Ein Aufruf zur lebendigen Demokratie

Staatsministerin Petra Köpping stellt in Schwarzenberg ihre "Streitschrift für den Osten" vor. Wer eine Lesung erwartet hat, sah sich indes enttäuscht.

Schwarzenberg.

Der Titel ihres Buches ist provokant. Dessen Inhalt explosiv und spannend zugleich. "Integriert doch erstmal uns", heißt das Buch von Petra Köpping, das bislang schon mehr als 12.500 Mal verkauft wurde. Am Mittwochabend in Schwarzenberg kamen zu dieser Zahl noch etliche Exemplare hinzu.

Köpping ist jedoch keine Autorin, die irgendwelche Romanhelden erfindet. Sie, Jahrgang 1958, ist eine gestandene Politikerin der SPD. Sie war Bürgermeisterin, Landrätin, Landtagsabgeordnete und ist seit 2014 Staatsministerin für Gleichstellung und Integration im Freistaat Sachsen. Sie ist Sächsin, sie weiß, wie die Sachsen ticken und was sie umtreibt. Und sie hat sich die Frage gestellt: Warum sind das Misstrauen und die Distanz zu Demokratie und Politik in Ostdeutschland so groß? Woher kommt all die Wut, die heute so offen zu Tage tritt?

Mit ihrem Buch hat sie versucht, zumindest einem Teil der Ursachen für diese heutige Verbitterung vieler Menschen auf den Grund zu gehen. Denn eines spricht sie unumwunden aus: "Ohne eine sachliche Aufarbeitung der Fehler aus der Nachwendezeit wird es nicht gelingen, neues Vertrauen aufzubauen." Sie spricht Ungerechtigkeiten an, die es nicht nur unmittelbar nach der Wende gab, sondern die bis heute bestehen.

Petra Köpping muss jedoch an diesem Abend aus dem Buch nicht lesen, denn das Gros der zahlreichen Gäste, die vor ihr sitzen und lauschen, sind selbst Betroffene. Sie haben die Wende erlebt, haben ihre Betriebe untergehen sehen, mussten um ihre Jobs kämpfen, auch um ihr Ansehen, ihre Würde. Sie haben es erlebt, wurden vertröstet, abgestuft, hingehalten oder entlassen. Ihre beruflichen Biografien, Zeugnisse oder Abschlüsse waren plötzlich kaum mehr etwas wert. Zusätzlich gezahlte Rentenbeiträge sind zum Teil bis heute nicht anerkannt, ebenso wie zahlreiche Berufsgruppen im Einigungsvertrag einfach mal so vergessen wurden. Das irgendwann - vielleicht jetzt nach 30 Jahren - die alten Verletzungen wieder aufbrechen, war offenbar nur eine Frage der Zeit.

"Viele sagen, die Zeit ist drüber, das ist vorbei. Aber das ist es nicht. Es ist keine Abrechnung, sondern eine Aufarbeitung. Denn genau weil die bislang fehlt, haben sich so viele Menschen im Osten aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Dabei können wir so stolz sein auf das Erreichte", sagt Köpping. "Wir brauchen Sie." Diesen Satz sagt die SPD-Frau etwa 15 Mal an diesem Abend, der ein flammender Appell an die Gäste ist, die erkämpfte Demokratie auch zu leben, Probleme anzusprechen, sich einzumischen und nicht zu resignieren.

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1Kommentare
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  • 2
    0
    Susisommer
    20.01.2019

    Lebendige Demokratie haben gerade die Einwohner von Bad Schlema erfahren. trotz zweifacher, von der Stimmenzahl gültiger Unterschriftensammlungen, wurde ein Bürgerentscheid zur Fusion von Bad Schlema mit Aue abgelehnt. So sieht lebendige Demokratie nicht aus! Eher nach Korruption und Kungelei.



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