Einstige Hobby-Artisten schwelgen gerne in Erinnerungen

Karla Hecker und Siegfried Lutz haben zum Arbeitervarieté des Kulturhauses Aktivist in Schlema gehört. Nun suchen sie weitere frühere Mitstreiter.

Bad Schlema.

Die Augen von Karla Hecker leuchten, wenn sie gemeinsam mit Siegfried Lutz in Erinnerungen schwelgt und in alten Fotos kramt. "Artistik, Ballett, Theater, Chor, Zauberei - das alles gehörte zu unserem Varieté", sagt die drahtige 64-Jährige. Gerade einmal 14 ist der heute 68 Jahre alte Lutz gewesen, als ihn der Weg in das Varieté führte.

"Ich war immer schon sehr sportlich", so der frühere Schüler der POS Otto Grotewohl in Oberschlema. Gemeinsam mit einem Mitschüler stellte er sich bei den Artisten vor und blieb vier Jahre diesem Hobby treu. "Bis ich zur Armee musste, gehörte ich zum Ensemble. Dann war Schluss", berichtet Lutz. Der Eintritt ins Arbeitervarieté sollte allerdings sein ganzes Leben beeinflussen: Denn Siegfried Lutz lernte eine Frau kennen, die zunächst seine Artistik-Partnerin und später seine Gattin wurde. Bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr blieben er und seine Steffanie ein glückliches Paar.

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"Bekannt waren beide für ihre Stuhlsprungnummer", blickt Karla Hecker zurück, die Drahtseiltänzerin war und bereits mit elf Jahren im Rampenlicht stand. "Zweimal in der Woche hatten wir Training im Aktivist." Lutz ergänzt: "Dabei ging es immer direkt auf die Bühne." Betreut wurden die jungen Leute von echten Profis, unter anderem aus der Zirkusbranche, aber auch von Laien. "Was wir gemacht haben, war völlig ungefährlich", sind sich Hecker und Lutz einig. Während des Trainings sei man mit Longen gesichert gewesen. Und so lernten sie Flickflack, Salti, Balance-Akte und diverse Würfe. Markant war auch, dass Siegfried Lutz von Steffanie durch die Luft katapultiert wurde.

So vielfältig wie die Kunststücke sind die Auftritte gewesen. "Wir waren bei Betriebsfeiern der Wismut und anderer Betriebe dabei - vom Erzgebirge bis hoch nach Berlin", sagt Siegfried Lutz. Das alles sei mit keinem zusätzlichen Aufwand verbunden gewesen, denn um die Anreise kümmerten sich andere. Der Wismut-Bus stand den Mitgliedern des Varietés zur Verfügung. Bei etlichen Veranstaltungen habe man das Publikum auf Profis eingestimmt, die als Hauptattraktion engagiert waren. Als Gage habe es 40 Mark gegeben. "Bar auf die Kralle, wenn man so sagen darf", sagt der ehemalige Artist und lacht. Seine Frau und er haben das Geld gespart. "Wir kauften uns später unsere erste Küche davon", berichtet Lutz. Selbst in die Talentshow von Heinz Quermann haben sie es geschafft, sind aber nicht weitergekommen.

Karla Hecker wird vor allem einen Auftritt nie vergessen: "Das war zum Tag des Bergmanns am Filzteich. Da ist es so stürmisch gewesen, dass wir Mühe hatten, uns auf dem Seil zu halten", sagt sie. Dabei findet sie bis heute, dass der eigentliche Drahtseiltanz sehr leicht zu erlernen ist. "Als Kind machst du dir da gar keine Gedanken, sondern fängst einfach an", so Hecker, die bereits mit 14 Jahren wieder aufhören musste, weil ihre Eltern sich das so wünschten. "Ich bin dann auf die EOS und sollte mich auf die Schule konzentrieren." Nach dem Abitur in Rostock studierte Hecker und wurde Agraringenieurin. Auch Siegfried Lutz hatte später nichts mehr mit der Bühne am Hut. Er beschäftigte sich mit Karosseriebau und CNC-Technik. Doch der Kontakt zu einigen anderen Artisten ist bis heute geblieben. "Wir wohnen ja alle auf einem Tempel, wenn man so will", sagt Hecker.

Da sie die alten Zeiten lebendig halten und zudem ein bisschen Geschichtspflege betreiben wollen, hoffen beide, dass sich weitere einstige Mitglieder des Schlemaer Arbeitervarietés melden und vielleicht Fotos zur Verfügung stellen. "Leider weiß man sehr wenig über diese Zeiten, und das ist schade", sagt Hecker: "Ich sehe das als Kulturgut von Bad Schlema." Bei Hermann Meinel, dem Leiter des Museums Uranbergbau im Kulturhaus Aktivist, kann man sich melden.

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