Gedankenloses Atmen - Schwerstarbeit fürs Gehirn

Das Vipassana-Meditationszentrum Triebel ist für viele Vogtländer ein geheimnisvoller Ort. "Freie Presse"-Redakteur Gunter Niehus hat ihn besucht - und mit meditiert.

Triebel.

Atmen soll ich. Einfach atmen. Aber ohne auf den Atem zu achten. Wie soll das auf Kommando klappen? Das klingt wie die unlösbare Aufgabe: "Denken Sie mal zehn Minuten lang nicht an das Wort Eichhörnchen!" Ich sitze auf dem Kissen im Vipassana-Meditationszentrum Triebel und will meinen Kopf leeren. An nichts soll ich denken, während ich eine halbe Stunde probe-meditiere. Ich denke also daran, dass ich nichts denken soll. Denkste! Schon wieder falsch.

Aber aller Anfang ist schwer. Normalerweise dauert ein Meditationskurs in Triebel ja auch zehn Tage. "Die ersten drei Tage geht es dann nur um das Atmen", sagt Schatzmeister Johannes Naumann, der mir zumindest die Grundlagen beibringen will. Ich schließe die Augen, lasse den Atem fließen, ohne auf ihn zu achten.

Es klappt. Die Vorstellung vom richtigen Luftholen verblasst. Bin ich der Erleuchtung näher? Nein. Andere Gedanken drängen statt dessen in meine Schläfenlappen und wollen da bleiben. "Wie strukturiere ich meinen Zeitungsartikel, den ich in der Redaktion dann noch schreiben muss" - darüber grübel ich nach. Und zum Abendessen brauche ich noch was.

Aber immerhin erwische ich mich beim Denken, rufe mich zur Ordnung und schmeiße die störenden Gedanken aus den Schläfenlappen wieder raus. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Nur das ist wichtig. Immerhin geht es um einiges. "Mit der Zeit lernt man beim Meditieren, sich selbst zu spüren", hat mir Johannes Naumann versichert. Das klingt nach einem esoterisch angehauchten Allgemeinplatz. Aber Naumann meint das wörtlich. "Wenn ich mit der linken Hand die rechte berühre, spüre ich das an meinem Körper. Es geht darum, ohne direkte Berührung den Körper zu spüren."

Nach dem Spüren folgt dann das Beeinflussen. Selbst körperliche Beschwerden, wie beispielsweise Verspannungen, könne man dann mit dem eigenen Geist lösen. Soweit bin ich noch lange nicht. Das wäre nach 15 Minuten wohl auch ein wenig vermessen. Aber ich schaffe es - zumindest die meiste Zeit - die Gedanken aus meinem Kopf rauszuhalten. Ansatzweise gelingt es mir sogar, meinen Handrücken zu spüren. Vor langen Jahren hatte der Religionslehrer in meiner Schulklasse gezeigt, wie autogenes Training geht. Da ist wohl etwas hängen geblieben. Damals lief es ähnlich ab.

Das Dumme ist nur: Immer wenn ich stolz denke, dass ich es endlich geschafft habe, nichts mehr zu denken, hab ich ja schon wieder gedacht. Gibt es aus diesem Dilemma einen Ausweg? Oder ist das so, wie das buddistische Gleichnis vom Klatschen mit nur einer Hand? Da geht es nicht darum, eine logisch fundierte Lösung zu finden. Sondern darum, über die Unmöglichkeit einer Antwort zu meditieren. So hab ich das zumindest verstanden. Aber buddistische Mönche oder Nonnen meditieren viele Jahre. Wer weiß, welche Einsichten sich ihnen dabei erschließen?

Bei mir ist nach einer halbe Stunde erst mal alles rum. Ich öffne die Augen und schäle mich aus meiner Decke. Ungern. Es tut gut, sich selbst ins Zentrum seiner Empfindungen zu versetzen. Und banalen Krimskrams aus dem Kopf auszusperren. Vielleicht komme ich mal wieder. Bei den Zehn-Tages-Kursen wird allerdings um 4Uhr in der Früh aufgestanden und nix gesprochen. Das wäre echt hart für mich! Aber vielleicht muss das so sein, wenn man atmen will, ohne darüber nachzudenken.

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