Haus Silberbogen: Ex-Mitarbeiter verlangen Schmerzensgeld

Fünf Erzieherinnen aus dem rechtswidrig geschlossenem Behindertenheim fordern 70.000 Euro von ihrem Arbeitgeber. Der sieht sich als falscher Adressat.

Johanngeorgenstadt.

Weihnachten 2009, ob sie sich daran erinnern? Die Frauen nicken. "Das schlimmste Weihnachten aller Zeiten", sagt Mona Kraus (49). Damals war sie Erzieherin im Haus Silberbogen in Johann'stadt, das im Herbst 2009 wegen angeblicher Übergriffe auf behinderte Kinder Negativschlagzeilen machte. "Ich hatte keinen Nerv für Weihnachten", erinnert sich ihre Kollegin Juliane Schütz (32). "Mein Selbstwertgefühl war im Keller." Claudia Hoffbauer (33), eine andere Erzieherin, sagt: "Geschmückt habe ich nur, um mich abzulenken. Das ist gründlich schiefgegangen."

Heute weiß man: Die Erzieherinnen wurden zu Unrecht beschuldigt, aber der Schaden ist unwiderruflich. Das Wohnheim zu, die Jobs weg, viele der Erzieher mussten sich teils über Jahre in psychologische Behandlung begeben. Die ungerechten Vorwürfe haben allen zu schaffen gemacht. Eine der Frauen hat mehrere Suizidversuche hinter sich.

Etwas Gutes sei aus der Misere entstanden, sagt Ines Lutzke (56). "Wir trafen uns zu Weihnachten in einer Gaststätte. Wir saßen da und haben geheult. Aber wir mussten uns nicht erklären, denn jede hatte diesen Mist durchgemacht. Es war der einzige Abend der Weihnachtszeit 2009, der in Ordnung war."

Daraus ist ein Ritual geworden. Jedes Jahr am Freitag vor dem 1. Advent treffen sich die 17 Kolleginnen und Kollegen aus dem ruinierten Haus Silberbogen zu einer Weihnachtsfeier in Johanngeorgenstadt. Auch heute Abend. Obwohl sie alle am liebsten vergessen würden, reden sie über die Vorfälle von damals. Ein Thema: Schmerzensgeld. Fünf der Erzieherinnen verlangen von ihrem damaligen Arbeitgeber, der Erzgebirgischen Krankenhaus- und Hospitalgesellschaft (EKH) Schwarzenberg, insgesamt 70.000 Euro.

Die EKH trägt keine Schuld an der Schließung von Haus Silberbogen. Losgetreten wurde alles durch einen anonymen Brief. Mitarbeiter des Landesjugendamtes und des Freistaates Sachsen verbissen sich in den Fall und handelten völlig überzogen, wie das Oberverwaltungsgericht Bautzen feststellte. Rechtsanwalt Wolfgang Ternick (69), der die fünf Frauen vertritt, erhebt trotzdem Vorwürfe gegen den Arbeitgeber: "Die Mitarbeiterinnen wurden geopfert, als es zum Crash kam."

Die fünf Frauen sollten damals fristlos entlassen werden. In Schreiben an den Betriebsrat der EKH wurden sie für die Misere verantwortlich gemacht. Eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses sei für die EKH nicht zumutbar, hieß es dort. "Das war vorauseilender Gehorsam", sagt Ternick. "Die Ungerechtigkeit war nicht auszuhalten." Mit einem Schmerzensgeld wolle man den Betroffenen Genugtuung verschaffen.

Thoralf Bode, der Geschäftsführer der EKH, sagt, er könne die Frauen moralisch verstehen. Seine Gesellschaft sieht er jedoch als falschen Adressaten für Schmerzensgeldforderungen: "Die EKH hat keine Schuld auf sich geladen." Nachdem ein Gericht die Anschuldigungen durch das Jugendamt zunächst ohne Prüfung bestätigt hatte, habe man davon ausgehen müssen, dass sie korrekt sind. "Die Kündigungen waren ein notwendiger Schritt". Die Frauen bekamen später neue Jobs, mussten teilweise aber Gehaltseinbußen hinnehmen.

Die Schmerzensgeldforderungen stehen seit sechs Jahren im Raum, doch gab es bisher keinen offenen Streit zwischen den Erzieherinnen und der Hospitalgesellschaft. "Wir wollten, dass die EKH in ihrer Auseinandersetzung mit dem Freistaat Erfolg hat", sagt Ternick. "Aber wir wollen an diesem Erfolg beteiligt werden." Inzwischen sind eventuelle Ansprüche gegen die EKH verjährt, und die Frauen sind enttäuscht. "Wir wurden fallengelassen wie heiße Kartoffeln. Damals und jetzt wieder", sagt Juliane Schütz.

Till Vosberg, der Anwalt der EKH, widerspricht. "Wir haben den Frauen angeboten, sich unserer Klage gegen den Freistaat anzuschließen. Wir sehen es so, dass wir in einem Boot sitzen. Warum sie plötzlich auf denjenigen schießen, der rudert, kann ich nicht verstehen." Dennoch bestehe das Angebot, gemeinsam Schadenersatz gegenüber dem Freistaat geltend zu machen, weiter.

Die EKH verlangt aktuell 6,9 Millionen Euro. Wann der Prozess beginnt, ist noch offen. Für die bisherigen Rechtsstreitigkeiten habe man knapp eine Million aufgewendet, sagt Geschäftsführer Bode. "Bekommen haben wir noch nichts."

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