Erzgebirgische Mundart: Die Wende brachte den Impuls

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Franziska Böhm aus Breitenbrunn. Sie zählt zu den Begründern des Mundartgeschehens nach der Wende.

Breitenbrunn.

"Esu reden mir" - unbeirrt des Zeitenlaufs prägt dieses Motto den Lebensweg von Franziska Böhm. Die Breitenbrunnerin zählt zu jenen Akteuren, die in den zurückliegenden drei Jahrzehnten die Spracheigenheiten des Erzgebirges weiter pflegen und dem Erzgebirgischen die Stimme geben. Die heute 83-Jährige zählt zu jenen, die sich für den Erhalt eines Stückchens kultureller Identität verdient gemacht haben. Über das Hobby hinaus bestimmte regionales Brauchtum auch den beruflichen Alltag. Franziska Böhm zählte über Jahre hinweg zu den rührigen Organisatoren der Mundarttage und Stammtische der im Erzgebirgsverein tätigen Mitstreiter.

"Ab 1990 war es Dagmar Meyer, die mich mit ihrem Enthusiasmus begeisterte, unserer Mundart im Alltag wieder viel mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, die Einheimischen zu ermutigen, so zu sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die Wende bot den Impuls", so die Autorin und Musikantin. "Zu einer Reaktion auf die damaligen Ereignisse zählt der Kontakt zu bayrischen Mundartfreunden. Die luden damals Dagmar Meyer zu einem Treffen nach Deggendorf ein, zu dem ich mitfuhr. Das Erlebte begeisterte uns, bot es Akteuren der Mundartmusik, Mundartliteratur und des Mundarttheaters eine Plattform. Wir waren entschlossen, dieses Format im Erzgebirge nachzuvollziehen", blickt die frühere Lehrerin zurück. "Gemeinsam mit anderen Akteuren machten wir uns für unsere Muttersprache stark, besuchten genauso Veranstaltungen im Vogtland und in Österreich."

Ihr Talent wird schon früh in der ursprünglichen Heimat, der sudetendeutschen Stadt Abertham (heute Abertamy) geprägt. Sie wächst in einer musikalischen Familie auf, in der täglich gesungen wird, Schifferklavier und Gitarre gespielt werden. "Als klaans Maadel lernte ich die sogenannte Knoppharmenie, eine diatonisch gestimmte Harmonika zu spielen", erinnert sich Franziska Böhm. Sie ist zehn Jahre alt, als die Familie auf abenteuerlicher Weise über verschiedene Stationen nach Sachsen flüchtet und schließlich in Breitenbrunn einen neuen Wohnsitz findet.

Von 1957 bis 1992 arbeitet sie als Lehrerin, betreut diverse Schulprojekte zum Thema Mundart. Im Rahmen von Kulturbund und der deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) organisierten Veranstaltungen führt sie Mundart-Programme auf. Die Wende bedeutete für die damals Mittfünfzigerin einen Bruch in vielen Lebenslagen. Dennoch formieren sich 1993 "De Wiesenmaad", eine fünfköpfige Frauengruppe, wird wieder Musik gemacht. Bald gründen sich "De Zerrwanstle", ein Heimatquartett, das Franziska Böhm über 20 Jahre anführen wird. Hunderte Auftritte stehen an, gerade zur Weihnachtszeit ist die Breitenbrunnerin ein Reisekader der Unterhaltung. Rund 400 Gedichte, Texte und Melodien schreibt sie für diese Auftritte, nimmt eigene CD's und Videos auf, veröffentlich zumeist im Eigenverlag Bücher. "Dabei wollte ich nicht in Anton-Günther-Manier unterwegs sein. Der hatte die Themen Wald und Naturliebe in unnachahmlicher Weise längst beackert. Ich hab' Eigenes gesucht, mir ging es mehr um die Menschen, das nachbarschaftliche Miteinander, was die hektische Zeit aus ihnen macht", so ihr Credo.

Die Küche ist das Arbeitszimmer von Franziska Böhm. Hier findet auch der Schreibtisch seinen Platz, an dem sie noch bis in jüngere Zeit regelmäßig schöpferisch aktiv war. Kenner der Mundartszene wissen um ihre Sammelleidenschaft. "Neben vielen im Erzgebirge gepflegten Redensarten, habe ich mundartliche Kochrezepte aufgestöbert und Freude daran gehabt, auch Schimpfwörter der Region zusammenzutragen." Tausende Begriffe sind so in einem Leben zusammengekommen.

Ein Aspekt liegt der Autorin sehr am Herzen: "Mundart verlangt Regeln. Insofern bemängele ich, dass sich leider so mancher Akteur zu wenig mit Rechtschreibung und Grammatik beschäftigt. Mundart heißt nicht, dass sie niedergeschrieben wird, wie ich sie eben so spreche", stellt sie fest. Wichtigstes Utensil an diesen Coronatagen ist für sie "'s Kastl". "Mit dem Smartphone halte ich den Kontakt nach draußen", versteht es die Uromi, auch in die digitale Welt einzutauchen.

Doch Franziska Böhm ist besorgt. Aus eigenem Umfeld mit 13 Enkeln und 20 Urenkeln weiß sie um die nachlassende Bestandskraft der Muttersprache: "Keiner redet mehr so, wie der Schnabel gewachsen ist", sieht sie den Fortbestand der Mundart eher pessimistisch.


"Freie Presse" und Erzgebirgsverein suchen das Mundartlied 2020

Diese Neuauflage der Suche nach dem erzgebirgischen Wort, gemeinsam organisiert von "Freie Presse" und Erzgebirgsverein, hat es in sich:Dieses Mal geht es nicht allein um einfache Worte, sondern auch um Reime und einen Song.

Wie immer gesucht: Ihr Lieblingswort in erzgebirgischer Mundart, diesmal zum Thema Hobby & Freizeit.

Zudem können Sie, liebe Leser, Ihrer Reim-Ader Zucker geben: für eine Hommage auf Ihren Wohn- oder Lieblingsort im Erzgebirge. Mundart-Musiker Hendrik Seibt hat die Melodie komponiert und einen Beispiel-Reim gemacht - natürlich auf seinen Heimatort Gelenau. Erstmals zu hören ist der neue Erzgebirgssong wohl zur Abschlussveranstaltung Ende Oktober.

Nun ist es an Ihnen. Bringen Sie Ihren Wohn- oder Lieblingsort humorvoll in acht sich reimenden Zeilen in erzgebirgischer Mundart auf den Punkt. Eine Jury wird die schönsten Reime auswählen. Ihre Mundartworte und/oder Ihren Achtzeiler, gern auch in einem Video vorgetragen, senden Sie bitte an: "Freie Presse", Lokalredaktion Annaberg, Markt 8, in 09456 Annaberg-Buchholz, oder per E-Mail an: red.annaberg@freiepresse.de.

Einsendeschluss ist der 1. September. Teilnehmer erklären sich gegenüber der CVD GmbH & Co. KG einverstanden, dass ihre Zusendungen kostenfrei veröffentlicht werden können - in gedruckter wie in digitaler Form. (alu)


0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.