Selbst ein Scheich kaufte im Basar mal ein

Stemmler-Pyramiden aus Grünstädtel waren viele Jahre ein Renner. Nach 1990 wurde das Geschäft für den Familienbetrieb immer schwieriger. Der 1992 eröffnete Laden zog 1994 mit in einen Neubau - und hat jetzt Ausverkauf.

Grünstädtel.

Bis Ende Mai gibt es ihn noch, den kleinen Erzgebirgsbasar am Feuerwehrdepot in Grünstädtel. Im dortigen Verkaufsraum war seit 1994 das ganze Jahr über Weihnachtszeit angesagt: Pyramiden und Schwibbögen, Leuchter und Figuren verschiedenster Hersteller. "Jetzt geben wir das Geschäft auf, der Ausverkauf läuft", sagt Günter Kaufmann. Mit seiner Statur, seinem Bart gibt er eine gute Vorlage für eine weihnachtliche Hauptfigur ab. Der 69-Jährige kann über einen solchen Vergleich schmunzeln, aber zum Lachen ist ihm und seiner Frau Ursula (65), eine geborene Stemmler, eigentlich nicht zumute.

Die Geschäftsaufgabe ist für beide nicht einfach, hängen doch nicht nur Jahrzehnte ihres Lebens damit zusammen. Es geht auch eine Tradition zu Ende. "Seit 1965 gab es den Familienbetrieb Lore Stemmler in Grünstädtel", erzählt Ursula Kaufmann. Im privaten Gewerbe wurden hauptsächlich zusammensteckbare Tischpyramiden aus naturbelassenem Holz gefertigt - Stemmler- Pyramiden. "Die Entwürfe hat mein Vater gemacht. In Hoch-Zeiten waren sieben, acht Leute beschäftigt, zum Teil in Heimarbeit", blickt die 65-Jährige zurück. Zulieferteile kamen aus vielen Orten, wie Crottendorf und Globenstein, Marienberg, Pobershau und Börnichen. "Pro Jahr sind bis zu 10.000 Exemplare entstanden. Bis 23. Dezember wurde immer mit Hochdruck gearbeitet." Der Großhandel riss dem kleinen Betrieb die Pyramiden aus den Händen, verkaufte sie vor allem in den Bezirken Cottbus, Rostock, Erfurt.

Der politische Umbruch 1989/90 und seine wirtschaftlichen Folgen änderten alles. Im Osten Deutschlands wurde die Mangelwirtschaft nach und nach durch Überangebote in vielen Bereichen abgelöst, selbst in Sachen Volkskunsterzeugnisse. "1992 haben wir in einem Bungalow auf dem heutigen Feuerwehrgelände einen Laden eröffnet", sagt Günter Kaufmann. Der gelernte Dreher, der in DDR-Zeit einige Jahre Bürgermeister in Tellerhäuser und Grünstädtel war, und seine Frau, die zuletzt als Horterzieherin gearbeitet hatte, sahen eine neue berufliche Perspektive. "Steckpyramiden waren nicht mehr so gefragt, also kauften wir von anderen Herstellern dazu", erzählt der 69-Jährige. Der Bungalow musste 1994 dem neuen Feuerwehrdepot weichen, steht seitdem im Sportplatzgelände. Kaufmanns konnten als Alternative ein Lädchen im Depot nutzen, Zugang von der B 101 aus. "So kamen wir auch zu einem ganz besonderen Kunden. Ein Scheich mit Gefolge fuhr durch den Ort, sah das Geschäft, hielt an - und kaufte etwas für all seine Frauen."

Doch der Alltag sah anders aus. "Die großen Händler diktieren die Preise. Hart formuliert, waren all die Jahre Kampf ums wirtschaftliche Überleben", sagt Ursula Kaufmann. Sie versuchten viel. Versahen Holz-Kalender und -Thermometer mit Siebdrucken, verkauften auf Weihnachtsmärkten, kreierten Schwarzenberger Glühwein, Glühweinbrot und -gelee. Anfangs ging's mit einem alten Barkas auf Tour. Zwei Tapeziertische, großer Schirm - fertig war der Stand. Ware auspacken und dann präsentieren, stundenlang, bei jedem Wetter. Gegen Konkurrenz. Die bot zum Teil viel preiswerter an, hatte Nussknacker und Räuchermänner aus Fernost im Sortiment.

Nun wollen Ursula und Günter Kaufmann loslassen, möglichst viel noch verkaufen. Langeweile lassen Haus und Hof wohl kaum aufkommen. Und die Rentner kauften sich schon Stöcke - fürs Nordic Walking.

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