"Preisdruck ist Ursache für Mangel an Medikamenten"

Apothekerin über die Globalisierung der Produktion und die Probleme, die das in der Region mit sich bringt

Aue/Schwarzenberg.

Aufgrund von Lieferengpässen sind in den Apotheken im Erzgebirgskreis derzeit nicht alle Medikamente verfügbar. Reporterin Anna Neef hat sich mit Antje Bertram, Apothekerin aus Lauter-Bernsbach und zugleich Sprecherin der Apothekenkammer Sachsen, über die aktuelle Situation, die Folgen für die Patienten und mögliche Alternativen unterhalten.

"Freie Presse": Wie viele und welche Medikamente sind derzeit nicht lieferbar?

Antje Bertram: Das ist ganz unterschiedlich und betrifft sowohl die verschreibungspflichtigen als auch frei verkäuflichen Mittel. Betroffen sind beispielsweise Wirkstoffe wie Ibuprofen als Schmerzmittelpräparat und Valsartan, das den Blutdruck senkt. Wie viel jeweils davon fehlt, variiert von Apotheke zu Apotheke. Bei uns stehen derzeit rund 50 Mittel auf der Warteliste.

Warum sind bestimmte Medikamente nicht lieferbar?

Der Preisdruck ist die Ursache für Mangel an Medikamenten - das bestätigt auch die Apothekenkammer. Viele Produktionsstätten wurden ins Ausland außerhalb der EU verlegt, etwa nach Asien. Hinzu kommen Einzelfälle wie der Brand einer Fabrik in den USA, die Schmerzmittel hergestellt hat. Damit fällt ein Lieferant von nur einer Handvoll weltweit weg. Es entsteht ein Engpass. Die Globalisierung der Produktion, die damit kaum noch kontrollierbar ist, kristallisiert sich also immer mehr als großes Problem heraus. So gab es bei Valsartan, das in Asien hergestellt wird, ein Qualitätsproblem, sodass es von jetzt auf gleich nicht mehr verkauft werden durfte. Die restlichen Hersteller - nicht viele - standen vor einer riesigen Nachfrage, die sie rasch nicht mehr bedienen konnten. Überdies haben viele Hersteller trotz langer Haltbarkeit nicht mehr viel auf Lager, weil das Kosten verursacht.

Einige meinen, der Engpass hat mit den Asylbewerbern zu tun. Stimmt das?

Nein, das ist Quatsch. Im Erzgebirge gleich gar nicht. Und selbst in Ballungsgebieten, in denen mehr Flüchtlinge leben, sind sie nicht der Grund für den Medikamentenmangel.

Wie können Sie und Ihre Mitarbeiter den Patienten helfen, damit für sie keine prekären Situationen entstehen?

Indem wir sie aufklären, was los ist - und andere Lösungswege suchen. Es gibt immer Alternativen. Natürlich ist das teils mit Umstellungen verbunden. Gerade Senioren sind oft auf ihre Medikamente geeicht, heißt also, sie wissen etwa aufgrund der Farbe genau, welche Tablette sie wann nehmen müssen. Das erleichtert nicht zuletzt die Arbeit der Pflegedienste, wenn die Senioren das in Eigenverantwortung hinbekommen. Diese Routine wird durch alternative Mittel, die anders aussehen, mitunter durchbrochen. Zudem fragen wir, wie viel Vorrat daheim noch besteht, um die Lieferzeit eventuell zu überbrücken und den Umstieg auf ein anderes Medikament zu vermeiden. Ohne eine Lösung hat noch keiner unsere Apotheke verlassen.

Entstehen den Kunden Mehrkosten durch Ersatzmedikamente?

Das kann passieren. Ist das ursprüngliche Medikament nicht verfügbar und unbedingt ein neues Rezept nötig, weil der Wirkstoff gewechselt werden muss, kommt es vor, dass der Patient erneut zuzahlen muss. Es kann auch sein, dass ein anderer Hersteller, der den besagten Wirkstoff noch vorrätig hat, teurer ist - zum Beispiel, weil er in Deutschland produziert oder Entwickler des Wirkstoffs ist.

Wie reagieren die Kunden auf die Situation?

Unterschiedlich. Erfreut ist natürlich keiner, wenn er das gewohnte Medikament nicht bekommt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Apotheker und Arzt?

Wir pflegen insgesamt ein sehr gutes Verhältnis und fragen nur nach, wenn es wirklich sein muss. Das ist der Fall, wenn der Wirkstoff des verschriebenen Medikaments auch nicht alternativ in einem anderen Mittel verfügbar ist. Dann muss der Arzt ein neues Rezept ausstellen. Soweit wir es selbst lösen können, indem wir zum Beispiel einfach den Hersteller oder die Firma wechseln, behelligen wir die Ärzte nicht.

Akzeptieren Krankenkassen den Austausch von Medikamenten?

Nach wie vor gilt für die Krankenkassen das Wirtschaftlichkeitsgebot, sprich so günstig wie möglich sollte es sein. Bislang gab es keine Probleme, wenn es teurer wurde. Sofern der Wechsel ordentlich dokumentiert ist, bekommen wir das Medikament bezahlt.

Wie ist die Lage bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und Impfstoffen?

Bei den frei verkäuflichen Sachen gibt es teils Engpässe, die ich nicht nachvollziehen kann. Großpackungen von Aspirin komplex, einem Erkältungsmittel, sind zum Beispiel betroffen. Aber da gibt es immer Alternativen. Anders verhält es sich beim Grippe-Impfstoff. Es war lange unklar, wie viel benötigt wird, weil es auch immer schwer abzuschätzen ist, wie viele Menschen sich nun impfen lassen. So wurde eventuell zu spät oder zu wenig produziert. Sachsen soll jetzt aber noch einmal Grippe-Impfstoff bekommen.


Zur Person

Antje Bertram ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Sie hat an der Humboldt-Universität in Berlin Pharmazie studiert, ist Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie, Homöopathie und Naturheilmittel sowie Aromatherpie-Coach. Im Jahr 1997 übernahm Antje Bertram die Vogelbeer-Apotheke von ihrer Mutter, damals noch an der Staatsstraße gelegen. 2002 folgte der Umzug ins Stadtzentrum. Zum Team gehören sieben Mitarbeiter. (ane)

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