Kriegerdenkmal findet ruhmloses Ende

Genau 100 Jahre ist es her, dass der Turnverein Jahn in Aue-Zelle ein Ehrenmal einweihte. Gewidmet war es 28 im Ersten Weltkrieg gefallenen Turnfreunden. In den 1960er-Jahren passte es nicht mehr in die Zeit.

Aue.

Turnlehrer Lange war es vorbehalten, am 17. Oktober 1920 - also auf den Tag genau vor 100 Jahren - das Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder des Auer Turnvereins Jahn seiner Bestimmung zu übergeben. Errichtet wurde das Monument "in schlichter und würdiger Ausgestaltung in den Parkanlagen an der Mehnert- und Gabelsbergerstraße", wie das Auer Tageblatt damals schrieb. Das Denkmal aus behauenen Granitsteinen stand auf einer quadratischen Platte, war etwa zwei Meter hoch, hatte eine Widmungsinschrift und trug die Namen von 28 Turnfreunden, die im Krieg ihr Leben lassen mussten.

Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, wie schnell der Verein die Mittel für so ein Ehrenmal zusammenbekam, selbst wenn es verhältnismäßig kleine Ausmaße hatte. Seit dem Ende des Weltkriegs waren bei der Weihe noch keine zwei Jahre vergangen. Zum Vergleich: Das Ehrenkreuz auf dem städtischen Friedhof für die im Weltkrieg gefallenen Auer aus der St.-Nicolai-Kirchgemeinde wurde am 10. Oktober 1926 eingeweiht. Die Kirchgemeinde von Aue-Zelle setzte ihren gefallenen Gemeindemitgliedern 1927 in der Friedenskirche ein Ehrenmal. Das von einem Verein initiierte Kriegerdenkmal für alle Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurde auf dem Lutherplatz unterhalb des Pfarrhauses der St.-Nicolai-Gemeinde sogar erst am 31. Oktober 1931 - fast 13 Jahre nach Kriegsende - eingeweiht.

Das vom TV Jahn in Auftrag gegebene Ehrenmal gab's da schon seit elf Jahren. Zum feierlichen Enthüllen waren an jenem Sonntagnachmittag viele Einwohner von Aue-Zelle erschienen, vor allem Angehörige gefallener Turnfreunde. Im Tageblatt war einen Tag später zwar nichts über die Kosten des Gedenksteins und die ausführende Firma zu lesen, über die Zeremonie hingegen schon: "Die Auer Orchestervereinigung und die Gesangsabteilung des Turnvereins Jahn verschönten die Feier durch weihevolle Musik- und Gesangsvorträge. Vereine und Korporationen legten Kränze nieder, die Kirche ließ die Glocken läuten." Eine Stunde vor der Weihe traf man sich am Vereinslokal "Feldschlösschen". Als Bekleidung war "der ernsten Feier entsprechend" erbeten: Turn-, dunkler oder schwarzer Anzug, hoher Hut, weiße Handschuhe.

In seiner patriotischen Rede hatte Turnlehrer Lange das Ehrenmal als "Erinnerung und Dank an die gefallenen Helden" bezeichnet, zugleich als "Mahnung zu treuer Mitarbeit an der Wiederaufrichtung unseres darniederliegenden Vaterlandes". Was die folgenden Jahrzehnte bringen sollten, bis zum verheerenden Zweiten Weltkrieg und dessen gravierenden Folgen gerade auch für Deutschland, ahnte freilich kein Teilnehmer der damaligen Weihefeier.

Dem Denkmal in der Parkanlage war kein ewiges Leben beschieden. Es überstand Weimarer Republik, Drittes Reich, Nachkriegszeit und die ersten Jahre der DDR. Doch dort passte es nicht mehr ins offizielle Geschichtsbild, in dem die Soldaten des Kaiserreichs keine Helden waren. Die Inschriften auf dem Stein wurden unleserlich - ob absichtlich beseitigt oder durch die Witterung bedingt, ist nicht nachweisbar. Laut Stadtchronist Heinz Poller stand das Denkmal bis etwa 1965/66: "Nach Auskunft von Anwohnern wurde es im Zuge des Nationalen Aufbauwerks abgerissen. Böse Zungen behaupteten, der Verantwortliche für NAW-Vorhaben im Wohngebiet habe die Granitsteine im Fundament seines Bungalows verarbeitet." In einem Sitzungsprotokoll des Rates der Stadt aus jener Zeit fand Poller den Hinweis, dass in jenem Parkgelände ein Thälmann-Ehrenhain entstehen sollte. Beim Umgestalten der Grünanlagen zum Spielplatz wurde der Denkmal-Torso abgetragen. Längst ist Gras über das Ganze gewachsen.

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