Norweger zog's nach Johanngeorgenstadt

Vogel-Perspektiven: Auf über 6000 Ansichtskarten hat der Schwarzenberger Verlag Vogel von 1898 bis etwa 1955 Gebäude und Landschaft dokumentiert. Vieles ist längst Nostalgie, anderes fast unverändert. Heute: die einst größte Schanze Deutschlands.

Johanngeorgenstadt.

13.000 Zuschauer bei einem Wintersportwettkampf in Johanngeorgenstadt? Ja, die Zahl gab's wirklich einmal. Das ist zwar jetzt schon gut 88 Jahre her, aber der Anlass ist unvergessen. Damals, in der ersten Januarwoche 1929, wurde im Lehmergrund die seinerzeit größte Skisprungschanze Deutschlands eingeweiht. Die Anlage erhielt, wie ein Vorgängerbau in der Nähe des Bahnhofs, den Namen von Hans Heinz. So ehrten die Bergstädter - allen voran aus familiären Gründen der Hauptsponsor dieses Neubaus, Fabrikant Guido Heinz - ein im Ersten Weltkrieg gefallenes Mitglied des 1908 gegründeten örtlichen Wintersportvereins.

Wera, die Schwester von Hans, verlas den von Schuldirektor Robert Jahn geschriebenen Weihespruch. Den Weihesprung auf der neuen Hans-Heinz-Schanze durfte vor der riesigen Kulisse der einheimische Alfred Czermak ausführen. Als Sieger und erster Rekordhalter ging Erich Recknagel in die Geschichtsbücher ein. Der Thüringer wurde von den begeisterten Massen, die in den Lehmergrund gepilgert waren, für einen 62-Meter-Satz bejubelt.

Die Schanzenweihe hatte international für Schlagzeilen gesorgt. Fortan warb die Stadt auch mit der Großschanze um Besucher. Die in der Region ansässigen Verleger von Ansichtskarten, selbst Arthur Vogel aus Schwarzenberg, schlugen mit in diese Kerbe. Führende Skispringer aus mehreren Ländern kamen nach Johanngeorgenstadt, um auf der Hans-Heinz-Schanze zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten. Erst recht, nachdem der Norweger Sigmund Ruud den Weitenrekord 1930 auf sagenhafte 70 Meter verbessert hatte. Das war nicht das Ende der Fahnenstange: 1933 schraubte mit Sigmunds Bruder Birger ein weiterer Norweger den Rekord auf bis dahin für unmöglich gehaltene 76,5 Meter. Erst fünf Jahre später entthronte der Johanngeorgenstädter Paul Kraus die Skandinavier: Nach seinem Supersprung zeigten die Weitenmesser sage und schreibe 77 Meter an.

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Skisport in Johanngeorgenstadt eine Katastrophe: Viele Aktive, darunter Paul Kraus, verloren als Soldat ihr Leben. Und Sportanlagen wie die Großschanze blieben Jahre ungenutzt. Die Instandhaltung fehlte, was zum Verfall insbesondere der hölzernen Teile führte. Erst 1950/51 wurde der Bakken auch dank der SDAG Wismut wieder sprungfähig gemacht - und in Glück-Auf-Schanze umbenannt. Ein langes Leben hatte sie nicht mehr. Im März 1956 brach das Anlaufgerüst zusammen.

Als am 1. Januar 1962 an selber Stelle der Nachfolgerbau, die Erzgebirgsschanze, in Betrieb ging, gab es eine schöne Geste: Weihespringer war der Johanngeorgenstädter Herbert Queck, der 1953 mit 80 Metern den letzten Rekord auf der Glück-Auf-Schanze aufgestellt hatte.

Auf der "Erz", wie die Sportler den Neubau nannten, waren etwas größere Weiten möglich. Michael Uhrmann kam 1996 auf 86 Meter. Seit 2000 wird die Schanze nicht mehr genutzt. Den letzten internationalen Wettkampf sah sie vor 20 Jahren, am 8. Januar 1997, in der B-Weltcup-Serie der Nordisch Kombinierten. Ein Ex-Johann'städter wurde damals Zweiter: Thomas Abratis. Dessen Vater Wolfgang war lange Übungsleiter und Kampfrichter im WSV 08.

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