Pflegekosten steigen weiter

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Wer ab 1. September 2022 einen Pflegeplatz beansprucht, muss tiefer in die Tasche greifen. Tarifgerechte Bezahlung ist nur ein Grund dafür. Mit steigender Verweildauer soll es für Bewohner jedoch günstiger werden.

Erzgebirge.

Bis zu 3000 Euro Eigenanteil vom Bewohner für einen Pflegeheimplatz - das ist auch im Erzgebirge ab 1. September keine Seltenheit mehr. Um mehrere hundert Euro steigen die Beiträge. Einer der Gründe für diese Kostenexplosion ist das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG), das der Bundestag im Juni 2022 beschlossen hat. Denn in diesem wird unter anderem ab September eine tarifangepasste Bezahlung der Pflegekräfte gefordert. Ein definierter Personalschlüssel soll ab Juli 2023 dazu führen, dass mehr Personal eingestellt wird.

Die Bewohner fragen: Wer kann sich das noch leisten und reicht die Rente überhaupt? Das Gros Rentner im Erzgebirge bezieht längst keine üppige Rente mehr wie vielleicht noch vor einigen Jahren Wismutrentner oder deren Witwen. Wegen Arbeitslosigkeit gebrochene Erwerbsbiografien nach der Wende sind Rentenansprüche geschmälert. Dennoch muss niemand Angst haben, keinen Heimplatz zu erhalten. Bei wem die Rente für den Eigenanteil nicht reicht, der kann Hilfe vom Staat beantragen. Das Sozialamt beteiligt sich jedoch nur dann an den Kosten, wenn die zu pflegende Person oder deren Ehe- oder Lebenspartner nicht ausreichend Einkommen oder Vermögen besitzt. Ein Schonvermögen von 5000 Euro wird jedem zugestanden. Alle anderen Vermögenswerte wie Immobilien oder Spareinlagen müssen erst aufgebraucht werden. Kinder werden seit 2020 nicht mehr zur Kasse gebeten, es sei denn, ihr Jahresbruttoeinkommen übersteigt 100.000 Euro. Schon heute, bei aktuellen Eigenanteilen im Durchschnitt von um die 2000 Euro, sind zwischen 15 und 25 Prozent der Pflegeheimbewohner auf Zuschüsse angewiesen. Das bestätigen mehrere Leiter von Alten- und Pflege- heimen. Im Erzgebirgskreis beziehen 733 Heimbewohner über 67 Jahre Sozialleistung (Stand 30. Juni 2022). Leistungsberechtigte bis zur Vollendung des 67. Lebensjahres erhalten Zuschüsse vom überörtlichen Sozialhilfeträger, dem Kommunalen Sozialverband Sachsen, teilt das Landratsamt mit.

Das Gesetz regelt: "Um Pflegebedürftige vor Überforderung durch steigende Pflegekosten zu schützen, zahlt die Pflegeversicherung bei der Versorgung im Pflegeheim seit Jahresbeginn neben dem nach Pflegegrad differenzierten Leistungs- betrag einen Zuschlag." Dieser steigt mit der Verweildauer im Heim. Die beträgt durchschnittlich fünf Jahre. Im ersten Jahr trägt die Pflegekasse 5 Prozent des pflegebedingten Eigenanteils, ab 2. Jahr 25 Prozent, ab 3. Jahr 45 Prozent, danach 70 Prozent. Das betrifft aber nur die Pflegekosten, nicht die vielen anderen Posten, die auf der monatlichen Abrechnung stehen. Pflegezeiten in vollstationärer Pflege vor Inkrafttreten des Gesetzes werden angerechnet.

Hinzu kommen: höhere Energiekosten, inflationsbedingt steigende Verpflegungs- und Investitionskosten. In der ambulanten Pflege werden laut Gesetz die Sachleistungsbeträge um 5 Prozent erhöht bezuschusst. Dies gleiche nicht einmal die gestiegenen Spritpreise aus, betonten Betreiber ambulanter Dienste. Auch dort steigen die Löhne, ebenso in den Tagespflegen. Bislang haben die meisten Pflegebedürftigen nur eine Information über die weitere Kostenerhöhung erhalten. Denn noch laufen die Kostensatzverhandlungen zwischen den Heimen und den Kassen. Die Neuberechnungen werden folgen. "Wer bis September nicht neu verhandelt hat, muss dennoch die erhöhten Löhne zahlen", sagt Michael Eisenberg, Geschäftsführer des Alterswohnsitzes Gut Förstel, der zur gemeinnützigen Schwabeschen Heimstättenbetriebsgesellschaft gehört. Zudem ist Eisenberg Vorstandsmitglied im Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Der Verband ist mit mehr als 13.000 Mitgliedseinrichtungen die größte Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienstleistungen. "Wer die geforderten Löhne nicht zahlt, verliert seinen Versorgungsvertrag mit den Kassen", so Eisenberg. Aktuell verdient eine ausgebildete Pflegefachkraft in seinem Haus pro Stunde mindestens 15,40 Euro brutto - ohne Zulagen - ab September im Durchschnitt 20,59 Euro.

Für jene Einrichtungen der Pflege, die noch keine tarifgebundenen Löhne zahlen (nur 13 Prozent der Einrichtungen in Sachsen sind bislang tarifgebunden), bedeute das, sich einem Tarifvertrag zu unterwerfen oder sich an Durchschnittsgehältern zu orientieren. Nicht zu vergessen seien die Löhne für technisches Personal, Leitungskräfte sowie Hilfskräfte. Auch deren Löhne werden steigen müssen, schon wegen des Betriebsklimas, so Eisenberg.

Die Träger von Pflegeheimen, die bereits tarifgebunden bezahlen wie die Diakonie Erzgebirge, müssen auch erhöhen. In deren 11 Heimen der teil- und vollstationären Altenpflege werden 710 Bewohner betreut. Hinzu kommen 840 Menschen, die ambulant versorgt werden, und 50 Gäste der Tagespflege. 850 Pflegekräfte sind im Einsatz. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir die Gehälter unseres Personals schrittweise um 18 Prozent erhöht", sagt Ruben Meyer, Vorstand der Diakonie Erzgebirge. Er beziffert das aktuelle Bruttogehalt einer Pflegefachkraft in Vollzeit mit zwei Jahren Berufserfahrung (ohne Nachtschicht- oder Feiertagszuschläge) auf 3100 Euro brutto, plus Jahressonderzahlungen. Allerdings würden die meisten Pflegekräfte in Teilzeit arbeiten. Laut Statistik von 2017 sind in Sachsen 72 Prozent aller Pflegekräfte in Teilzeit tätig. Entsprechend mehr Personal wird benötigt.

"Aus unserer Sicht ist es dringend notwendig, politisch etwas gegen die drastisch steigenden Eigen- anteile zu unternehmen, zum Beispiel durch höhere Sachleistungsbeträge der Pflegekassen Jede Preissteigerung geht zu Lasten der Bewohner", sagt Dominique Grzegorek von der Geschäftsleitung des Wohn- und Pflegezentrums in Annaberg-Buchholz, einer kommunalen Einrichtung und gGmbH. 242 Bewohner werden hier stationär für einen monatlichen Eigenanteil von 2200 Euro versorgt, die nötige Anpassung erfolgte hier bereits Anfang 2022.

Die Anerkennung des Berufsbildes sei keineswegs nur übers Geld regulierbar, betont Ruben Meyer. Vom Personal käme immer wieder der Hinweis, dass den Pflegekräften die Freizeit zur Erholung, die eigene Gesundheit und eine verlässliche Dienstplanung weit wichtiger wären. Laut Gesetz wird ab Juli 2023 ein verbindlicher Personalschlüssel geregelt. Um diesen gewährleisten zu können, brauche es dringend mehr Personal. Das zu finden, sei äußerst schwierig. Für die derzeit 17 offenen Stellen - allein bei der Diakonie - gebe es kaum Bewerber. Das Problem bestätigen alle Träger.

Die Pandemie hat massive Spuren im Pflegebereich hinterlassen. Speziell die einrichtungsbezogene Impfpflicht sei ein Grund, weshalb viele Mitarbeiter ihrem Arbeitsplatz den Rücken gekehrt haben oder sich als "Prügelknabe" im System sehen. Auch die effektivste Form der Gewinnung von Berufsnachwuchs sei durch die Pandemie ausgebremst worden: "Wir durften weder Schülerpraktikanten noch Freiwilligendienste in die Einrichtung lassen. Denn auch für sie gilt damit die Impfpflicht", so Eisenberg. Dass diese mit Jahresende ausläuft und nicht verlängert werden möge, dazu hat die Diakonie Erzgebirge jetzt ein Schreiben verfasst, in dem sie die Bundestagsabgeordneten der Region auf die fatalen Folgen hinweist, so Meyer.

Die Pflegefachkräfte sagen: "Wir machen uns große Sorgen, wie es nach der Preissteigerung für unsere Gäste weitergehen soll, natürlich auch über unsere Zukunft. Wir sind eigentlich zufrieden mit unserer Gehaltsabrechnung. Außerdem sind wir dankbar, in einem Bereich der Pflege tätig zu werden, der sich mit der eingeschränkten Flexibilität durch Kinder, alleinerziehend oder mit Ehepartner im Schichtdienst vereinbaren lässt", betonen beispielsweise Anja Butter und Kerstin Helmrich, die in der Tagespflege arbeiten. Mit Blick auf die Impfpflicht fügen sie hinzu: "Wir sind aber auch der Meinung, dass keine Pflegekraft ein Bußgeld bezahlen sollte, um den Beruf weiter gut und mit Herz auszuüben." Dieses "Freikaufen", wie sie es nennen, ändere nichts am Impfstatus, sondern werde als Schikane empfunden. "Ich arbeite seit 19 Jahren in der Pflege, im selben Unternehmen. In dieser Zeit hat sich nicht nur gehaltsmäßig eine Menge getan. Auch wenn sich jeder über mehr Geld freut, sind es doch die Kleinigkeiten, die für mich Ausdruck der Wertschätzung sind, wie Tankgutscheine, gesundheitsfördernde Angebote oder das Betriebsklima", meint Kristin Neubert. Was anfangs gut klang - Pflegekräfte besser zu entlohnen -, habe sich als eine Einbahnstraße herausgestellt. Denn finanziert werde dies zum Großteil durch die Pflegebedürftigen selbst. "Mir persönlich bereitet die derzeitige Entwicklung große Sorgen", betont sie, weil sie es mit Blick auf die eigenen Eltern und Schwiegereltern kritisch sieht und bezweifelt, ob die sich später Pflege überhaupt noch leisten können.

Die Politik wollte eine Entlastung der Bewohner erreichen. Einer, der das Gesetz miterarbeitet hat, ist der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß. Der Erzgebirger weiß um die Situation in der Pflege. Er kennt die Zahlen der Pflegebedürftigkeit im Erzgebirge. Er sagt: "Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es das richtige Instrument ist, mit dem wir die, die längere Zeit gepflegt werden müssen, entlasten." Allerdings sei das Entlastungsvolumen mit zwei Milliarden Euro zu gering. Es hätte aus seiner Sicht fünf Milliarden bedurft. Dennoch sieht er die Neuregelung als Einstieg in einen Prozess. Die tarifgerechte Bezahlung sei ein starkes Signal für die Anerkennung der Pflege, sagt Krauß, der heute als Leiter der Landesvertretung der Techniker-Krankenkasse tätig ist.


Kommentar: Im Alter zum Amt?

Dass Pflegekräfte für ihre wertvolle Arbeit gut entlohnt werden, darin sind sich alle einig. Ebenso darin, dass Pflege hohe Anerkennung verdient. Doch das geht nicht nur übers Gehalt. Vielmehr sollte man auch Pflegekräften zubilligen, selbst zu entscheiden, was Impfschutz bedeutet.

Pflege ist wertvoll und kostbar. Dennoch haben viele ältere Menschen gar keine andere Wahl, als ins Heim zu gehen. Sie leben allein, die Kinder sind weg. Ist die Rente klein, bleibt nur der Umweg übers Amt.

Der Blick auf die monatliche Abrechnung für einen Heimplatz ernüchtert: Gezahlt wird nicht nur für Pflege, Essen und Unterkunft. Nein, auch für Investitionen am Objekt und für die Ausbildung des Berufsnachwuchses muss der Bewohner löhnen. Er bezahlt für angehende Pflegekräfte, die ihm vielleicht nie unter die Arme greifen. Sollte diese Kosten nicht der Staat tragen?

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.