Fadenkunst im Bauhausstil

Seit zwei Jahrhunderten wird in Schwarzenberg das alte Kunsthandwerk gelehrt. Eine, die diese Gestaltungstechnik perfekt beherrscht, ist Karla Herberger - seit 2004 im Ruhestand, aber keineswegs untätig.

Schwarzenberg.

Wer die Wohnung von Karla Herberger in Johanngeorgenstadt betritt, spürt sofort: Hier wohnt ein kreativer Geist. Der Gast steht vor der schwierigen Wahl, sich zu entscheiden, auf welches der unzähligen, dekorativen Fadenwerke er seinen Blick zuerst richten soll - alle hätten es verdient.

Ihre aktuellen Arbeiten (s. Foto), so sagt die Bergstädterin, seien ihre Hommage ans Bauhaus, das vor 100 Jahren entstand. Es war eine lebendige Ideenschule und ein Experimentierfeld auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Gestaltung, der Architektur und der Pädagogik. Herbergers Klöppelkunst aus Metallfäden in Kombination mit Glas, Steinen und Perlen sind dies ebenso. "Das mach' ich aber nur für mich", sagt die 75-Jährige, die permanent Ideen versprüht.

Christoph Ulrich

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Bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr klöppelt sie. Erlernt hat sie die ersten Schläge in der Klöppelschule Ehrenfriedersdorf. Die Kunst aus feinen Fäden ließ sie nicht mehr los. 1958 begann sie eine Ausbildung zur Klöppellehrerin an der Barbara-Uthmann-Fachgrundschule für angewandte Kunst in Schneeberg. Hervorgegangen war diese aus der 1878 gegründeten "Königlichen Spitzenklöppelmuster- und Zeichenschule der Textilindustrie".

Ab 1962 war sie als Klöppellehrerin tätig, zunächst in Karl-Marx-Stadt, dann in Johanngeorgenstadt und später in Schwarzenberg. 1970/71 erwarb sie über ein Externstudium an der Fachschule für angewandte Kunst in Schneeberg den Fachschulabschluss als Klöppellehrerin und Mustergestalterin. Bereits ab 1963 gehörte sie als künstlerische Mitarbeiterin zum Kreiskabinett für Kulturarbeit in Schwarzenberg und zeichnete dort verantwortlich für die Weiterentwicklung des erzgebirgischen Spitzenklöppelns.

"Was haben wir nicht alles gemacht?! Besonders zu erwähnen, wären da unsere Spezialistenlager. Die gab es ab 1968. Entstanden sind da schon große Märchenbilder und geklöppelte Wandgestaltungen", erinnert sie sich. Es waren die jährlichen Höhepunkte der Zirkelarbeit. "Schon damals haben die Kinder in den Ferien nach ihren eigenen Entwürfen geklöppelt, und wir als Lehrerinnen haben ihnen bei der Umsetzung geholfen", sagt sie und vergleicht es mit den heutigen Kinder- und Jugendkunstsymposien auf Schloss Schwarzenberg.

Die Klöppelschule Schwarzenberg war eine von vielen im Erzgebirge. Sie wurde am 9. März 1819 gegründet. Das Haus, in dem sich die erste Klöppelschule befand, stand an der Bergstraße. Erste Klöppellehrerin war Hedwig Adelheid Brinkmann. Sowohl die Gründungsurkunde als auch die erste Schulordnung sind offenbar dem letzten großen Stadtbrand 1824 zum Opfer gefallen. Erhalten blieb indes ein erster Halbjahresbericht über die positive Entwicklung der Schule. Diese und viele weitere Dokumente aus der Geschichte der Klöppelschule wurde zur laufenden Sonderschau in den heutigen Räumen der Volkskunstschule im Schloss in einer Broschüre zusammengestellt. Darin findet sich auch die Satzung der Klöppelschule aus dem Jahr 1925. In jener Satzung wurden Unterrichtszeiten und tägliche Höchstdauer je nach Alter festgelegt. Im Paragraf 13 hießt es: "Der Besuch der Volksschule geht dem der Klöppelschule voran." Die Kinder erhielten sogar Zeugnisse "über Fleiß, Fortschritte und sittliches Verhalten". Zehn Pfennige Schulgeld waren zu zahlen. Ein Blick in alte Unterlagen ist spannend. In den "Erzgebirgischen Heimatblättern" von 1939 hieß es: "So schätzt man die Zahl der regelmäßigen Klöpplerinnen auf etwa 27.000, von denen allein auf den Schwarzenberger Kreis 12.000 kamen ..."

Mehrfach ist die Klöppelschule innerhalb der Stadt Schwarzenberg umgezogen. Von der Bergstraße ging es 1909 ins Haus der Obererzgebirgischen Frauen- und Haushaltungsschule, 1923 ins Haus der 1. Bürgerschule an der Erlaer Straße. 1940 zog die Schule ins Haus der damaligen Stadtbibliothek an der Erlaer Straße und 1977 schlugen sie ihr Domizil in der ehemaligen Gaststätte "Felsenkeller" in der Vorstadt auf. 1988 siedelten sie ins Café Barthel um, und von dort ging es 1990 zurück in die Räume des alten Kindergartens an der Erlaer Straße. Zu diesem Zeitpunkt übernahm Karla Herberger die Leitung - bis 2004. Der vorläufig letzte Umzug erfolgte 2000. Da zog die Volkskunstschule ins Schloss, wo sie bis heute zu finden ist. Die Klöppelschule Schwarzenberg war bereits zur ersten Kreisreform 1994 von Aue und Schwarzenberg mit an den Landkreis übergangenen.

Hunderte Kinder und Erwachsene waren es, die von Karla Herberger und ihren vielen, langjährigen Kolleginnen, wie Jutta Meinhold, Isolde Koksch, Virgilia Oeser, Gerlinde Wolf oder Bärbel Pletschacher, die Fadenkunst erlernt haben. Und längst sind es nicht mehr nur Borten und Deckchen, die durch das Drehen und Kreuzen der Fäden entstehen. Seit vielen Jahren schon sind es Bilder, Dekorationen, Fenstervorhänge, Stolen, Tücher, Westen, Schmuck und mittlerweile auch dreidimensionale Szenen und sogar Masken, die aus Fäden, Garnen oder feinem Draht entstehen.

"Die Klöppelkunst wird für immer bleiben. Denn es ist bei Weitem noch nicht alles ausgeschöpft, was damit möglich ist", ist sich Karla Herberger sicher. Sie selbst hat zahlreiche Beiträge und Schriften über das Kunsthandwerk veröffentlicht. Nach wie vor besucht sie die Klöppeltage in Annaberg und hält Kontakt mit Gleichgesinnten. Allen voran nennt sie da beispielsweise Marianne Geißendörfer aus Uffenheim. "Das ist eine Klöppelfreundschaft, die aus der Landkreispartnerschaft mit Neustadt-Aisch/Bad Windsheim resultiert und die bis heute hält", erzählt die Johanngeorgen-städterin. Gerade mit den Klöppler-innen aus dem Frankenland gab und gebe es einen regen Austausch.

Mit Blick auf die Kreisreform 2008 zum Erzgebirgskreis entstand 2005 bereits der Eigenbetrieb Kultur unterm Dach der Landkreisverwaltung. Hierzu gehört die Volkskunstschule, die heute von Simone Georgi geleitet wird. Als Klöppellehrerinnen bringen heute Steffi Schneider, Mandy Lange, Magdalena Richter, Elke Neubert, Brigitte März und Gabriele Knauer derzeit gut 300 Kindern das Klöppeln bei. "Übrigens hatten wir ab und an auch schon einen Jungen", sagt Simone Georgi.

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