Gigant greift in Kampf gegen Käfer ein

Entgegen allen Hoffnungen hat es die Witterung der vergangenen Monate dem Borkenkäfer leicht gemacht. In dieser ernsten Lage muss der Sachsenforst strengere Vorgaben bei der Schädlingsbekämpfung beachten.

Rittersgrün/Crottendorf.

Es rumort im Forst. Eine mobile Entrindungsmaschine, ein mächtiges Fahrzeug mit zwei Krankabinen, füllt die gesamte Breite des Wanderwegs am Freibad Rittersgrün aus. Der Koloss erwacht zum Leben, ehrfürchtig stoppen zwei Radfahrer in sicherer Entfernung. Als wäre der Baum ein Streichholz, packt der hintere Greifarm einen Stamm vom Stapel am Wegesrand und schiebt ihn in einen Walzeneinzug. Rotierende Messer schälen die Rinde ab, vorne wird der Stamm ausgespuckt, wo ihn der zweite Greifarm nimmt und ablegt. Für all das benötigt die Technik keine Minute. Von diesen Kolossen, 360 PS stark und 40 Tonnen schwer, gibt es nicht allzu viele. Neu kostet eine solche mobile Entrindungsmaschine rund zwei Millionen Euro, sagt Rainer Kuhn. Seine Firma aus der Nähe von Bamberg in Oberfranken ist auf Holzentrindung spezialisiert. "Wir nehmen dem Borkenkäfer den Lebensraum", erklärt der Mittsechziger.

Rund 7000 Euro lässt man sich im Forstbezirk Neudorf die Schützenhilfe aus Bayern kosten. Zum Einsatz kommt der Koloss neben Rittersgrün in den Revieren Rabenberg, Raschau und Crottendorf. Etwa 1000 Bäume werden so entrindet. Der ungewohnte Schritt - zuletzt verwendete der Forstbezirk solche Technik 1999, als Schädlinge auf dem Vormarsch waren - ist der dramatischen Borkenkäfer-Lage geschuldet. Mehrjährige Trockenheit, geschwächte Wälder, milder Winter und warmes Frühjahr: Bessere Bedingungen könnte sich der Schädling, der bevorzugt Fichten angreift, nicht ausmalen.

"Alle sprechen vom Katastrophenjahr 2019 - doch es kann noch schlimmer kommen", sagt Johannes Riedel, Leiter Staatsforstbetrieb im Bezirk. Um über 600 Prozent stiegen die borkenkäferbedingten Schadholzmengen, von 3400 Kubikmeter in 2018 auf 22.400 in 2019. Hinzu kamen Schäden durch Stürme, Schnee und Trockenheit, sodass der Forstbezirk 2019 insgesamt fast 130.000 Kubikmeter Schadholz verarbeitete. Und der Start von 2020 verheißt nichts Gutes. "Die Vegetation ist zwei Wochen voraus, in den nächsten 14 Tagen geht das große Schwärmen los", schätzt Riedel. Darum wird weiter intensiv daran gearbeitet, möglichst viel liegendes Holz aus dem Wald zu bringen: auf Lagerplätze oder durch Verkauf, obwohl die Preise durch das Überangebot im Keller sind.

Stämme, die nicht weggeschafft werden können, müssen entrindet werden - auch unter Hilfe von Dienstleistern wie Rainer Kuhn. Doch die Kapazitäten reichen nicht aus, so jeden Gefahrenherd auszuschalten. Letzte Option ist es, den Borkenkäfer unter Beachtung strenger Regeln mit Gift zu bekämpfen, das hatte der Forstbezirk im April angekündigt ("Freie Presse" berichtete). "Das bleibt die Ultima Ratio", bekräftigt Riedel. Bis 2019 habe man darauf verzichten können, fügt er hinzu. Durch die Käfersituation gehe es aber nicht ohne. "Nichtstun wäre in solchen Jahren ein Glücksspiel", so Riedel. Was passiert, wenn es aus dem Ruder laufe, sehe man etwa im Harz, wo große Nadelwaldgebiete abgestorben sind.

Mitten in dieser Lage greifen veränderte politische Vorgaben. Der Koalitionsvertrag der Regierungsparteien in Sachsen sieht vor, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 zu halbieren. Das entfaltet schon jetzt Wirkung auf die Forstarbeit. Aus dem von Wolfram Günther (Grüne) geführten Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft heißt es auf Anfrage von "Freie Presse", dass im Staatsbetrieb Sachsenforst das Verwenden dieser Mittel noch mehr reduziert werden soll. "Dazu gehört, dass der Einsatz am liegenden Baum am Fällort nur in zwingend begründeten Einzelfällen nach Freigabe durch die Geschäftsleitung erfolgt und gelagertes Holz nur dort mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wird, wo ein Ausflug der Schadinsekten und der Befall angrenzender Bestände verhindert werden müssen", so ein Ministeriumssprecher. Es werde ein Sechs-Augen-Prinzip und ein "strikt einheitliches Vorgehen im Staatswald" gewährleistet. Zudem sollen keine mit Insektizid behandelten Netze zum Schutz von Holzpoltern mehr eingesetzt werden. Leichter macht das den Kampf gegen den Borkenkäfer nicht.

Die eigentliche, auf lange Sicht erfolgversprechende Strategie zum Schutz des Waldes, erklärt Johannes Riedel, sei aber der laufende Umbau. Weg von fast reinen Fichtenwäldern hin zu robusteren Mischwäldern. Er deutet auf ein Waldstück, wo junge Weißtannen, Bergahorne und Buchen aus den 1990er-Jahren gedeihen: "Man sieht schon Erfolge, es geht nur nicht von heute auf morgen." In der nächsten Zeit hat aber eine andere Aufgabe für die Forstleute Priorität: Noch intensiver zu kontrollieren, ob der Borkenkäfer weitere stehende Bäume befallen hat.


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