Johann'stadts Ältester am Schnitzmesser

1979 wollte Gotthard Lang ein Stück erzgebirgische Volkskunst kaufen. Mach' dir doch selber eins, sagten ihm Schnitzer. Jetzt blickt er auf vier Jahrzehnte am Messer zurück. Heute wird "Gola" 90.

Johanngeorgenstadt.

Rentner haben bekanntlich niemals Zeit, und manchmal läuft sie ihnen einfach davon. So geht es Gotthard Lang mit seiner neuesten Schnitzarbeit. Ein Relief wird es, verrät er, welches das Naturfreundehaus "Rote Grube" bei Sosa zeigt. "Am Sonntag feiern die ihr 90-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass will ich ihnen das Wandbild schenken", sagt der Erlabrunner. "Aber ich werde es zeitlich nicht ganz schaffen." Es gibt ja noch so viel anderes zu tun. Zum Beispiel, den eigenen Geburtstag zu feiern. Wie der Zufall es will, ist Gotthard Lang zur selben Zeit geboren, in der das alte Sosaer Zechenhaus wiederaufgebaut wurde. Am heutigen Mittwoch wird er 90 Jahre alt.

Viele Gratulanten werden aus dem benachbarten Johanngeorgenstadt kommen, denn "Gola", wie ihn seine Freunde nennen, gehört der Schnitzergruppe des dortigen Erzgebirgszweigvereins an. Er ist das älteste aktive Mitglied und blickt in diesem Jahr gleichzeitig auf sein 40-jähriges Wirken als Schnitzer zurück.

Die Geschichte, wie es ihn vor vier Jahrzehnten zu den Johann-städtern verschlagen hat, erzählt er mit einem vergnügten Lächeln: "Das war 1979. Ich besaß keinen Bergmann, keinen Hirsch, nichts Erzgebirgisches. Zu kaufen gab's das in der DDR ja nicht so einfach. Also bin ich ins Johanngeorgenstädter Schnitzerheim gegangen und habe mal nachgefragt. Da musst du dir selber etwas machen, haben sie zu mir gesagt. Wir machen es ja auch."

Max Unger, einer der damals alteingesessenen Schnitzer, drückte Gotthard Land ein grob vorgefertigtes Reh in die Hand: "So, jetzt musst du wegschneiden, was zu viel ist." Max Unger ist verstorben, man kann ihn nicht mehr fragen, ob sich die Schnitzer damals einen Scherz mit einem unbedarften Kunden erlaubt haben. Aber Gotthard Lang hat tapfer zum Messer gegriffen und sich offenbar nicht ungeschickt angestellt. "Ich muss noch mal wiederkommen, denn ich brauche auch noch eine Fichte", will er gesagt haben. Nach einigen Besuchen boten ihm die Schnitzer eine Mitgliedschaft an. Heute ist er ihr Ältester.

Dass sie Gola in ihrer Mitte willkommen geheißen haben, bescherte den Johanngeorgenstädter Schnitzern auch ihren Chronisten. Denn vor 25 Jahren übernahm Gotthard Lang die Aufgabe, die Berge von Fotos zu ordnen, die sich in mehreren Kartons angesammelt hatten. "Zum Glück stand auf den meisten Bildern ein Datum", sagt der Senior. Auf bislang 1250 Blättern hat er die Geschichte der Schnitzgruppe zusammengefasst. Im Sommer hat er Band 13 begonnen. An die 1000 Stunden Arbeit stecken in der Chronik, schätzt Lang. "Wenn ich was anfange, mach' ich es richtig", sagt er.

"Zum 85. Geburtstag haben wir Gola eine Digitalkamera geschenkt", erzählt Tom Pote, der Vorsitzende des EZV. "Bis dahin hat er auf Film fotografiert. Er hat die neue Technik sofort gemeistert. Nur die Chroniktexte schreibt er nach wie vor auf seiner Schreibmaschine."

Jeden Donnerstag ist Gotthard Lang im Schnitzerheim Johanngeorgenstadt anzutreffen. Er fährt mit dem Auto, denn trotz seiner 90 Jahre ist er rüstig. Im Heim sind viele seiner Arbeiten eingelagert. Wie viele Stücke er in den 40 Jahren geschaffen hat, weiß er nicht genau. Mehr als 50 waren es sicher. "Bergmänner, Rehgruppen, Reliefs. Ich habe gemacht, worauf ich Lust hatte", sagt er. Als Nächstes wird er das Relief der "Roten Grube" fertigstellen.

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