Kita-Leiterinnen stecken im Hamsterrad

Kindergärtnerin zu sein, den ganzen Tag mit den Kleinen spielen - das ist doch schön. Aber die Realität sieht oft gewaltig anders aus. Das wurde jetzt bei einem Minister-Besuch deutlich.

Breitenbrunn.

Etwas entgeistert blicken die um den großen Tisch im Haus des Gastes Breitenbrunn versammelten Leiter und Leiterinnen von Kindereinrichtung aus der Region schon, als sowohl der CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Krauß als auch Sachsens Bildungsministerin Brunhild Kurth zu Beginn über eine "längst überfällige Wertschätzung ihrer Arbeit" sprechen. Die Blicke der mehr als 30 Frauen und drei Herren, die gemeinsam mit vielen anderen Erziehern tagtäglich für die 22.000 Jüngsten im Landkreis da sind, kreuzen sich vielsagend.

Bildungsministerin Brunhild Kurth, die am Mittwoch einer Einladung von Krauß gefolgt war, wollte von den eingeladenen Kita-Leiterinnen wissen, "wo der Schuh drückt" und räumte gleich zu Beginn ein: "Wir reden viel zu viel über Lehrer und Schule, dabei legen sie doch den überaus wichtigen Grundstein. Sie betreuen die Kinder in einer ganz entscheidenden und prägenden Phase ihres Lebens." Das ist also im Bildungsministerium bekannt.


Weit weniger scheint indes bekannt zu sein, wie der tatsächliche Arbeitsalltag der Leiterin einer Kita in Wirklichkeit aussieht. Egal, ob es ein kleines oder großes Haus ist. "Wir sind alles. Wir springen permanent ein als Vertretung für langzeiterkrankte Kollegen, für Urlauber, für den Hausmeister, die Küchenfrau oder die Putzfrau", bringt es Karin Espig, Leiterin der Kindereinrichtung "Zwergenland" aus Raschau auf den Punkt. "Man fühlt sich wie im Hamsterrad", heißt es mehrfach. Denn auch Elternarbeit, Sicherheit, Qualitätsmanagement und Hygiene, Personalplanung, Festgestaltung, Dokumentationen und nicht selten die Sponsorensuche fürs nächste Kinderfest gehören zu den Aufgaben einer Einrichtungsleiterin. Ebenso wie die Fortbildung der Mitarbeiter, die Praxisanleitung angehender Erzieher, die Inklusionsstrategien; ergänzende Therapieangebote für Kinder nicht zu vergessen. Am Ende aber steht die Leiterin selbst nahezu täglich in einer Kindergruppe, weil ein weiterer Krankenschein auf ihrem Schreibtisch gelandet ist und eine Gruppe ohne Erzieherin da steht. "Zehn, 14 oder 20 Kinder kann man eben nicht einfach mal abschalten, wie eine Maschine", heißt es.

Zwar hat der Freistaat den Betreuungsschlüssel zum 1. September gerade erst von 1 zu 12,5 auf nunmehr 1 zu 12 (eine Erzieherin auf zwölf Kinder) gesenkt. Aber im Alltag steigt an sächsischen Kindereinrichtungen seit Jahren die Zahl der langzeitkranken Erzieher stetig an. Die müssen vertreten werden, denn die Kinder stehen morgens in der Tür.

Der Forderung vieler Erzieher, wenigstens eine Vor- und Nachbereitungszeit von pauschal 2 oder 2,5 Stunden im Gesetz festzuschreiben, erteilen Kurth und Krauß gleichlautend eine Abfuhr. "Das hatten wir schon mal. Das bringt nichts und ist sehr kompliziert in der Abrechnung", heißt es von beiden zur Begründung. Bleibt also nur, den Betreuungsschlüssel weiter zu senken. Wobei die Ministerin erklärt, dass Sachsen zwar mit 1 zu 12 noch immer ein Schlusslicht in vergleichenden Statistiken sei, aber dass zur Wahrheit auch gehöre: "... dass in Sachsen der Schlüssel nur das pädagogische Fachpersonal einschließt. In anderen Bundesländern steckt da das technische Personal drin."

An den meisten sächsischen Kindereinrichtung von Krippe und Kindergarten gibt es keine Schließzeiten oder Schließtage. "In anderen Bundesländern ist dies üblich, gerade für Fortbildungen", so die Ministerin. Komplett drei Wochen Urlaubsruhe einer Einrichtung im Sommer, das sei hierzulande nicht vorstellbar. Und das soll auch so bleiben, da der Trend zeige, dass beide Elternteile arbeiten und sich trotz Kindern verwirklichen wollten.

Die Erzieher sind sich einig: Die Ansprüche an die Kitas sind stark gestiegen. Allein die Elternarbeit nimmt heute einen anderen Stellenwert ein. Hinzu kommen die Kinder von Asylbewerbern. "Schulen bekommen dafür Hilfen, wir nicht. Aber wir bereiten die Kinder auf den Schulstart vor, vermitteln Sprache, alles zusätzlich", sagt eine Kindergartenleiterin aus Glauchau. Auch hierbei seien oft nicht die Kinder das Problem, sondern die Sprachbarriere zu den Eltern.

Lösungen für all diese Sorgen hat die Ministerin ad hoc nicht parat. Aber die Fülle der angesprochenen Probleme an den Kitas hat sie sichtlich überrascht und habe ihr gezeigt, dass der Handlungsbedarf in Sachen frühkindliche Bildung hoch ist. Die geplanten 600 Millionen Euro für diesen Bereich im Doppelhaushalt 2017/18 seien wohl zu knapp bemessen, um die Qualität zu sichern.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    0
    Pixelghost
    09.09.2016

    "Der Forderung vieler Erzieher, wenigstens eine Vor- und Nachbereitungszeit von pauschal 2 oder 2,5 Stunden im Gesetz festzuschreiben, erteilen Kurth und Krauß gleichlautend eine Abfuhr. "Das hatten wir schon mal. Das bringt nichts und ist sehr kompliziert in der Abrechnung", heißt es von beiden zur Begründung."

    40 Stunden pro Woche - also ein normaler 8-Stunden-Tag und nicht 6, 5 oder 4 Stunden - für jede Erzieherin würde die Abrechnung sehr vereinfachen. Dann wären die Vor- und Nachbereitung schon drin!!!

    Aber es geht wieder nur um's Geld.



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