Mordverdächtiger beteuert: Wir sind Freunde gewesen

Einer der Angeklagten im Mordfall Christopher W. sagt, er könne sich nicht mehr erinnern, was er im Tatzeitraum gemacht hat. Die anderen beiden schweigen sich vorerst aus.

Aue/Chemnitz.

Auf dem Postplatz in Aue ist Alkohol seit Jahren verboten. Das Ordnungsamt der Stadt überwacht die Einhaltung dieser Bestimmung mit Kontrollen. Glaubt man Terenc H. (26), einem der Angeklagten im Mordfall Christopher W., sind die Bemühungen der Ordnungshüter nicht sonderlich fruchtbar. Mit seinen Kumpels traf er sich fast täglich auf dem Postplatz zum Trinken, so auch am 17. April dieses Jahres. Das Gelage war gewissermaßen das Vorspiel zu den blutigen Ereignissen, die sich in den nächsten Stunden abgespielt haben.

Terenc H. hatte zwei große Flaschen Pfefferminzlikör, zehn Flaschen Bier und "eine Dose vom Tschechen" mitgebracht. Christopher W. (27) war mit seinem eigenen Flaschenarsenal gekommen. "Wir haben getrunken", sagte Terenc H. gestern zum Auftakt des Mordprozesses am Landgericht Chemnitz. "Christopher ist gegangen, ich habe weitergetrunken. Dann weiß ich nichts mehr." Ein paar Stunden später war Christopher W. tot.

Laut Anklage haben die Täter das Mordkomplott auf dem Postplatz geschmiedet. Terenc H. habe Stephan H. (22) und Jens H. (22) getroffen und gesagt, er wolle Christopher W. töten, sagte Staatsanwalt Stephan Butzkies. "Sie waren einverstanden." Das Motiv soll gewesen sein, dass Christopher W. angeblich Lügen über die anderen verbreitet hatte. Außerdem habe sich Stephan H. an dessen Homosexualität gestört.

Stephan H. und Jens H. haben dazu am ersten Prozesstag nichts gesagt. Sie schweigen vorerst. Ihre Verteidiger kündigten an, sie würden sich zu gegebener Zeit äußern.

Terenc H. sagte aus, behauptete aber, keine Erinnerungen an den Tatzeitraum zu haben. Sein Erinnerungsvermögen setze erst 21 Uhr wieder ein, als er sich auf die Suche nach Christopher W. machte. Er fand die Leiche am Boden einer 1,80 Meter tiefen Betongrube in einem der abrissreifen Gebäude auf dem alten Auer Güterbahnhof. Auch das war ein Ort, an dem sich die jungen Männer des Öfteren zum Trinken und Quatschen getroffen hatten.

Terenc H. meldete den grausigen Fund der Polizei, geriet aber bald selbst unter Verdacht. Auf seiner Facebookseite sind bis heute Postings zu lesen, mit denen er kundtat, um seinen toten Freund zu trauern. Viele Nutzer beschimpften Terenc H. daraufhin als verlogen.

Sein Verteidiger Uwe Lang verlas im Gericht eine Erklärung: "Herr H. hat keine Erinnerung daran, am Tatort gewesen zu sein. Er kann sich nicht vorstellen, so brutal gegen Christopher W. vorgegangen zu sein. Sie waren gut befreundet. Herr H. hatte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, Herrn W. zu schädigen. Er hat nicht geäußert, ihn zu töten."

Bei einem früheren Vorfall hatte Stephan H. in den Arm von Christopher W. geschnitten. Terenc H. hatte ihn mit einer Bierflasche die Nase gebrochen. Trotzdem beteuerte Terenc H. gestern: "Wir sind Freunde gewesen. Auch danach noch."

Laut Anklageschrift sind die Täter mit enormer Brutalität vorgegangen. Sie schlugen W. mit Fäusten und einem Aluminiumteil, traten ihn mit Füßen, stachen ihm eine Lampenröhre ins Gesicht und warfen ihn in die Betongrube. Dann holten sie ihn wieder heraus, um eine herbeigeschleppte Tür auf seinen Kopf zu schlagen. Auch schlugen sie seinen Kopf auf die Betonkante der Grube. "Christopher W. starb an einer Hirnstammprellung, Hirnschäden und offenen Brüchen des Gesichts", sagte Staatsanwalt Butzkies.

Nach der Bluttat machte ein Handyfoto die Runde, das die Leiche in der Grube zeigt. Terenc H. gab gestern zu, dass er dieses Bild nach dem Fund des Toten aufgenommen hat, noch bevor er den Notruf absetzte.

"Warum?", fragte Butzkies.

"Aus Reaktion."

"Warum erst das Foto?"

"Weiß ich nicht."

"Aber an das Bier, den Pfeffi und die Dose vom Tschechen erinnern sie sich", sagte der Staatsanwalt. "Alkoholmäßig haben Sie alles im Kopf, aber der Rest ist in einer dunklen Wolke. Ist das klug?" Der Prozess wird am 14. Dezember fortgesetzt.

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