht, ist im ersten Moment wirklich ungewohnt und absolut verblüffend. Ist die Batterie voll, zeigt das Auto eine Reichweite von 100 Kilometern an. "Im Sommer schafft man damit bis zu 130 Kilometer, im Winter um die 100", sagt Steffen Buth, der im Haus der Stadtwerke Schwarzenberg für den Flitzer zuständig ist und mich einweist.

Die ersten Runden machen schnell deutlich: Die Technik funktioniert tadellos, es läuft rund. Das Fahrzeug rollt nahezu geräuschlos, wenngleich ich einen "Fahrsound" habe einstellen lassen, damit ich überhaupt weiß, dass er fährt, und damit Passanten das Fahrzeug auch wahrnehmen. Speziell die Kreisverkehre in Schwarzenberg zu passieren, macht richtig Spaß. Spritzig schnellt das Auto durch die Runden. So manch Fahrer mit leistungsstarkem fahrbaren Untersatz schaut an der Ampel dem "Kleinen" staunend hinterher. Bedingt durch die extrem hohe Beschleunigung ist das Überholen sehr sicher. Allerdings kann sich das mitunter als Nachteil erweisen, denn auch im Rückwärtsgang beschleunigt der Wagen ebenso schnell. Beim Rückwärtseinparken kann der Flitzerauch schnell an der hinteren Garagenwand enden.

Einen besonderen Vorteil genießen die Besitzer von E-Autos im Bergland durch die sogenannte Rekuperation. Die kann der Fahrer in drei unterschiedlichen Stufen zuschalten. Diese Technik ermöglicht ein Wiederaufladen der Batterien während der Fahrt. Ich teste es am Crandorfer Berg - mit 14 Prozent Gefälle. Als ich oben ankomme zeigt mir die Anzeige noch 50 Kilometer Reichweite. Ich kehre um, rolle wieder bergab, schalte auf Rekuperation Stufe 3, der Motor drosselt leicht, bremst spürbar - und unten im Tal zeigt mir die Anzeige den Zugewinn an Reichweite: ein Plus von acht Kilometern, also 58 Kilometer. Ein Bonus-Spiel, das speziell im Erzgebirge einen besonderen Reiz verspricht.

Nachts verkable ich den Wagen mit der Steckdose in der Garage. "Das Kabel kann nicht entwendet werden", versichert Steffen Buth. Gleiches gilt beim Aufladen an den Ladesäulen. Das Fahrzeug verriegelt im Ladeprozess zentral. Wer auflädt, muss natürlich auch zahlen. Der Verbrauch, so heißt es, liegt bei 12,7 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. An Ladesäulen wie in Annaberg zahlt man 38 Cent pro Kilowattstunde. Von Aue aus bis Chemnitz oder Zwickau - kein Problem. Bis Dresden nehme ich dann doch lieber meinen Diesel.

Fazit des Praxistests: Das Elektro-Auto ist klein, wendig, spritzig und für kurze Strecken gut geeignet. Es macht Spaß, den kleinen "Stromer" zu fahren. Dem entgegen steht allerdings der Anschaffungspreis, der laut Steffen Buth mit rund 28.000 Euro - ohne Rabatte und Förderung - mir für ein Zweitauto echt heftig erscheint. Ein Problem offenbart sich: Denn noch, so erklärt mir Jörg Zimmermann, Leiter der Beierfelder Feuerwehr, bereitet das Löschen eines in Brand geratenen E-Autos den Einsatzkräften große Sorgen. "Wir haben das sogar bei einem gemeinsamen Training mit der Werksfeuerwehr des VW-Werks getestet", sagt er. Selbst bei einem leichten Aufprall oder Auffahrunfall seien die Akkus leicht entzündlich, sagt er. "Bislang benötigen wir im Schnitt zwischen 1500 und 2000 Liter Wasser, um einen Fahrzeugbrand zu löschen. Beim E-Auto können das gut und gern 15.000 bis 20.000 Liter sein." Mittlerweile gebe es Spezialcontainer, in denen in Brand geratene Fahrzeuge regelrecht in Wasser "versenkt" werden, weil sich die Batterien immer wieder entzünden. Und noch existiere auch kein Einsatzkonzept für Brandfälle dieser Art in der Region, betont er. "Und wo will eine Feuerwehr auf freier Strecke diese Menge an Wasser herholen?", fragt der Feuerwehrmann. Eine Arbeitsgemeinschaft der Berufsfeuerwehren in Deutschland tüftle derzeit an einer Taktik beziehungsweise Technik fürs Löschen von Akkus. Kritisch gesehen wird von Fachleuten zudem die Gesamtschadstoffbilanz dieser Fahrzeuge, was deren Herstellung, den Stromverbrauch und das Recycling angeht.


E-Mobilität in der Region

Alle Energieversorger und Stadtwerke im Erzgebirge haben mindestens ein Elektroauto. Sie nutzen es selbst als Dienstfahrzeug für kurze Strecken und setzen es bei Präsentationen zur Kundenberatung ein.

Das Netz der Ladestationen ist bislang noch grobmaschig. Die Stadtwerke Annaberg-Buchholz und die Stadtwerke Aue betreiben derzeit je vier Ladesäulen. Die Stadtwerke Schneeberg mit Bad Schlema und Eibenstock bieten aktuell zehn Ladesäulen, die Stadtwerke Schwarzenberg zwei, weitere sind in Planung. Zwei Ladestationen haben die Verbundwerke Südwestsachsen GmbH (VWS) am Standort Stollberg.

Im mittleren Erzgebirge stehen in Marienberg, Zschopau, Olbernhau, Scharfenstein und Gelenau fünf Säulen. Im gesamten Landkreis befinden sich auch aufgrund anderer Anbieter etwa 50 Ladesäulen bei aktuell gut 170 zugelassenen E-Autos. (matu)

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 10 Bewertungen
5Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    3
    Lesemuffel
    08.10.2019

    1371... Wie sich das bei - 10°C auswirkt, wurde in dem Artikel der "Motorwelt" nicht erwähnt. Wird aber sicher weit unter 50% sein. Das zu veröffentlichen wäre ja gegen den E-Auto Hype, bekanntlich sind die Konsumenten angeblich so angetan, dass sie eine Jahresproduktion von 30TSt schon vorbestellt hatten.

  • 7
    3
    1371270
    08.10.2019

    @ Lesemuffel: Und wie sieht es dann eventuell bei -10 Grad aus? Auf jeden Fall Heizung abstellen und ganz warm anziehen!

  • 5
    2
    Zeitungss
    08.10.2019

    Der "besondere Reiz" dieser Technologie für das Erzgebirge erinnert mich an das Berg und Talkarussell auf dem Volksfestplatz. Einmal in Gang gesetzt, war es "fast" schon ein Selbstläufer. Der Fichtelbergbewohner kann demnach getrost mit leeren Akku nach Chemnitz losfahren. Ja, die elektrische Nutzbremse, so der deutsche Begriff, ist eine feine Erfindung, der elektr. Wirkungsgrad sollte dabei nicht überbewertet werden, wie man es im obigen Beitrag gerade versucht.

  • 10
    3
    Lesemuffel
    08.10.2019

    Wie neuerdings festgestellt worden ist, sinkt bei 0°C die Batteriekapazität auf 50%. Das sollte man bei der Planung des Winterurlaub beachten, eher Erzgebirge, weniger Alpen, wenn man wieder nach Hause kommen möchte.

  • 8
    2
    thelittlegreen
    08.10.2019

    Und dennoch, "E-" ist nicht "Öko"!



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...