Kunsthandwerk verzeichnet Aufschwung

Nach schwierigen Jahren, in denen die Zukunft der Branche infrage gestanden hat, wächst das Interesse an den Traditionsberufen wieder.

Aue/Schwarzenberg.

Über 19 neue Lehrlinge kann sich der Verband erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller im begonnenen Ausbildungsjahr freuen. Darunter sind erstmals wieder fünf angehende Drechsler - "so viele, wie lange nicht", konstatiert Geschäftsführer Frederic Günther. Der Verband begleitet seit 1995 die Ausbildung für die traditionsreichen Holzberufe in der Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule in Seiffen - der einzigen Ausbildungsstätte ihrer Art in Deutschland.

Zu den neuen Lehrlingen gesellen sich sieben im zweiten Lehrjahr sowie zwölf im dritten. Der Großteil nutzt die Verbundausbildung von Schule und Betrieb. Manche werden auch direkt von ihren Unternehmen ausgebildet. Günther wünscht sich, dass es noch mehr Firmen werden. Die Ausbildung sei überlebenswichtig für die Branche.

Ein Beispiel: das Reifendrehen. Eine Technik, die nicht Bestandteil der Verbundausbildung ist und deren Kenntnisse nur noch von wenigen Firmen vermittelt werden. Insgesamt gehören laut Geschäftsführer 57 Mitgliedsbetriebe im Erzgebirge zum Verband. Mindestens doppelt so viele Unternehmen sind in der Branche beschäftigt. Im Vorjahr seien von ihnen mehr als 80 Millionen Euro erwirtschaftet worden.

Die Sorge um den Erhalt kleinerer Branchen wie die der Kunsthandwerker treibt auch Steffen Böttcher um, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Erzgebirge. "Wie weit wird über Generationen erworbenes Wissen überhaupt noch weitergegeben?", fragt er. Die Bereitschaft zur Ausbildung im Handwerk gehe zurück - auch weil der "Kampf um Köpfe" von Klein- und Kleinstunternehmen kaum noch zu gewinnen sei. In dem Zusammenhang sieht er die erst jüngst im Bundestag beschlossene Ausbildungsvergütung kritisch. Die mache diesen Kampf gerade für kleine Betriebe schwerer. Noch seien die Veränderungen in den Zahlen marginal: 469neuen Ausbildungsverhältnissen von 2018 stehen in diesem Jahr im Erzgebirgskreis 457 gegenüber, 161 ausbildende Betriebe im Vorjahr 159 in diesem Jahr. Deutlicher zeichnet sich der Trend in der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Chemnitz ab: Dort stehen für 2019 noch 735 freie Lehrstellen in 89 Ausbildungsberufen zu Buche. 2018 waren es 376 Lehrstellen in 74Berufen.

Einen anderen Trend verzeichnet Jana Dost von der Industrie- und Handelskammer. Die Geschäftsführerin der Regionalkammer Erzgebirge sagt: "Es gibt mehr Unternehmen, die ausbilden, aber weniger neue Ausbildungsverträge." Die Anzahl der Ausbildungsbetriebe hat sich nach der neusten Statistik im Erzgebirge zwar um 14 erhöht, die Anzahl der Verträge aber um 66 verringert. Davon betroffen seien vor allem der Bereich Hotel und Gaststätten sowie die Metalltechnik. Insbesondere in der Metallbranche sind das ihrer Einschätzung nach Reaktionen auf den begonnenen Strukturwandel.

Von den insgesamt 1724 bei der Arbeitsagentur Erzgebirge gemeldeten Bewerbern seien gegenwärtig nur noch zwölf ohne Ausbildungsvertrag, sagt Agenturchef Nino Sciretta. Ähnlich stellt sich die Situation bei freien Stellen dar. Dort sind momentan nur noch 121 nicht besetzt. Im zurückliegenden Jahr sind es noch 227 gewesen. Für Sciretta auch ein Zeichen, dass die neuen Beratungsformate erfolgreich sind und dass sich das Bemühen der regionalen Fachkräfteallianz auszahle.

Auch dem Kunsthandwerk in der Region zollt er Respekt. Nicht nur, dass von den deutschlandweit insgesamt 833 Beschäftigten der Branche 286 im Erzgebirge arbeiten. Auch von den insgesamt 55 Lehrlingen würden etwa 60 Prozent in der Region ausgebildet. "Das ist ein beachtlicher Beitrag zum Erhalt der Branche", konstatiert der Agenturchef.

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