Keine Branche kann alle Ausbildungsplätze besetzen

Das neue Lehrjahr hat für einige schon begonnen. Viele weitere Azubis starten Anfang September. Auch in dem Bereich wird aber - ähnlich wie auf dem Arbeitsmarkt - die Spanne zwischen Angebot und Nachfrage immer größer.

Annaberg-Buchholz/Schwarzenberg.

Annähernd 2600 Absolventen haben in diesem Jahr die Bildungseinrichtungen im Erzgebirgskreis verlassen. 1704 von ihnen haben sich bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz an die Agentur für Arbeit in Annaberg-Buchholz gewandt. "Eine hohe Quote", konstatiert Agenturchef Nino Sciretta. Der Großteil von ihnen - 1252 Schülerinnen und Schüler - ist inzwischen vermittelt. Mehr als 450 haben allerdings noch keinen unterschriebenen Vertrag in der Tasche.

Dabei stehen die Chancen gut. Momentan gibt es noch 770 freie Ausbildungsstellen im Bereich der Arbeitsagentur. Doch der Chef weiß: "Der Ausgleich am Ausbildungsmarkt ist kein Selbstläufer. Die Bewerber sind gefordert, ihre Stärken für die Unternehmen sichtbar zu machen." Und Unternehmer sollten bei der Einstellung des Nachwuchses nicht nur auf die Noten schauen. "Wie das Ganze gehen kann, zeigen die Profis am Ausbildungsmarkt. Sie bringen beide Seiten zusammen und leisten Unterstützung bei der Lehrstellensuche", sagt Sciretta.


Im Handwerk im Erzgebirge gibt es laut Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Chemnitz aktuell noch 114 unbesetzte Lehrstellen. 349 neue Ausbildungsverhältnisse sind zum 1. August abgeschlossen worden, erläutert Robert Schimke von der Kammer. Bei den Annaberger Backwaren beispielsweise - das Unternehmen betreibt Filialen im gesamten Erzgebirge - begannen drei Jugendliche ihre Ausbildung, sowohl in der Backstube als auch im Verkauf. "Wir sind aber auch noch auf der Suche", erläutert Geschäftsführer Martin Hübner. Insbesondere Bäcker würden noch gebraucht.

Auch an der einzigen Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule Deutschlands in Seiffen würde sich der verantwortliche Lehrmeister für die Verbundausbildung, Reinhard Friedemann, mehr Lehrlinge wünschen. "Die Branche benötigt dringend Fachkräfte", begründet er. Im neuen Ausbildungsjahr werden in den drei Klassenstufen voraussichtlich 33 Lehrlinge ausgebildet.

Für die nächsten zwei Jahre rechnet die Handwerkskammer mit leicht steigenden oder zumindest konstanten Lehrlingszahlen, zumal sich wieder mehr Abiturienten für Berufe im Handwerk interessieren.

Die Industrie in der Region bewegt sich im selben Spannungsfeld. "Derzeit und zukünftig steigen weniger als halb so viele junge Menschen in den Arbeitsprozess ein wie ältere Menschen aus", sagt Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Qualifizierte Zuwanderung ist für ihn deshalb "ein absolutes Muss". Dafür müsse sich das Erzgebirge nach außen noch viel besser als ein attraktiver Lebensraum mit entsprechenden Beschäftigungsangeboten darstellen.

Auch um junge Leute in der Region zu halten - insbesondere Gymnasiasten. "Dazu gibt es das Projekt Karriere Dual", erläutert er. Damit soll Gymnasiasten die Möglichkeit eröffnet werden, eine hochwertige duale Ausbildung oder ein duales Studium zu beginnen und so in der Region zu bleiben. Da gehe es auch darum, Ausbildungs- und Lebensplanung miteinander zu verbinden. Dafür sei u. a. die Arbeit der Praxisberater in den Schulen unerlässlich. Mittlerweile verfügen laut Lißke 35 der 38 Oberschulen im Erzgebirgskreis über solche Berater. Hilfe, die auch einem anderen Trend entgegen wirken kann. "23 Prozent der Auszubildenden im Erzgebirge brechen einmal ihre Lehre ab. Das ist nach wie vor zu viel", so Lißke.

Für Gastronomie und Handel werden die Zahlen mit von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz erfasst. Für den Bereich der Regionalkammer Erzgebirge weist die Statistik aktuell 1663 Ausbildungsverhältnisse aus - davon 145 im Hotel- und Gaststättengewerbe. Noch unbesetzt sind in beiden Branchen momentan 55 Stellen. Insgesamt weist die verbandseigene Lehrstellenbörse im Kammerbezirk Chemnitz aktuell 613 offene Stellen aus - sachsenweit sind es 1399.

"Arbeitskräftegewinnung bleibt eine Herausforderung für alle Unternehmen", sagt Geschäftsführerin Jana Dost. Alle an der dualen Ausbildung Beteiligten müssten sich weiter intensiv dem Thema Berufsausbildung und -orientierung widmen. Zudem müssten die Rahmenbedingungen passen, fordert sie. Auch für kleine und kleinste Unternehmen, die im Erzgebirge mehr als 90 Prozent ausmachen. Als einen wichtigen Baustein sieht die den Erhalt der Berufsschulzentren im ländlichen Raum an. "Gerade im Bereich Hotel und Gastronomie verfügen wir mit den Standorten in Annaberg-Buchholz und Schneeberg noch über eine recht gute Infrastruktur, die es unbedingt zu erhalten gilt."

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