Gericht verurteilt Lehrer zu drei Jahren und neun Monaten Haft

Der Angeklagte aus dem Erzgebirge soll zwei Grundschülerinnen sexuell missbraucht haben. Heute sind beide junge Frauen. Eine saß bei der Urteilsverkündung im Saal.

Aue/Chemnitz.

Der letzte Zeuge konnte sich nur schwer vorstellen, dass man auf einer Solariums-Liege Sex haben kann. "Man liegt da drinnen wie im MRT", sagte er am Freitag am Landgericht Chemnitz. "Wenn die Röhre zu ist, geht das auf keinen Fall. Wenn sie offen ist - keine Ahnung, vielleicht. Aber das ist knüppelhart. Plexiglas. Ich würde auf so eine Idee nicht kommen."

Vor 20 Jahren war der Zeuge Leiter eines Fitnessstudios im Erzgebirge, in das der Angeklagte (heute 56) mit seiner Kindersportgruppe regelmäßig zum Training kam. Dabei soll er sich mehrfach an einer seiner Schülerinnen (heute 33) vergangen haben. Im Solarium sei er nach dem Training intim geworden, hatte die junge Frau gesagt. "Er hat sich auf mich gelegt und ist in mich eingedrungen." In einem ersten Verfahren am Amtsgericht Aue hatte sie von einem Fenster im Gang vor den Solarien berichtet, an dem ihr Lehrer nach dem Sex gestanden und abgewartet habe, bis sie draußen war.

Der Angeklagte, der bis heute sämtliche Vorwürfe zurückweist, hatte erklärt, dass es dieses Fenster überhaupt nicht gibt. Deshalb ließ sein Verteidiger Reinhard Röthig den damaligen Studioleiter vorladen, den er dann auch gleich nach seiner Meinung zum Sex im Solarium befragte. Was das Fenster betraf, gab der Zeuge ebenfalls eine Antwort, die der Verteidigung ins Konzept passte: Nein, da sei kein Fenster gewesen. Da das Fitnessstudio inzwischen "dreimal umgebaut" worden sei, blieb eine gewisse Unsicherheit. "Aber selbst wenn das Fenster damals noch da war - von dort aus konnte man nur auf ein Dach sehen", sagte der Zeuge.

Für die Verteidigung war das der Beleg dafür, dass die junge Frau gelogen hat, als sie ihren ehemaligen Lehrer des sexuellen Missbrauchs bezichtigt hatte. Während der fünf Verhandlungstage gab es immer wieder Aussagen, die einen sexuellen Missbrauch schwer greifbar erscheinen ließen. Zeugen, die einander widersprachen. Zeugen, die sich nach so langer Zeit - bei der einen jungen Frau über 20, bei der anderen immerhin zehn Jahre - nicht mehr erinnerten. Vor allem aber Zeugen, die rein gar nichts bemerkt hatten.

Staatsanwältin Marita Recken indes ließ keine Zweifel an der Schuld des Lehrers erkennen. Am Freitag fragte sie ihn, ob man "angesichts der Beweislage zu einer anderen Einlassung finden" könne. Gegen ein Geständnis wurde ihm Strafnachlass in Aussicht gestellt. Eine Bewährungsstrafe sei aber nicht drin, signalisierte Richter Frank Schmidt. Der Angeklagte ging nicht darauf ein.

Drei Stunden später fiel das Urteil. Der 56-Jährige soll wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und wegen schweren sexuellen Missbrauchs für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Dabei handelt es sich um eine Gesamtstrafe. Am Amtsgericht Aue war der Pädagoge im Fall der heute 33-jährigen Frau zu drei Jahren und fünf Monaten verurteilt worden. Im Fall der 22-jährigen jungen Frau, die ihn als Erste angezeigt hatte, wurde er zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen. In der Berufungsverhandlung am Landgericht wurde er nunmehr wegen sexuellen Missbrauchs beider Mädchen verurteilt.

Nach Auffassung des Gerichts seien die Taten bewiesen, sagte Richter Schmidt. Neben Sex im Fitnessstudio soll der Lehrer mit der heute 33-Jährigen auch während einer Reise nach Paris geschlafen haben. Damals war das Mädchen elf Jahre alt. Die heute 22-Jährige soll er in einer Sauna unsittlich berührt und beim Zelten mit der Klasse mit dem Finger penetriert haben. Mehrere Anklagepunkte waren gestrichen worden, weil Zeugenaussagen zu ungenau waren. Es sei jedoch unvorstellbar, dass die Vorwürfe erfunden sein könnten, sagte der Richter. Widersprüche in Zeugenaussagen führte das Gericht auf die lange Zeit zurück, die inzwischen vergangen ist.

Die 22-jährige Geschädigte war am Freitag zur Urteilsverkündung gekommen. Sie saß an der Seite ihrer Anwältin und der Staatsanwältin. Durch den Richterspruch habe sie sich ihre Souveränität zurückgeholt, die sie als Kind verloren habe, sagte sie. "Ich möchte damit abschließen, aber das ist ein Prozess, der wird einen ein Leben lang begleiten." Verteidiger Reinhard Röthig hat Revision angekündigt.

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