Kunstrasen-Debatte: Das droht Vereinen und Kommunen wirklich

Ein EU-Verbot hätte auch im Erzgebirge teure Konsequenzen - "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen

Aue/Schwarzenberg.

Die EU-Kommission denkt über ein Verbot von Granulat auf Kunstrasenplätzen nach. Auch im Erzgebirge wären Dutzende Fußballvereine und Kommunen betroffen. Mehrkosten drohen. Entsprechend groß sind Verunsicherung und Unverständnis. Zwischen Panikmache und realen Auswirkungen: "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen.

Worauf genau zielt ein mög liches Verbot?


Nicht der Kunstrasenbelag, sondern das Gummigranulat soll verboten werden. Es dient auf den meisten Kunstrasenplätzen als Füllmaterial, liegt neben Sand tonnenweise zwischen den Plastikhalmen des Rasenteppichs. Die Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von unter fünf Millimetern fallen unter Mikroplastik, das die EU-Kommission aus Umweltschutzgründen verringern will. Daher droht ein Verbot.

Wer ist im Erzgebirge von einem Verbot betroffen?

Aktuell gibt es 32 Kunstrasenplätze im Erzgebirge - 14 im Raum Aue-Schwarzenberg, 10 in der Region Stollberg, 5 im Altkreis Annaberg und 3 im mittleren Erzgebirge. Noch in diesem Monat wird in Auerbach eine weitere solche Anlage eingeweiht. Bei 99 Vereinen im Spielbetrieb nutzt quasi jeder dritte Club das Plastikgrün, erklärt Jens Breidel, Geschäftsführer des Fußball-Kreisverbands Erzgebirge. Betroffen sind neben den Vereinen vor allem die Kommunen - mit einigen wenigen Ausnahmen stets Eigentümer der örtlichen Sportanlagen. Erst im vergangenen Jahr wurde in Schönheide ein Kunstrasenplatz eingeweiht, Kostenpunkt: 213.000 Euro. Die Fußballer haben lange für den neuen Belag gekämpft, denn auf dem nahe am Wald gelegenen Platz bleibt der Schnee im Frühjahr lange liegen, und wenn es taute, dauerte es früher sehr lange, bis die Fläche so abgetrocknet war, dass sie wieder bespielt werden konnte.

Wie reagieren die Stadt- und Gemeindeverwaltungen?

In Aue-Bad Schlema ist die Stadtverwaltung dabei, mit Fördermitteln neue Kunstrasenplätze zu bauen, etwa für den SV Auerhammer. "Für uns wäre es deshalb unvorstellbar, wenn das Verbot so durchgeht", sagt Kristina Ebert aus der Pressestelle. "Es bräuchte zumindest eine Art Übergangszeit oder einen Bestandsschutz, auch für solche Anlagen, die sich im Bau befinden." Zudem werde in der Umweltschutzdebatte die Bewässerung von Rasenplätzen in den vermehrt trockenen Sommern im Gegenzug gar nicht betrachtet. Sylvia Mack, die Hauptamtsleiterin der Stadt Schwarzenberg, meint: "Anhand der bisherigen Informationen könnte ein Verbot des Granulats im Jahr 2021 wirksam werden. Sofern eine Austauschpflicht festgesetzt wird, werden wir die Kosten der Maßnahme ermitteln und in die Planung des Haushalts 2021/22 aufnehmen. Dieser Doppelhaushalt wird Ende 2020 aufgestellt, sodass aktuell kein Handlungsbedarf besteht."

Was sagen der Verband und die Vereine?

Verunsicherung herrscht auch unter den Fußballern. Der SV Neudorf hat gerade erst seinen neuen Kunstrasen eingeweiht. Für 300.000 Euro wurde der 18 Jahre alte Belag ausgetauscht. "Man muss sich die Auswirkungen eines Verbots vor Augen halten: Es bleibt alles am Verein und an der Kommune hängen", sagt der stellvertretende Abteilungsleiter Jens Benedict. "Bei der EU war sich wohl niemand der Tragweite bewusst. Ein sofortiges Verbot wäre eine Katastrophe", ergänzt Jens Breidel. Der Verband wäre dafür zuständig, neue Richtlinien durchzusetzen. Breidel befürchtet aber nicht, dass in absehbarer Zeit Plätze gesperrt werden müssen.

Ab wann könnte ein Verbot in Kraft treten?

Noch ist keine endgültige Entscheidung getroffen, erklärt Tobias Müller, Sprecher von Polytan. Das Unternehmen gilt als einer der führenden Kunstrasensystemhersteller. Über ein Verbot von Granulat soll im EU-Ausschuss erst nächstes Jahr abgestimmt werden. Eine Verordnung tritt damit frühestens 2021 in Kraft.

Bedeutet das danach das Aus für Kunstrasenplätze?

"Wir müssen Übergangsfristen schaffen", fordert Jens Breidel. Auch André Heinrich spricht sich dafür aus. Vereine wie der SV Neudorf hoffen zudem auf Bestandsschutz, sagt Jens Benedict. Tatsächlich wird beides geprüft. Zudem, betont Polytan-Sprecher Müller, ist nicht geplant, bestehende Plätze zu verbieten.

Was passiert stattdessen?

Vielmehr müsste das Füllmaterial ausgetauscht werden. "Dazu wird das Granulat ausgebürstet oder abgesaugt", erklärt Müller.

Welche Alternativen zu Granulat gibt es?

Drei Varianten: eine Mischung aus Sand und Kork, eine reine Sand- Lösung und ein unverfüllter Kunstrasen. "Aber keine davon ist eine echte Alternative zu Granulat", sagt Müller. Kork sei zu leicht, nutzt sich schneller ab und muss öfter nach gefüllt werden. Zudem kritisiert Kris tina Ebert aus der Stadtverwaltung Aue-Bad Schlema: "Kork quillt bei Nässe. Aus unserer Sicht gibt es deshalb noch keine richtige Alternative." Bei der reinen Sand-Lösung sei das Verletzungsrisiko höher, ergänzt Müller. Der Platz ohne Füllmaterial hingegen müsste bei Hitze bewässert werden.

Was kostet eine Umrüstung?

Polytan-Sprecher Müller rechnet mit etwa 75.000 Euro. Marienbergs Oberbürgermeister André Heinrich fordert daher finanzielle Unterstützung: "Die Bereitschaft zur Umstellung auf umweltschonendere Stoffe wird keinesfalls infrage gestellt, aber es geht um angemessene, notwendige Finanzhilfen." Vereine und Kommunen dürften mit dem Problem nicht allein gelassen werden.

Gibt es bereits Konsequenzen?

Der Freistaat schiebt neuen Plätzen mit Granulat bereits einen Riegel vor. Vorm Hintergrund des drohenden Verbots sei entschieden worden, Kunstrasenplätze mit Gummigranulat durch die Sächsische Aufbaubank nicht mehr zu fördern, bestätigt Patricia Vernhold, Sprecherin des Innenministeriums. Zudem müssten aktuelle Anträge von Kommunen überarbeitet und Granulat durch anderes Füllmaterial ersetzt werden. rickh/juef/ike

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